Schon im Mutterleib waren Mel und Kevin zusammen. Und nach der Geburt noch 19 Jahre lang, bis zum 14. Mai 2010. Einer das Ebenbild des anderen: dunkelblonde Haare, grüngraue Augen, 1,75 Meter groß, 52 Kilo schwer. Und vielleicht wäre alles anders gekommen, hätten die Zwillinge sich an jenem Abend nicht getrennt. Womöglich wäre Mel jetzt noch am Leben. Aber wer denkt an so etwas?

Hamburgs großzügige Stadtmitte mit dem historischen Rathaus, den teuren Geschäftsstraßen rund um die Alster, den Cafés und Restaurants ist wahrlich kein Ort, an dem man umeinander fürchten muss – schon gar nicht an einem lauen Maiabend. Und der U-Bahnhof Jungfernstieg, der unter diesem eleganten Viertel liegt, ist alles andere als ein finsterer Keller – weiß gekachelt ist es dort, hell, blitzsauber und modern. Die Menschen sind solide gekleidet und riechen fein – ein gepflegtes Publikum, das an jenem Abend auch noch besonders gut gelaunt heimwärts drängt, denn rund um die Alster hat es ein Kirschblütenfest gegeben. Und doch wird Mel – ein behüteter Junge aus bürgerlicher Familie – an diesem Freitagabend mitten im U-Bahnhof unter all den Passanten mit einem Messerstich ins Herz getötet.

Eigentlich hatten die Zwillinge zusammen fahren wollen: Mit der U2 von der Haltestelle "Horner Rennbahn" sechs Stationen bis "Jungfernstieg", dort umsteigen in die S1 in Richtung Wedel. Ihr Ziel: Maxx, eine Megadisco außerhalb. Doch Mel hat etwas vergessen, er rennt noch einmal nach Hause und läuft bei seiner Rückkehr knapp am Zwillingsbruder Kevin vorbei, der, von ihm unbemerkt, gerade in diesem Moment einen der U-Bahn-Läden betreten hat, um einen Energydrink zu kaufen. Im Glauben, Kevin sei ihm voraus, springt Mel, begleitet von seinem Freund Benny, in den nächsten Zug, Kevin selbst folgt dann ein paar Minuten später. Als er um 21.40 Uhr am Jungfernstieg aus der U2 tritt, liegt Mel sterbend auf dem Bahnsteig.

Mel atmet noch, als Kevin ihn in die Arme nimmt, seine Zunge bewegt sich, als wolle er etwas sagen, aber er blickt schon durch den Bruder hindurch wie ein Träumender. Kevin ruft: "Hey, hey, Mel!" Er drückt seinen Mund auf den des Bruders und versucht, ihm Leben einzuhauchen. Dann kommen die Sanitäter, sie schneiden Mels Hemd und den blutdurchtränkten Pullover auf, und da sieht Kevin den Stich: ein kleines klaffendes Loch, seitlich oberhalb der linken Brustwarze, nur etwa zwei Finger breit. Aber sehr rot. Und sehr tief.

Mel verblutet noch an Ort und Stelle, das Messer ist ihm zehn Zentimeter in die Brust gedrungen, hat die Lunge durchstoßen und das Herz getroffen. Als Kevin seinen Zwilling am nächsten Tag wiedersieht, liegt er starr und einsam im Keller der Gerichtsmedizin und hat keine Ähnlichkeit mehr mit dem Mel von gestern. Neben Kevin stehen die Eltern und der 21-jährige Bruder, gelähmt vom Verlust, sowie der kleine Zwölfjährige, der ohne Unterlass nach dem Toten schreit. Später wird das Landgericht Hamburg feststellen, dass Mels Tötung nicht mehr als drei Sekunden gedauert hat und von der Menge unbemerkt vor sich gegangen ist.

Trotzdem hat es einen Zeugen gegeben, einen stillen, unbestechlichen Beobachter, dessen kaltes Auge die Tat registriert und der sich alle Gesichter gemerkt hat. Das Video des Kameraüberwachungssystems der Hamburger Hochbahn hat dokumentiert, was am 14. Mai im Untergrund des Jungfernstiegs geschah: Es zeigt das Gesicht des bereits tödlich getroffenen Mel, der – fassungslos, die Hand an der Brust – den Bahnsteig entlangtaumelt. Es zeigt die verwirrte Miene seines Begleiters Benny, der Mel plötzlich stürzen sieht, ihm noch einmal auf die Beine hilft, bevor der Freund endgültig zu Boden geht. Und da ist auch das Gesicht des Täters. Ein sehr junges Gesicht unter einem breiten Irokesenschnitt. Der Junge läuft in einem Pulk anderer Burschen direkt auf die Kamera zu. Er trägt – als wollte er den Strafverfolgern die Arbeit erleichtern – einen knallroten Pullover.

Zwei Tage später wird der Tatverdächtige im Treppenhaus jenes Mehrfamilienhauses verhaftet, in dem er mit seinen Eltern und den beiden Brüdern lebt: Er heißt Elias. Er ist Deutscher afghanisch-serbischer Herkunft. Und er ist erst 16 Jahre alt. Auch seine fünf Gefolgsleute werden dingfest gemacht, einer ist Elias’ Bruder Raphael, die anderen sind Halbstarke aus der Nachbarschaft, fast alle polizeibekannt. Den Messerstecher Elias wiederzuerkennen kostet die Kriminalbeamten seines Viertels nur einen kurzen Blick. Er gehört zur Gruppe der sogenannten Protäkt-Täter, also zu den rund hundert besonders gewaltbereiten Jugendlichen , die von den Behörden der Hansestadt intensiv überwacht werden sollen. Protäkt – das Wortungetüm steht für "Projekt täterorientierte Kriminalitätsbekämpfung".

