Gleich am nächsten Morgen jubelten die Zeitungen, dass die Meisterschaft dem Verein nun nicht mehr zu nehmen sei, und noch am Abend hatte Jupp Heynckes, Deutschlands erfahrener Fußballlehrer und Trainer der gegnerischen Mannschaft , der Borussia mit drei Wörtern gratuliert: "Substanz, Klasse, Fantasie."

Dabei war es, zumindest hier in Dortmund, kein besonders aufregender Abend gewesen und in der Folge dann eine gut unaufgeregte Nacht: Nieselregen. Da stand ein Kubus, umhüllt vom Foto der Weltmeistermannschaft von 1990: "Mitten ins Herz / Hier entsteht das DFB-Fußballmuseum". Die Bettel-Punks, die mit den Hunden und roten Gesichtern, trugen schwarz-gelbe BVB-Schals, und die Häuser vor dem Hauptbahnhof sahen so niederschmetternd hässlich aus, wie Häuser vor deutschen Hauptbahnhöfen eben aussehen. Das Plastikverschalte, Braune, billig Wiederaufgebaute der Bundesrepublik.

Der Reporter, gerade mit dem Zug angekommen, fragte, um gleich eine halbwegs repräsentative Auskunft der großen und traditionsreichen Fußballstadt Dortmund zu erhalten, die Punks und einen beigefarbenen Rentner, der da ebenfalls herumstand und die Punks angewidert ansah, wo man sich hier als Tourist, der gerade mit dem Zug angekommen war, den Auftakt der Rückrunde der Fußballbundesliga, das Spiel Borussia Dortmund gegen Bayer Leverkusen, angucken sollte. Gegenfrage: Sie suchen eine Fußballkneipe? Exakt, ich suche eine Fußballkneipe, bitte eine, in der es möglichst hart und fröhlich und typisch dortmunderisch zur Sache geht.

Punks und Rentner nannten, nachdem sie sich kurz miteinander beraten hatten, die folgenden drei Lokale: das Strobels auf der Strobelallee, gleich neben dem Fanshop am Stadion gelegen. Das Barrock, wie Bar und Rock in einem Wort geschrieben, das liege im Kreuzviertel, dem schönen Kneipenviertel von Dortmund. Einmal im Barrock, solle man unbedingt noch im B-Trieb vorbeischauen, das sei eine Dortmunder Urkneipe mit noch mehr Gedränge, Rauch und Bier. Freundlich nickende, auskunftsfreudige Punks. Und der Rentner stierte wieder angewidert, und die Punks soffen weiter rein.

Breite Straßen, flache Fünfziger-Jahre-Bauten. Das weiß leuchtende U der Union-Brauerei. Der Reporter wusste wenig von Dortmund, außer den Dingen, die viele wissen: Die Stadt war natürlich längst keine Arbeiterstadt mehr, das letzte Stahlwerk war vor zehn Jahren, die letzte Zeche vor rund vierzig Jahren geschlossen worden – weshalb es auch so falsch und ausgedacht klang, wenn der FC-Bayern-Fan dem BVB-Fan sein angeblich aufgesetztes Proletarier-Image vorhielt (der Dortmunder selbst glaubte schon längst nicht mehr an sein Proletentum, er war heute auf seine Technische Universität stolz, nicht auf den Kohlestaub, der einst durchs Stadion wehte).

Andersherum betrachtet: Dafür, dass Dortmund angeblich nicht mehr Dortmund war, sah es hier aber noch ganz schön nach Dortmund aus (poetisch trostlos, wie in einem Freitagabend-Krimi mit einem der bekennenden BVB-Fans, die Joachim Król oder Dietmar Bär heißen. Konnte aber auch am Nieselregen liegen).