Schon im Mutterleib waren Mel und Kevin zusammen. Und nach der Geburt noch 19 Jahre lang, bis zum 14. Mai 2010. Einer das Ebenbild des anderen: dunkelblonde Haare, grüngraue Augen, 1,75 Meter groß, 52 Kilo schwer. Und vielleicht wäre alles anders gekommen, hätten die Zwillinge sich an jenem Abend nicht getrennt. Womöglich wäre Mel jetzt noch am Leben. Aber wer denkt an so etwas?

Hamburgs großzügige Stadtmitte mit dem historischen Rathaus, den teuren Geschäftsstraßen rund um die Alster, den Cafés und Restaurants ist wahrlich kein Ort, an dem man umeinander fürchten muss – schon gar nicht an einem lauen Maiabend. Und der U-Bahnhof Jungfernstieg, der unter diesem eleganten Viertel liegt, ist alles andere als ein finsterer Keller – weiß gekachelt ist es dort, hell, blitzsauber und modern. Die Menschen sind solide gekleidet und riechen fein – ein gepflegtes Publikum, das an jenem Abend auch noch besonders gut gelaunt heimwärts drängt, denn rund um die Alster hat es ein Kirschblütenfest gegeben. Und doch wird Mel – ein behüteter Junge aus bürgerlicher Familie – an diesem Freitagabend mitten im U-Bahnhof unter all den Passanten mit einem Messerstich ins Herz getötet.

Eigentlich hatten die Zwillinge zusammen fahren wollen: Mit der U2 von der Haltestelle "Horner Rennbahn" sechs Stationen bis "Jungfernstieg", dort umsteigen in die S1 in Richtung Wedel. Ihr Ziel: Maxx, eine Megadisco außerhalb. Doch Mel hat etwas vergessen, er rennt noch einmal nach Hause und läuft bei seiner Rückkehr knapp am Zwillingsbruder Kevin vorbei, der, von ihm unbemerkt, gerade in diesem Moment einen der U-Bahn-Läden betreten hat, um einen Energydrink zu kaufen. Im Glauben, Kevin sei ihm voraus, springt Mel, begleitet von seinem Freund Benny, in den nächsten Zug, Kevin selbst folgt dann ein paar Minuten später. Als er um 21.40 Uhr am Jungfernstieg aus der U2 tritt, liegt Mel sterbend auf dem Bahnsteig.

Mel atmet noch, als Kevin ihn in die Arme nimmt, seine Zunge bewegt sich, als wolle er etwas sagen, aber er blickt schon durch den Bruder hindurch wie ein Träumender. Kevin ruft: "Hey, hey, Mel!" Er drückt seinen Mund auf den des Bruders und versucht, ihm Leben einzuhauchen. Dann kommen die Sanitäter, sie schneiden Mels Hemd und den blutdurchtränkten Pullover auf, und da sieht Kevin den Stich: ein kleines klaffendes Loch, seitlich oberhalb der linken Brustwarze, nur etwa zwei Finger breit. Aber sehr rot. Und sehr tief.

Mel verblutet noch an Ort und Stelle, das Messer ist ihm zehn Zentimeter in die Brust gedrungen, hat die Lunge durchstoßen und das Herz getroffen. Als Kevin seinen Zwilling am nächsten Tag wiedersieht, liegt er starr und einsam im Keller der Gerichtsmedizin und hat keine Ähnlichkeit mehr mit dem Mel von gestern. Neben Kevin stehen die Eltern und der 21-jährige Bruder, gelähmt vom Verlust, sowie der kleine Zwölfjährige, der ohne Unterlass nach dem Toten schreit. Später wird das Landgericht Hamburg feststellen, dass Mels Tötung nicht mehr als drei Sekunden gedauert hat und von der Menge unbemerkt vor sich gegangen ist.

Trotzdem hat es einen Zeugen gegeben, einen stillen, unbestechlichen Beobachter, dessen kaltes Auge die Tat registriert und der sich alle Gesichter gemerkt hat. Das Video des Kameraüberwachungssystems der Hamburger Hochbahn hat dokumentiert, was am 14. Mai im Untergrund des Jungfernstiegs geschah: Es zeigt das Gesicht des bereits tödlich getroffenen Mel, der – fassungslos, die Hand an der Brust – den Bahnsteig entlangtaumelt. Es zeigt die verwirrte Miene seines Begleiters Benny, der Mel plötzlich stürzen sieht, ihm noch einmal auf die Beine hilft, bevor der Freund endgültig zu Boden geht. Und da ist auch das Gesicht des Täters. Ein sehr junges Gesicht unter einem breiten Irokesenschnitt. Der Junge läuft in einem Pulk anderer Burschen direkt auf die Kamera zu. Er trägt – als wollte er den Strafverfolgern die Arbeit erleichtern – einen knallroten Pullover.

Zwei Tage später wird der Tatverdächtige im Treppenhaus jenes Mehrfamilienhauses verhaftet, in dem er mit seinen Eltern und den beiden Brüdern lebt: Er heißt Elias. Er ist Deutscher afghanisch-serbischer Herkunft. Und er ist erst 16 Jahre alt. Auch seine fünf Gefolgsleute werden dingfest gemacht, einer ist Elias’ Bruder Raphael, die anderen sind Halbstarke aus der Nachbarschaft, fast alle polizeibekannt. Den Messerstecher Elias wiederzuerkennen kostet die Kriminalbeamten seines Viertels nur einen kurzen Blick. Er gehört zur Gruppe der sogenannten Protäkt-Täter, also zu den rund hundert besonders gewaltbereiten Jugendlichen , die von den Behörden der Hansestadt intensiv überwacht werden sollen. Protäkt – das Wortungetüm steht für "Projekt täterorientierte Kriminalitätsbekämpfung".

In der polizeilichen Vernehmung gesteht Elias die Tat sofort. Seine Angaben decken sich weitgehend mit denen von Mels Begleiter Benny. Danach hat sich unter dem Jungfernstieg von 21.20 bis 21.30 Uhr Folgendes abgespielt:

Mel und Benny verlassen die U2 und steigen die Treppe zur S1 hinauf, wo sie auf einer Bank Platz nehmen, um auf Mels Zwillingsbruder zu warten. Dass der demnächst eintreffen wird, haben sie inzwischen per Handy erfahren. Wie sie da sitzen, reden und lachen, schickt der Zufall Elias vorbei. Der hat den ganzen Tag mit seiner Gang verbummelt, nun ist er wütend, weil er sich gerade neben den Geleisen mit seinem jüngeren Bruder Raphael geprügelt hat. Die anderen Gangmitglieder sind dazwischengegangen, und so ist die Schlägerei abgebrochen, was Elias noch zusätzlich aufgebracht hat. Mit den Worten "Verpisst euch!" hat er seine Begleiter stehen lassen und ist davongestürmt. Jetzt kommt er derart geladen an jener Bank vorbei, auf der Mel und Benny vergnügt lachend sitzen.