In der polizeilichen Vernehmung gesteht Elias die Tat sofort. Seine Angaben decken sich weitgehend mit denen von Mels Begleiter Benny. Danach hat sich unter dem Jungfernstieg von 21.20 bis 21.30 Uhr Folgendes abgespielt:

Mel und Benny verlassen die U2 und steigen die Treppe zur S1 hinauf, wo sie auf einer Bank Platz nehmen, um auf Mels Zwillingsbruder zu warten. Dass der demnächst eintreffen wird, haben sie inzwischen per Handy erfahren. Wie sie da sitzen, reden und lachen, schickt der Zufall Elias vorbei. Der hat den ganzen Tag mit seiner Gang verbummelt, nun ist er wütend, weil er sich gerade neben den Geleisen mit seinem jüngeren Bruder Raphael geprügelt hat. Die anderen Gangmitglieder sind dazwischengegangen, und so ist die Schlägerei abgebrochen, was Elias noch zusätzlich aufgebracht hat. Mit den Worten "Verpisst euch!" hat er seine Begleiter stehen lassen und ist davongestürmt. Jetzt kommt er derart geladen an jener Bank vorbei, auf der Mel und Benny vergnügt lachend sitzen.

 

Elias hat die beiden Jungs noch nie gesehen, doch er fühlt sich von ihrer Heiterkeit sofort provoziert. "Was guckst du so?", fährt er den überraschten Benny an. "Darf ich nicht?", fragt der zurück. Elias holt mit einer bedrohlichen Geste zum Hieb aus, da steht Benny auf und wehrt den Angreifer mit einer Gegenbewegung ab. Plötzlich hat Elias ein Messer in der Hand. Er trägt es schon die ganze Zeit in der Hosentasche. Es ist ein kleines Taschenmesser mit einer sehr spitzen, gezackten Klinge. Elias hat es einem Zwölfjährigen abgenommen, aus erzieherischen Gründen, wie er später behauptet.

Jetzt klappt er die Klinge auf und richtet sie gegen die beiden Jungen. Benny merkt, dass es ernst wird, und flüchtet hinter die Sitzbank. Und nun erhebt sich auch Mel. Er ist sein Leben lang ein ruhiger, besonnener Mensch gewesen, darum versucht er auch jetzt, durch begütigende Gesten die Situation zu deeskalieren. Doch da sind die Kumpane von Elias, die ihrem Anführer gefolgt sind, schon heran, einige schlagen blindlings auf den wehrlos dastehenden Mel ein. Schließlich hebt Elias das Messer und rammt es dem schmächtigen Mel in den Oberkörper.

"Ich wollte einen der beiden verletzen", wird Elias im Verhör zu den Polizeibeamten sagen – später, als er erkennt, in welche Lage er sich gebracht hat. Er wird zugeben, dass alles "große Scheiße" gewesen ist, zumal Mel keineswegs aggressiv war: Der habe ihn nicht angegriffen, wird Elias einräumen, ja nicht einmal beleidigt. Er selbst hätte bloß weiterzugehen brauchen, dann wäre überhaupt nichts passiert. Aber: "Ich hatte einfach ’ne Wut in mir."

Nach dem Stich gelingt Mel die Flucht. Er ist zwar tödlich getroffen, aber noch einige Minuten lang handlungsfähig. Hinter Benny hastet er die Treppe hinunter, zurück zur U2, wo der Zwilling jeden Moment eintreffen muss. Die Angreifer verfolgen ihre beiden Opfer noch ein Stück; als zwei Mitarbeiter der Hochbahnwache auftauchen, kehren sie um und geben Fersengeld. "Wir haben gar nichts getan, und die haben gleich ein Messer gezogen", sagt Mel keuchend zu den Hochbahnwächtern. Dann bricht er zusammen.

Elias und seine Anhänger flüchten die Rolltreppe hinauf in die Nacht. Auf der Treppe wird Elias offenbar schwach in den Beinen, denn auf dem Überwachungsvideo ist zu sehen, wie er sich plötzlich auf die metallenen Stufen setzt und mit dem Rücken voran nach oben gleitet. Zunächst trennt sich die Gruppe, aber später trifft sie sich in einem Park wieder. Dort zeigt Elias – seine Kameraden haben von dem blitzschnell versetzten Stich gar nichts mitbekommen – das blutige Messer vor. Allerdings, beruhigt er die anderen, könne er sein Opfer höchstens am Arm erwischt haben. Auch später wird Elias bei der Polizei und selbst vor Gericht immer bei seiner Behauptung bleiben, er habe Mel nicht töten wollen, ja er habe nicht einmal bemerkt, dass der Stich in dessen Brust gegangen sei. Mel sei doch davongerannt. Er habe deshalb geglaubt, nur den Arm getroffen zu haben, und erst anderntags aus den Medien erfahren, dass der 19-Jährige vom Jungfernstieg gestorben sei.

Aber in jener Nacht nach der Tat schwört er seine Kameraden im Park auf Stillschweigen ein. Sich selbst rasiert er gleich den Schädel kahl, um eine Identifizierung zu erschweren. Das Tatmesser schleudert er ins Hamburger Hafenbecken. Weder am Tatabend noch am nächsten oder übernächsten Tag stellt sich Elias der Polizei.

Obwohl erst sechzehn, reagiert er nervenstark und geordnet. Er erleidet keinen psychischen Zusammenbruch. Kein Zeuge sieht ihn weinen oder verzweifeln. Keiner sieht ihn übermäßig erschüttert. Weder den Eltern noch irgendeinem Lehrer vertraut er sich an. Allein den älteren Bruder Gabriel weiht Elias ein. Gabriel, selbst kriminell, rät dem Jüngeren, sich zu stellen: "Mach das, das ist besser für dich." Doch Elias will nicht hören. Als exkulpiere ihn schon die Tatsache, dass er von den verheerenden Folgen seiner Messerattacke nichts wusste, hofft er bis zuletzt, doch noch davonzukommen.

