Die Bise peitscht, das Gesicht wird taub. Ein Januarmorgen in Lausanne. Mit der Stadtbahn raus aus dem Zentrum, ab in die Vororte. Malley, Gemeinde Prilly. Vorstadt mit tristem Charme. Eine düstere Haltestelle im Sockelgeschoss eines bläulich schimmernden Bürobaus. Ums Eck, in der Boulangerie Polli, reicht die Portugiesin mürrisch das pain au chocolat über die Theke. Handwerker machen Kaffeepause, blättern in den Gratispostillen.

Ouest lausannois nennen die Raumplaner die neun Gemeinden Bussigny, Chavannes, Crissier, Ecublens, Prilly, Renens, St-Sulpice, Villars-Ste-Croix und Lausanne. Durchschnitts-Schweiz, entstanden im toten Winkel der Gesellschaft.

Aber preisgekrönt.

Vergangene Woche verlieh der Schweizer Heimatschutz seinen Wakkerpreis, eine Auszeichnung für "beispielhaften Ortsbildschutz", an Lausanne-West. Das ist erstaunlich. Schließlich gibt es in den Vorstädten weder Riegelhäuser, schmucke Altstädte noch geschichtsträchtige Industrieensembles. Die Heimatschützer erklären, man wollte diesmal kein Postkartenidyll, sondern eine Vision auszeichnen: den politischen Pakt von neun Gemeinden. Sie wollen ihre Bautätigkeit koordinieren, die verkommenen Quartiere zusammen aufwerten und eine gemeinsame Identität schaffen.

Aus dem Waadtländer Siedlungsbrei, dem Chaos aus Einkaufszentren, Parkplätzen, Brachen, Lagerhäusern, Eisenbahnknoten, Autobahnkreuzen, hallt ein Signal ins Land, das am "Zersiedlungs-Krebs" leidet: Auch in der Raumplanung ist nichts gottgegeben. Auch das "Monster" namens Agglomeration ist zähmbar. Und dies ohne das Reizthema Gemeindefusionen.

Aber es braucht mutige Vorkämpfer, Ideen und Realitätssinn. Etwa einen grünen Waadtländer Baudirektor, der im Jahr 2000 einen Baustopp vorschlug, um die Gebietsentwicklung in geordnete Bahnen zu lenken – schließlich sollen in zehn Jahren zusätzlich 30000 Menschen in Lausanne-West wohnen; heute sind es 76500. Oder eine rote syndique aus Renens, Marianne Huguenin, die seit 2003 den Richtplan Schéma Directeur de l’Ouest lausannois (SDOL) auf politischer Ebene verteidigt. Oder eine Architektin wie Ariane Widmer, die Lust hat, an den Rahmenbedingungen für gute Architektur zu arbeiten – und dafür einige Bürokratie-Lehrjahre in der kantonalen Verwaltung auf sich nahm.

Heute ist Widmer die Chefin des SDOL. Wir sitzen in ihrem Büro, im siebten Stock des Busdepots in Renens. Die Einrichtung ist spartanisch, der Ausblick fantastisch: Er reicht über das SBB-Gleisfeld, die Hochkonjunktur-Wohnblöcke bis in die Jurahöhen. Und mittendrin ein Monolith, das Getreidesilo von Jean Tschumi. "Wir sind im Hinterhof der Stadt Lausanne", sagt Widmer. Hierhin verlegte man 1875 den Güterbahnhof, in Lausanne selbst war dafür kein Platz. Später folgten die Eishalle, der Recyclinghof, die Verkehrsbetriebe. Aber was macht eine Richtplan-Chefin? "Ein großer Teil meiner Arbeit ist kämpfen", sagt Widmer. Eben hat sie eine Stunde lang mit einem Ingenieur gestritten. "Er wollte nicht einsehen, dass es auch für ein Tramdepot einen Architekturwettbewerb braucht." Dabei ist klar, alle wichtigen Bauprojekte werden von der Richtplan-Leitung begleitet. 70 sind es bis heute. Darunter der neue Marktplatz von Renens, der Bahnhofsneubau von Malley, das Gemeindehaus von Bussigny.