DIE ZEIT: Eigentlich kommen ja ein Sender wie Vox und die Fernsehproduktionsfirma dctp von zwei verschiedenen Planeten. Bisher mussten sie aber zusammenarbeiten, weil der Gesetzgeber auch bei Vox vorsah, Programmfenster für dctp offen zu halten. Schaut man sich da misstrauisch an?

Alexander Kluge: Am Verhandlungstisch kann man sich sein Gegenüber nicht aussuchen. Die Medien sind ein Dschungel, da gelten die Gesetze Darwins.

Frank Hoffmann: Als wir uns das erste Mal gegenübersaßen, war es sehr konfrontativ. Da haben wir uns nichts erspart. Ich weiß noch genau, wie Herr Kluge immer zu kriegerischen Metaphern griff, aber das wirkte bei mir nicht, denn ich war ja noch nicht einmal bei der Bundeswehr.

Kluge: Herr Hoffmann hatte die Gewohnheit, wenn er in einer schwierigen Lage war, die eigentlich einen Rückzug erforderte, stehen zu bleiben, also auf die Gefahrenlage gar nicht erst zu reagieren. Wenn es ideologisch wurde von beiden Seiten, und Kommerz ist auch eine Ideologie, war es an der Grenze dessen, was man verhandeln kann. Die Nerven haben gelitten, der Respekt hat sich erhöht.

Hoffmann: Als Vox vor 18 Jahren gegründet wurde, bekam der Sender die Auflage, mit einer Doppellizenz verbreitet zu werden, das heißt, es gab Programmflächen, auf denen dctp Programme spielen durfte, und wir hatten keine Möglichkeit einer Einflussnahme. Rudimentär ist das bis zum vergangenen Jahr auf Vox zu sehen gewesen, immerhin 13 Stunden pro Woche. Ich habe das ein bisschen so empfunden, als müssten wir die Miete bezahlen für eine Wohnung, in der wir die Möbel nicht selbst verrücken dürfen, die waren gesetzt.

Kluge: Wir sind keine Möbel. dctp heißt Entwicklungsgesellschaft für Fernsehprogramme. Wir stehen für Innovation. Wenn Sie Siemens anschauen, da wird ein Drittel aller Investitionen für Neuerung ausgegeben. Im Fernsehen ist das komplett anders.

ZEIT: Der RTL-Gründer Helmut Thoma nannte Alexander Kluges dctp mal einen "Quotenkiller". Haben Sie ähnliche Erfahrungen mit ihm gemacht, Herr Hoffmann?

Hoffmann: Als ich bei Vox anfing, gab es bestimmte dctp-Programme, die am Zuschauergeschmack nicht nur knapp vorbeizielten. Wir nannten die "das Ohr", weil immer das Ohr von Alexander Kluge im Anschnitt zu sehen war. Genau diese Programme wollten wir so nicht mehr sehen, und das haben wir dann ganz offen miteinander besprochen und andere Programme auf die Beine gestellt.

ZEIT: Diese Zurückweisung Ihres "Ohres" haben Sie nicht als kränkend empfunden, Herr Kluge?

Kluge: Nein. Mir geht es darum, das Fernsehen von gestern zu etwas Modernem anzuregen. Mein Selbstbewusstsein kommt nicht aus dem Fernsehen. Ich bin ein Mann des Buches. Für mich ist Ovid der unübertroffene Vernetzer. Das ganze Internet ist nicht so gut wie die 1200 Vernetzungen in Ovids Metamorphosen.

ZEIT: Im vergangenen Jahr ist der Zwang zur Zusammenarbeit, die sogenannte Doppellizenz, ausgelaufen, aber statt dass nun jeder seiner Wege geht, wollen Sie freiwillig weiter zusammenarbeiten.

Hoffmann: Alexander Kluge und ich haben schon im vergangenen Jahr noch innerhalb dieser Doppellizenz eine neue Form der Programmierung ausprobiert, nämlich Vierstünder zu einem Thema. Mit diesen Vierstündern am Samstagabend haben wir Programme geschaffen, die von den Zuschauern geschätzt werden. Bei unserer Dokumentation über die Kennedy-Familie hatten wir einen Marktanteil von 4,6 Prozent in der Zielgruppe. Das ist kein spektakulärer Marktanteil. Doch Fernsehen ist ein Massenmedium. Es lohnt sich, nicht nur auf die Marktanteile zu schauen. So haben mehr als eine Million Menschen in die Kennedy-Doku geschaut. Wir erreichen also viele Zuschauer mit anspruchsvollen Themen. Am Samstag, den 30. April werden wir eine zwölfstündige Dokumentation über den 30. April 1945 ausstrahlen.

Kluge: Schauen Sie sich den Samstagabend an. Da haben Sie Wetten, dass...? , Deutschland sucht den Superstar und Schlag den Raab. Der Samstagabend ist ein bisschen wie der römische Zirkus in der Antike, da kämpfen Bären gegen Christen. Kein Mensch erwartet am Samstagabend Information. Das ist unsere Chance.