Einen Monat nach der Tat schickt Elias aus dem Gefängnis einen Entschuldigungsbrief an die Eltern des Getöteten. "Ich wollte Ihnen sagen", schreibt er, "dass ich Ihnen Ihren geliebten Sohn nie wegnehmen wollte." Die Tat tue ihm "unendlich leid", und er bereue alles Geschehene zutiefst. Der Brief mag ehrlich gemeint sein – Mels Eltern glauben den Beteuerungen nicht. Sie fragen sich: Soll man einem Jungen, der mit einem Messer bewaffnet auf die Straße geht und aus einer Laune heraus unser Kind ersticht, glauben, dass er das alles nicht gewollt hat? Und sie antworten: Nein. Wer auf die Straße geht und ein Messer mitnimmt, hat bereits eine Entscheidung getroffen. Nämlich die, das Messer bei Bedarf einzusetzen. Da gebe es nichts zu entschuldigen.

Wer Mels Hinterbliebene dieser Tage besucht, wer sich an den düsteren Familientisch setzt, in das bekümmerte Antlitz der Mutter, die versteinerte Miene des Vaters und die ausweichenden Augen der drei Brüder blickt, der begreift, welch großartiges Geschenk ein ganz normaler, langweiliger Alltag ist: welch eine Gnade, wenn der elterliche Gram den schlechten Noten der Kinder gelten darf. Wenn ein verpasster Karrieresprung, ein verregneter Urlaub oder ein Schaden am Fahrzeug den Gipfel allen Unglücks darstellt.

In Mels Familie werden seit Mai dergleichen Widrigkeiten nicht einmal mehr registriert. Weihnachten ohne Mel war schlimm, aber letztlich nicht schlimmer als alle anderen Tage ohne Mel. Nachts geistert der Vater durch die Wohnung, und der Mutter trommelt das Herz an die Rippen wie nach einem Marathonlauf. Dann steht sie auf – und Mel ist tot. Sie geht ins Bad – Mel ist tot. Sie kocht Kaffee – Mel ist tot. Er ist tot, wenn sie einkaufen geht, und bleibt tot, wenn sie sich im Büro über ihre Arbeit beugt. Am Morgen sehnt sie den Abend herbei und am Abend den Morgen.

Wieder und wieder haben die Eltern das Video der Hochbahn abgespielt. Sie haben keine Ruhe gefunden, sie mussten wissen, wie ihr Kind umkam: Hatte es Schmerzen? Hat es sich gequält? Hat es große Ängste ausstehen müssen? Wieder und wieder haben sie Mel beim Sterben beobachtet: Da geht er den Bahnsteig entlang, ein lebender Toter, nicht mehr zu retten, die Hand an der Einstichstelle, da fällt er, steht schwankend auf, blickt erstaunt, schüttelt den Kopf, als könne er nicht fassen, was man ihm angetan hat, kippt wieder um und bleibt jetzt liegen. Das Video endet und beginnt aufs Neue: Abermals fährt die U2 ein, und ein wiederauferstandener Mel verlässt den Waggon gesund und munter, geht die Treppe hinauf zur S1 – abermals seinem gewaltsamen Ende entgegen. Wieder und wieder.

 

Zwölf Tage lang hat das Landgericht Hamburg die Tötung Mels im nicht öffentlichen Jugendverfahren verhandelt. An jedem Prozesstag sind die Eltern dabei gewesen. "Ich wollte den Täter sehen", sagt Mels Mutter. Aber auf der Anklagebank saß jetzt bloß ein kleiner Junge, noch kleiner als ihr toter Sohn, und starrte auf seine Schuhe. Ein kaltherziger Junge vielleicht – aber ein Junge, fast noch ein Kind. Wie sollte sie, die selbst vier Jungen geboren hat, diesen Angeklagten hassen? Sie weiß, dass Elias seit seiner Kindheit gewalttätig ist. Dennoch trifft ihn nur ein Teil der Schuld: Wo waren seine Eltern? Wo seine Lehrer? Wo war das Jugendamt? Wo waren die Behörden und Gerichte? "Niemand hat auf das Wohl dieses Kindes geachtet", sagt Mels Mutter, "niemand hat ihm Grenzen gesetzt." Als hätten alle die Augen fest verschlossen vor dem, was da heranwuchs. "Ich hasse nicht Elias", sagt sie. "Ich hasse die Gleichgültigkeit, die Apathie, mit der man ihm begegnet ist. Er selbst ist doch bloß das ausführende Organ ganz anderer Missstände."

Die Taten von Elias (und die seines älteren Bruders Gabriel und des jüngeren Raphael) füllen bei der Polizei und den Jugendbehörden viele Ordner. Doch selbst im Prozess vor dem Landgericht sind die Umstände, unter denen die drei Brüder aufwuchsen, nur am Rande erörtert worden. Die Richter haben darauf verzichtet, die umfangreichen Unterlagen des Jugendamtes und der Sozialbehörden, welche die Familie des Täters seit Jahren im Visier haben, heranzuziehen, um die Genese des Falls zu verstehen. Elias’ Familie hat vor Gericht von ihrem Recht Gebrauch gemacht, das Zeugnis zu verweigern. Und so ist die Lebensgeschichte des 16-Jährigen im Dunkel geblieben und die Frage, was ihn werden ließ, wie er ist, nicht beantwortet worden.

