"Was stört mich mein Geschwätz von gestern" – mancher Politiker wäre froh, wenn er seine Wahlkampfversprechen mit einem Verfallsdatum versehen könnte, sodass sie nach der Wahl nicht mehr lesbar wären. Vielleicht war Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner deshalb so begeistert vom digitalen Radiergummi , den der deutsche Informatiker Michael Backes entwickelt hat.

Mitte Januar stellte die Ministerin die Erfindung vor, seit dieser Woche steht die Software X-Pire nun zum Download bereit. Nicht für Wahlprogramme, sondern vor allem für private Fotos und Filme im Internet ist das System gedacht.

Und so funktioniert es: Der Nutzer, der ein Foto etwa in Facebook einstellen will, lädt eine verschlüsselte Version des Bildes hoch und legt fest, wann es verfallen soll. Anschauen kann das Foto dann nur, wer vom X-Pire-Server einen Schlüssel herunterlädt. Das geschieht automatisch im Internetbrowser. Allerdings wird dieser Code nach der festgelegten Zeit gelöscht – danach kann niemand mehr das Bild betrachten.

Gemünzt ist die Technik vor allem auf den oft beschworenen Fall, dass Jugendliche heute hemmungslos Bilder von wilden Partys ins Netz stellen, die ihnen später beim Bewerbungsgespräch vorgehalten werden. Schützt ein System wie X-Pire davor?

Auch die Entwickler selbst geben zu, dass der Schutz technisch leicht zu umgehen ist . Jeder, der das Bild einmal auf seinem Rechner hat, kann eine unvergängliche Version davon speichern, und sei es, indem er einen Screenshot davon macht. Und erwartet irgendjemand, feiernde Teenager würden sich überlegen, dass ein Foto zwar in zwei Jahren noch sichtbar sein soll, aber nicht mehr in dreien?

Für jede Altersgruppe gilt: Wir alle können eigentlich nicht abschätzen, was von der privaten Datenflut, die wir heute produzieren, wir in ferner Zukunft interessant finden werden. Vielleicht ist uns das Partyfoto in drei Jahren peinlich, in zwanzig Jahren aber weckt es sentimentale Jugenderinnerungen. Dann aber könnte es dank digitalem Radiergummi für immer verloren sein. Die Maßstäbe verschieben sich eben – in alten Zeitungen aus den fünfziger Jahren fasziniert heute manchen die zeitgeistige Werbung mehr als die gewichtigen Artikel.