Die Wut des Elias bricht sich zum ersten Mal Bahn im Mai 2004 – da ist der Junge zehn Jahre alt. Auf einem Fußballplatz fängt er grundlos Streit mit dem gleichaltrigen Max an und schlägt dem Jungen mit der Faust derart hart ins Gesicht und gegen den Kehlkopf, dass Max um Luft ringend zusammenbricht. Mit dem Rettungswagen wird er ins Krankenhaus gebracht. Die Polizei vermerkt, dass Elias durch sein brutales Vorgehen im Viertel mittlerweile als Schläger gelte. Der aus Afghanistan eingewanderte Vater und die serbische Mutter beaufsichtigten ihn und die Brüder nur unzureichend. Da die Kinder zwar gewalttätig, aufgrund ihres Alters aber strafrechtlich nicht zu belangen sind, führen zwei Polizeibeamte mit der ganzen Familie ein sogenanntes "normverdeutlichendes Gespräch": Sie ermahnen die minderjährigen Delinquenten, dass ihr Verhalten vom Staat nicht geduldet werde. Den Eltern empfehlen sie, die Söhne zum Antiaggressionstraining zu schicken und sich ans Jugendamt zu wenden.

Im März 2009 explodiert die Wut des Elias erneut: Auf dem Pausenhof seiner Schule bricht der nun gerade 15-Jährige einem Erzieher in Ausbildung mit einem Faustschlag den Unterkiefer. Der junge Pädagoge war von einer Schülerin zu Hilfe gerufen worden, weil zwischen zwei Pulks aus der vierten und fünften Klasse ein heftiger Streit entbrannt war. Er ist zwischen die Fronten getreten und versucht gerade, die boxenden und rempelnden Kinder zu trennen, als Elias – damals selbst ein Schüler, den der Heimweg zufällig an der Szene vorbeiführt – sich einmischt. Der Erzieher erinnert sich heute noch recht gut an den Vorfall: Elias, dunkel gekleidet, habe sich von zwei Begleitern gelöst und ihn, der gerade mit der Streitschlichtung beschäftigt war, mit lauter Stimme mehrmals angeherrscht: "Wer bist du, was machst du hier?" Dabei sei Elias ganz nah herangetreten, sodass seine Stirn die des Pädagogen fast berührte. Der sagt, er habe sich vom großspurigen Auftreten dieses fremden Halbwüchsigen "massiv bedrängt" gefühlt und ihn mit beiden Händen von sich geschoben. Da habe Elias ausgeholt und ihm blitzschnell einen harten Fausthieb gegen die Kinnlade versetzt.

Ob er damals tatsächlich umgefallen ist, was verschiedene Beobachter gesehen haben wollen, oder nur benommen dagestanden hat, kann der Erzieher heute nicht mehr sagen. Aber an das Blut, das ihm aus dem Mund quoll, erinnert er sich noch und auch daran, dass er später im Spiegel der Herrentoilette feststellte, dass seine Zähne nicht mehr in einer Reihe standen. Zwei Stunden dauerte die Mundoperation, und die Metallplatten, mit denen sein gebrochener Unterkiefer für das folgende halbe Jahr geschient werden musste, liegen heute noch bei ihm im Regal.

In fast noch üblerer Erinnerung als den Faustschlag hat der Erzieher allerdings den Prozess wegen Körperverletzung vor dem Amtsgericht Hamburg ein halbes Jahr später. Er und seine Freundin, die dabei war, als er den Kinnhaken bekam, wurden als Zeugen vernommen. Als er seine Geschichte erzählte, berichtet der Pädagoge, sei Elias’ Verteidiger, der Hamburger Anwalt Uwe Maeffert, regelrecht über ihn hergefallen, sodass "ich plötzlich das Gefühl hatte, ich hätte Elias geprügelt und nicht umgekehrt". Seiner Freundin, ebenfalls Erzieherin, erging es nicht besser. Sie berichtet von "chaotischen Wortgefechten" und Ordnungsgelddrohungen. Die junge Frau sagt, sie habe das Gefühl gehabt, der Verteidiger wolle sie einschüchtern und unglaubwürdig machen. Dabei sei es doch das Ziel eines Jugendverfahrens, dem minderjährigen Täter bewusst zu machen, dass er anderen Menschen Leid und Schaden zugefügt hat. In diesem Prozess aber sei alles verdreht worden. "Als ich aus dem Saal ging, war ich geknickt und traurig", erinnert sie sich. Sie habe einen letzten Blick auf den angeklagten Elias geworfen und dabei den Eindruck gewonnen, er wirke nicht nachdenklich, sondern "recht zufrieden". Nach ihrer Zeugenvernehmung, berichten beide Erzieher, habe der Richter sie noch hinausbegleitet und sich mit den Worten "Tut mir leid, dass Sie das erleben mussten" bei ihnen entschuldigt.

Uwe Maeffert, der in Hamburg als fanatischer Widersacher der Strafjustiz gilt, hat damals durchaus einen Sieg errungen – jedenfalls nach dem gängigen Maßstab, wonach sich die Qualität der Verteidigung an der Milde der Strafe bemisst.

Für den Faustschlag erhält Elias bloß die Weisung, "fünf Arbeitsleistungen zu erbringen", zwei in Form von Gartenarbeit in öffentlichen Anlagen, drei in einer Holzwerkstatt – eine Auflage, die er mit wechselnder Einsatzfreude erfüllt. Dann wird das Strafverfahren vom Amtsgericht eingestellt.

Am 9. August 2009, einen Monat bevor der Körperverletzungsprozess vor dem Amtsgericht überhaupt stattfindet, hat sich der wütende Elias allerdings schon an einer weiteren Gewalttat beteiligt. Mit vier Freunden – drei davon werden später auch bei Mels Tötung dabei sein – überfällt er eines Abends drei junge Männer aus Buchholz, die sich besuchsweise in Hamburg aufhalten und nach einem Jahrmarktbummel auf einer öffentlichen Sitzbank ausruhen. Zuerst fragen die Angreifer nach Zigaretten, dann nach Geld, zuletzt schlagen und treten sie auf die Buchholzer ein. Einem brechen sie das Nasenbein und demolieren ihm die unteren Schneidezähne. Ein Zweiter trägt eine geschwollene, blutige Nase, Schürfwunden und Hämatome davon. Dem Dritten gelingt es, sich zu entziehen. Einen Gast, der aus einem nahe gelegenen Lokal den Attackierten zu Hilfe eilt, trifft eine halb volle Bierflasche, die einer der Angreifer ihm entgegenschleudert.

 

Die Polizei erwischt alle fünf. In der Befragung gibt Elias zu, einem der jungen Männer seine rechte Faust drei Mal ins Gesicht gerammt zu haben, sodass der umgefallen sei, er behauptet aber, angegriffen worden zu sein. Seine vier Mittäter sucht die Polizei zu einem "normverdeutlichenden Gespräch" auf, bei Elias halten die Beamten diese Maßnahme nunmehr für sinnlos. Der Junge gilt seit 2008 als Intensivtäter und hat nicht nur selber diverse solcher Normgespräche an sich vorbeigehen lassen, sondern auch an den polizeilichen Belehrungen seiner Brüder teilgenommen. Über die möglichen Folgen seines Handelns ist er inzwischen informiert.

Schon wenige Wochen nach dem Überfall auf die drei Buchholzer klagt die Staatsanwaltschaft Hamburg Elias und drei der Mittäter am 30. September 2009 wegen räuberischer Erpressung und gefährlicher Körperverletzung an. Doch obwohl Richter durch das Beschleunigungsgebot des Jugendgerichtsgesetzes verpflichtet sind, Verfahren gegen Minderjährige zeitnah zu terminieren, damit zwischen Tat und Sanktion ein klarer Zusammenhang erkennbar wird, hat die zuständige Amtsrichterin noch nicht einmal einen Hauptverhandlungstermin angesetzt, als Elias sieben Monate später Mel ersticht.

Zu dieser Verzögerung dürfte unter anderem beigetragen haben, dass Elias zwei Wochen nach der Anklageerhebung neuerlich gewalttätig geworden ist: Am Abend des 14. Oktober 2009 schlägt er zusammen mit seinem jüngeren Bruder Raphael den Leiter eines benachbarten Supermarktes und dessen Kassierer krankenhausreif. Die beiden Jungs haben sich den Unmut der Männer zugezogen, weil sie in der Backwarenabteilung mit bloßen Händen frische Brötchen angefasst und dann wieder in den Korb zurückgelegt haben. Als der Leiter, der die Jungs vom Sehen kennt, diese auffordert, ihre Finger aus dem Gebäck zu nehmen, weil andere Leute es noch kaufen wollten, pöbeln sie herum. Der Chef des Supermarkts teilt ihnen mit, er verkaufe ihnen ab sofort nichts mehr, sie hätten Hausverbot.

Als der Mann und sein Kassierer, beide um die dreißig und aus der Türkei stammend, abends ihr Geschäft abschließen, stehen Elias und sein Bruder schon davor und warten. Sie haben ihren Schäferhund dabei. Sie spucken die Männer an, nennen sie "Scheißtürken" und prügeln zuletzt mit Fäusten auf sie ein. Die Angegriffenen erleiden Verletzungen am Kopf und im Gesicht. Eine Brille geht zu Bruch. Jemand aus der Nachbarschaft ruft die Polizei. Doch da ist Elias schon ohne Eile nach Hause gegangen und beobachtet den Einsatz der Ordnungskräfte von seinem Fenster aus. "Ich hatte keinen Bock mehr auf das Gelaber", erklärt der Junge seinen Abgang später gegenüber den Beamten. Im Übrigen sei er "stolz darauf", die beiden Männer ordentlich verletzt zu haben: "So lohnt sich die Anzeige wenigstens." Und: "Die Leute haben das verdient."

Verdient hat es offenbar auch jener Kioskbesitzer, der Elias auffordert, seinen Laden zu verlassen, und der von dem Halbstarken daraufhin bespuckt und übel beschimpft wird. Beim Hinausgehen tritt Elias noch die Glasscheibe der Kiosktür ein. Und verdient scheint es auch jene Nachbarin zu haben, die sich weigert, ihren Sohn hinunter auf die Straße zu schicken, wo Elias nach ihm ruft. Das ist am 17. April 2010, vier Wochen vor Mels Tod. Der Junge will mit Elias nichts zu tun haben, und die Mutter fürchtet dessen schlechten Einfluss. Als Elias und seine Kumpane (zwei davon werden später auch bei dem Messerstich dabei sein) nicht lockerlassen, geht die Mutter persönlich hinunter, um die Störenfriede zu vertreiben. Mit beiden Händen stößt sie Elias von der Haustür. Da spuckt der ihr ins Gesicht, schimpft sie "Fotze" und "fette Frau" und droht, man werde ja sehen, ob ihr Sohn in den nächsten Tagen heil nach Hause komme.

Alles in allem scheint Elias gerade in dem Jahr, bevor er Mel umbringt, jedes Maß und jede Beherrschung verloren zu haben. Seine Wut und sein Ego wachsen ins Grenzenlose. Als eine Polizeistreife den 15-Jährigen um zwei Uhr früh auf der Reeperbahn aufgreift und ihn – seine Eltern sind telefonisch nicht erreichbar – nach Hause bringt, prahlt er im Auto sinngemäß damit, die Bewohner seines Viertels in Angst zu versetzen und ihnen durch Schläge Respekt abzunötigen. Er selbst respektiert zu diesem Zeitpunkt niemanden mehr – als wäre er unangreifbar und keinerlei Regeln unterworfen. Sogar gegenüber Polizeibeamten brüstet er sich mit seinen Gewalttaten. Als die zu bedenken geben, für solche Geschichten komme man irgendwann ins Gefängnis, winkt Elias nur lachend ab. So was sei ihm schon oft prophezeit worden, aber: "Wie man sieht, passiert mir ja nichts."

Und er hat recht. Von 2004 bis 2010 registriert die Kriminalpolizei zwanzig Straftaten des Intensivtäters Elias – darunter acht Körperverletzungsdelikte –, von denen nicht eine einzige zu einer gerichtlichen Sanktion führt (von der Gartenarbeit abgesehen). Dass die Lethargie der ihn umgebenden Erwachsenen in Elias’ Kinderlogik als Billigung seines gewalttätigen Verhaltens gedeutet wird und deshalb die Schwere seiner Delikte von Mal zu Mal zunimmt, ist lerntheoretisch nur konsequent. Bis die dissoziale Entwicklung des Jungen im Tötungsdelikt gegen Mel schließlich ihren Höhepunkt erreicht.

Später, in den Gesprächen mit dem kinder- und jugendpsychiatrischen Sachverständigen, wirft der Untersuchungshäftling Elias dem Staat und den Behörden vor, seine Fehlentwicklung durch amtliche Nachsicht begünstigt zu haben: Wäre man ihm, Elias, früher entgegengetreten, sagt er jetzt selber, hätte die Justiz früher eingegriffen und hätte man ihn früher inhaftiert, so wäre ihm dies eine Lehre gewesen, und er hätte weitere Straftaten wahrscheinlich unterlassen. Ja, betont Elias, er habe sich regelrecht gewünscht, einmal eingesperrt zu werden, denn bis zum Messerstich sei er praktisch ohne Folgen davongekommen.

Die für Elias zuständigen Polizeibeamten haben alle Untaten des Halbwüchsigen an die Jugendbehörde gemeldet und ihn im Herbst 2009 als Kandidaten für die gründliche Protäkt-Überwachung vorgeschlagen. Diese staatliche Maßnahme gilt jugendlichen Intensivtätern, die nicht nur durch eine Vielzahl von Delikten aufgefallen, sondern deren Rohheit ihnen auch eine negative Prognose beschert. Im Januar 2010, vier Monate vor Mels Tod, wird Elias von der Staatsanwaltschaft schließlich als besonders gefährlicher Protäkt-Intensivtäter registriert. Doch das Protokoll der ersten sogenannten Fallkonferenz vom 29. März 2010, zu der sich ein Dutzend Sachbearbeiter aus Polizei, Staatsanwaltschaft, Jugendhilfe, Jugendgerichtshilfe, Schule und diversen Beratungsstellen versammeln, um über den 16-Jährigen zu befinden, lässt ein nur mäßiges Engagement der Amtspersonen erkennen: Zwar berichtet der für Elias zuständige Polizeibeamte über die neuesten Gewalttaten des Jungen und warnt, Elias benutze "alles Mögliche an Waffen" und raste "sehr schnell" aus. Zwar teilt der Schulvertreter dem Gremium mit, der noch schulpflichtige Elias besuche bereits seit zwei Monaten keinen Unterricht mehr, habe auch keinen Ausbildungsplatz und nach eigenen Angaben "keine Lust zu arbeiten", weil ihm "alles zu anstrengend" sei. Doch all das hat keine spürbaren Konsequenzen.

 

Der Einfallsreichtum der Herren vom Familieninterventionsteam der Jugendhilfe erschöpft sich darin, dass sie wieder ein Antiaggressionstraining vorschlagen. Ansonsten halten sie die Betreuung des minderjährigen Elias durch ihr Amt für "ausreichend". Die anwesende Staatsanwältin äußert keine eigene Idee. Zuletzt beschließt das Gremium noch ein paar spärliche Maßnahmen: Man will Elias’ Ausbildungsperspektiven ausloten, zieht ein Bußgeldverfahren wegen Schulpflichtverletzung gegen seine Eltern in Erwägung und nimmt sich vor, die erwähnte Teilnahme an einem Antiaggressionstraining gemeinsam mit der Amtsrichterin – die Elias’ Körperverletzungsdelikte vom Herbst zuvor immer noch nicht terminiert hat – zu prüfen. Damit ist die Sitzung geschlossen. Zu der angepeilten Wiedervorlage der Sache Ende Mai kommt es dann nicht mehr, denn am 14. Mai ersticht Elias Mel.

Wer dem zuständigen Amtsgericht einen Besuch abstattet und sich nach den Gründen für die schleppende Bearbeitung des Falles erkundigt, erfährt, dass Elias dort bis zu Mels Tod gar nicht als besonders schwieriger Kandidat galt. Die Staatsanwaltschaft Hamburg hatte dem Amtsgericht im Januar 2010 nicht gemeldet, dass Elias in die Kartei der gefährlichen Protäkt-Täter aufgenommen worden war, und der zuständigen Richterin keinen Einblick in das komplette Sündenregister des Jungen verschafft. Wäre dies erfolgt, hätte die Richterin Elias’ Verfahren von dem seiner Mittäter abtrennen und beschleunigt abarbeiten müssen. Es ist aber nicht geschehen.

Die junge Richterin selbst konnte den Fall nicht kennen, heißt es beim Amtsgericht, sie hatte ihre Stelle erst im Oktober 2009 angetreten und als Berufsanfängerin zunächst einfachere Verfahren vorgezogen. So war der recht verworrene Gemeinschaftsüberfall auf die drei Buchholzer vom August 2009 – für den das Gericht sich mit fünf Verteidigern und zwei Nebenklägervertretern erst auf gemeinsame Prozesstermine einigen musste – liegen geblieben. Und Elias’ Gewalttat vor dem Supermarkt musste dadurch ebenfalls warten, weil das Jugendgerichtsgesetz vom Richter verlangt, bei minderjährigen Delinquenten mehrere Anklagen gemeinsam – also in der Gesamtschau – zu verhandeln. So gesehen verhinderte ein unheilvolles Zusammenspiel aus richterlicher Unerfahrenheit, stockenden Informationsflüssen und prozessualen Verzögerungen, dass Elias zur Rechenschaft gezogen wurde, bevor er auf Mel traf.

Am 9. Dezember 2010 wird Elias schließlich verurteilt – nicht mehr vom Amtsgericht jetzt, sondern vom Landgericht Hamburg wegen Totschlags an Mel. Die Strafe fällt hart aus, so als wolle die Justiz diesmal eigene Versäumnisse mit aller Macht wiedergutmachen: Für sechs Jahre schicken die Richter den 16-Jährigen ins Gefängnis .

Für Elias’ Verteidiger Uwe Maeffert ist das Urteil "nicht hinnehmbar". Er hält es für eine Folge immensen politischen und medialen Drucks auf die Richter und hat dagegen Revision eingelegt. Eine derart drakonische Ahndung habe mit dem – das Jugendstrafrecht durchdringenden – Erziehungsgedanken nichts mehr zu tun.

In der Tat behandelt die Strafjustiz Jugendliche so lange wie möglich mit Nachsicht. Ihr steht ein umfangreicher Katalog erzieherischer Maßnahmen zur Verfügung: vom Täter-Opfer-Gespräch über Sozialarbeit bis zur verordneten Psychotherapie. Gefängnisstrafen werden nur im Ausnahmefall verhängt, sie stellen die Ultima Ratio der Jugendrichter dar. Beim Jugendstrafrecht geht es nicht um Vergeltung, sondern allein darum, mit welchen Mitteln der Staat sehr junge Straftäter von weiteren Taten abhalten kann. Ziel ist es, den gestrauchelten Halbwüchsigen für die Gesellschaft zurückzugewinnen und ihm nicht durch übermäßige Züchtigung die Selbstachtung auszutreiben und die Zukunft zu verbauen.

Allerdings ist fraglich, ob die Schöpfer des deutschen Jugendstrafrechts tatsächlich Gewalttäter vom Schlage eines Elias vor Augen hatten. Das Jugendstrafrecht ist eher auf bürgerliche Kinder zugeschnitten, die auf dem Schulhof aneinandergeraten, im Kaufhaus Markenartikel mitgehen lassen und tief erschüttert sind, wenn die Polizei vor der Wohnungstür steht. Auf Kinder, deren Eltern sich als Teil der Gesellschaft begreifen und vor Gericht in Grund und Boden schämen. Enthemmte Halbstarke aus dissozialen Verhältnissen wie Elias, die ihre Gewalttaten wie Trophäen vor sich hertragen und durch Brutalität im Negativranking ihrer Gangs aufsteigen, dürften mit den behutsameren Maßnahmen des Jugendstrafrechts gar nicht mehr erreichbar sein.

Und welche Rolle spielt Rechtsanwalt Uwe Maeffert selbst, der Justiz und Medien beschuldigt, Elias niedermachen zu wollen? Von den anderen Prozessbeteiligten verlangt er, sie sollten den Erziehungsgedanken hochhalten, verteidigt selbst aber halbe Kinder mit problematischen Methoden. Er beschwört die "zerstörerische Wirkung" unangemessen harter Sanktionen auf Jugendliche und schweigt über die verstörende Wirkung der von ihm selbst im Gerichtssaal heraufbeschworenen Feindseligkeiten.

Vor einigen Jahren vertrat Maeffert im Jugendverfahren um den Tod eines 17-Jährigen, der sich aus Angst vor einer Erpresserbande aus Halbwüchsigen vor einen Zug geworfen hatte, den Bandenchef vor dem Landgericht Hamburg. Dabei trieb er den Vorsitzenden Günter Bertram derart zur Verzweiflung, dass der Richter sich zu dem Versuch hinreißen ließ, Maeffert durch Zwangsentpflichtung von seinem Mandat aus dem Prozess zu entfernen. "Herr Maeffert verteidigte nicht – er torpedierte den Prozess", erinnert sich Bertram, "er destabilisierte die Zeugen, wurde laut und führte einen regelrechten Krieg gegen das Gericht." Ein solches Verteidigerverhalten wirke sich katastrophal auf die ohnehin gefährdeten Gemüter heranwachsender Angeklagter aus.

Uwe Maeffert erinnert sich eher belustigt. "Herr Bertram warf mir vor, die Jugendlichen rebellisch zu machen", sagt er, aber Jugendliche gegen die Staatsautorität aufzubringen sei ja nicht immer falsch. Die jungen Mandanten würden von der Staatsmacht wahrlich genügend zurechtgestutzt. Auch wenn er ihre Taten nicht immer verstehen könne – er sei ihr "Fürsprecher" und kämpfe für ihre Sache. Bei diesen Worten klopft Maeffert auf einen Kommentar des Jugendgerichtsgesetzes und fügt hinzu: "Davon, dass auch der Verteidiger den Erziehungsgedanken beachten soll, steht hier nichts drin."

 

Aufzeichnungen und Protokolle, in denen der Charakter des 16-jährigen Elias erkennbar wird, lassen ahnen, was aus dem Jungen hätte werden können, wenn er unter geregelten Umständen und in einer liebevollen Familie hätte groß werden dürfen. Er scheint nicht ausnahmslos wütend und roh gewesen zu sein, sondern hat sich durchaus auch intelligent, charmant, gefühlvoll, offen und einsichtsfähig gezeigt. Ein Bericht, den ein Jugendgerichtshelfer im November 2010 an die Hamburger Jugendkammer schickte, gestattet überdies einen winzigen Blick in Elias’ häusliche Verhältnisse. Der Verfasser schildert die Entwurzelung der drei deutschsprachigen Brüder, zwischen einem muslimischen Vater, einer katholischen Mutter und der multikulturellen Nachbarschaft. Im Alltag sei die Mutter, die zwei Schlaganfälle und ein massives Alkoholproblem überstanden hat, als Respektsperson weitgehend ausgefallen. Der Vater – von seiner Arbeit als Lieferfahrer absorbiert – soll den Söhnen nur wenig Zeit und Zuwendung gewidmet und sie höchstens dazu angehalten haben, sich von anderen nichts gefallen zu lassen.

Der Bericht zeichnet eine Familie, die sich verachtet und verfolgt fühlt, zu ihrer Ausgrenzung selbst aber nach Kräften beiträgt. Statt die Hilfe der Behörden einzufordern, scheint man sich für das Verbergen von Problemen entschieden zu haben. Von "Wagenburgmentalität" und einem "Schutzpanzer" der Gemeinschaft ist die Rede, den keines der Kinder ungestraft aufbrechen durfte. Einen durch unterdrückte Konflikte bedingten "systeminternen Druck" macht der Verfasser als Ursache für die impulsiven Ausbrüche Elias’ und seiner Brüder verantwortlich. Selbst bei Besuchen der Jugendgerichtshelfer – die doch wegen der Kriminalität seiner Kinder gekommen waren – muss der Vater beharrlich versucht haben, eine heile Familie vorzugaukeln. Er soll das Gespräch an sich gerissen und das Fehlverhalten der Söhne verharmlost und kleingeredet haben. An gewaltsamen Auseinandersetzungen gab er vor allem den anderen die Schuld.

Und da ist noch jemand, der einen traurigen Einblick in das Privatleben der Familie gewonnen hat: ein Wachmann vom Sicherheitsdienst. Die Hausverwaltungsgesellschaft hatte ihn engagiert – zuletzt, sagt der Mann, fast nur noch wegen Elias’ Familie. Pausenlos seien Klagen über Pöbeleien und Zerstörungen eingegangen, über verklebte Lichtschalter, angezündete Fußmatten und abgeschraubte Feuermelder. Viele Mieter hätten sich vor den drei Brüdern gefürchtet, aber auch von heftigen Misshandlungen durch den Vater und gellenden Schreien der Kinder berichtet.

Nach der Verhaftung von Elias verschlechtert sich die Stimmung in der Familie weiter. Ein Stuhl wird aus einem oberen Stockwerk nach dem Wachmann geworfen. Tage später richtet Elias’ Vater vom Balkon aus eine Schusswaffe auf ihn und schüttelt sich vor Lachen, als der zu Tode Geängstigte hinter einen Pfeiler flieht. Die Polizei stellt mehrere Schreckschusspistolen sicher, und die Hausverwaltung setzt gerichtlich die Zwangsräumung der Wohnung durch.

Als der Wachmann die leeren zweieinhalb Zimmer – in denen die fünfköpfige Familie und der große Hund sich all die Jahre zusammengedrängt haben – betritt, hat er das Gefühl, er durchschreite "Kriegsgebiet": Elias’ Zuhause ist ein Ort der Gewalt, alle Türen sind eingetreten, wo einst Schlösser waren, gähnen Löcher. Die Fensterscheiben sind zerkratzt, die Türstöcke von Messern zerstochen. Es sei unvorstellbar, dass eine Familie mit Kindern in dieser Verwüstung gelebt habe, sagt der Herr vom Sicherheitsdienst, der selber Vater ist, und wundert sich nicht, dass die drei Brüder in ihrer Not auf die Straße flohen. Die Wohnung müsse schon lange in diesem Zustand gewesen sein, sagt der Mann, so was komme nicht über Nacht. Und er fragt: "Hat denn kein Mitarbeiter des Jugendamts etwas gesehen?"

Ob das Jugendamt überhaupt etwas sah, ob es sich um die Familie des Elias gekümmert hat und ob Maßnahmen zur Rettung der drei Kinder wenigstens erwogen worden sind, wird die Öffentlichkeit nicht erfahren. Im erwähnten Report des Jugendgerichtshelfers steht, dass schon vor Mels Tötung "angedacht" worden sei, den verhaltensauffälligen Elias aus der Familie zu nehmen und ihn in einem Heim unterzubringen. Warum dies dann unterblieb, steht nicht dabei.

Der Fall Elias ist eine Bankrotterklärung der Hamburger Sozial- und Jugendarbeit. Doch jede Anfrage bei den zuständigen Ämtern geht am Datenschutz zuschanden. Die Jugendgerichtshilfe schreibt, man erteile den Mitarbeitern "aus grundsätzlichen Erwägungen" keine Gesprächserlaubnis. Die Sozialbehörde antwortet, es gebe "keine Chance" auf ein Interview. Angeblich will man die Persönlichkeitsrechte der betroffenen Familie schützen. Doch warum soll niemand erfahren, dass die Wut des jungen Elias ins Unermessliche wuchs, weil ihm nichts als Desinteresse entgegenschlug? Dient der Datenschutz nicht vielmehr den Behörden als bequeme Ausrede, um sich der eigenen Untätigkeit, dem eigenen Versagen nicht stellen zu müssen? Und ist ihre Abwehrhaltung nicht die Fortsetzung derselben Gleichgültigkeit, die Elias untergehen ließ – und die Mel das Leben kostete?

Im Januar 2011 – acht Monate nach der tödlichen Messerattacke – sitzt Elias im Gefängnis und hofft auf den Erfolg seiner Revision. Und Mels Zwilling Kevin wartet darauf, dass er die Kleidung, in der sein Bruder erstochen wurde, von der Gerichtsmedizin Hamburg zurückerhält – Hemd, Hose, Jacke, Pulli, Gürtel, Schuhe. Er will die Sachen reinigen und wo nötig ausbessern lassen und sie dann tragen.