Man kann sich die eigene Situation schönmalen. Irgendetwas findet jede Gewerkschaft , um sich gut zu fühlen: Die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di verkündet stolz, sie habe im vergangenen Jahr wieder mehr erwerbstätige Mitglieder gewonnen. Bei der IG Metall freut man sich, weil bloß 0,3 Prozent ihrer "Vollbeitragszahler" verloren gingen, das sei "ein sehr gutes Ergebnis" angesichts der wirtschaftlichen Krise. Und bei der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie heißt es: So wenige Mitglieder wie 2010 haben wir noch nie verloren! Gratuliere, was für ein Fortschritt.

Hinter den vermeintlichen Erfolgsmeldungen verbirgt sich in Wahrheit eine traurige Botschaft: Das Gewerkschaftslager schrumpft, immer noch. Die Verantwortlichen sollten sich das eingestehen und nach Antworten suchen. Wie schlimm die Lage ist, zeigt ein Vergleich: Noch nie gab es so viele erwerbstätige Bundesbürger wie im vergangenen Jahr – 40,5 Millionen – und zugleich so wenige Gewerkschaftsmitglieder, 6,2 Millionen. Das ist ein neuer Tiefstand im wiedervereinigten Deutschland. Und selbst in der alten, viel kleineren Bundesrepublik muss man weit zurückblicken, um auf so wenige Mitglieder im Deutschen Gewerkschaftsbund zu stoßen: Weniger waren es zuletzt 1956. Dabei gab es damals überhaupt nur 23 Millionen Erwerbstätige. So stark haben sich die Gewichte zu Ungunsten der Gewerkschaften verschoben.

Irreführende Erfolgsmeldungen ändern daran nichts. Um nur eine herauszupicken: ver.di gewann im vergangenen Jahr tatsächlich erwerbstätige Mitglieder hinzu – gerade mal 2653, was bei der Zwei-Millionen-Organisation etwa einem Promille entspricht. Gleichzeitig gingen mehr als 46.000 arbeitslose oder verrentete Mitglieder verloren. Es gelang also bei Weitem nicht, den laufenden Verlust an Altmitgliedern durch neue zu ersetzen.

Am Gesamtbild ändert wenig, dass kleine Gruppen wie die Gewerkschaft der Polizei oder die Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten tatsächlich wachsen – um 1467 Köpfe im einen und 976 im anderen Fall. Selbst wenn man den Beamtenbund einbezieht, zu dem etwa die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer gehört, bleibt der Trend gleich. Der gewerkschaftliche Organisationsgrad sinkt.

Die Arbeitnehmerlobby wird aber gebraucht . Auch im Aufschwung. Der wird keineswegs von selbst dafür sorgen, dass alle Missstände am Arbeitsmarkt verschwinden oder überall die Löhne steigen. Die Löhne sind kein Ergebnis allein von Marktprozessen, auch das Machtgefälle zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern spielt eine Rolle. Gewerkschaften können ein wichtiges Korrektiv sein. Sie haben zur Bewältigung der Krise beigetragen, und könnten jetzt dabei helfen, dass der Aufschwung bei möglichst vielen ankommt.

Um nicht weiter an Bedeutung zu verlieren, müssen die Arbeitnehmerfunktionäre sich aber konsequenter darauf ausrichten, Mitglieder zu gewinnen und zu halten. Das gelingt nur, wenn sie sich noch stärker um die konkreten Probleme in den Betrieben kümmern, um die Sorgen von Leiharbeitern , Auszubildenden oder unfair bezahlten Frauen. Wenn sie nicht nur in irgendeinem Hotel die nächste Tariferhöhung aushandeln, sondern möglichst oft auch ihre Mitglieder persönlich beraten – bei einem neuen Vertrag, bei Konflikten oder einer Kündigung. Das passiert schon, aber zu selten. Dagegen bringen Politdemos wie im vergangenen Herbst eher wenig. Dort wurden bessere Jobs gefordert, höhere Löhne, höhere Renten, höheres Arbeitslosengeld, bessere Bildung, ein besseres Gesundheitssystem, bessere Umwelt, bessere Straßen und vieles Großes mehr. Und am Ende blieb doch nur in Erinnerung, wie ver.di-Chef Frank Bsirske seine Mittelfinger in die Höhe reckte – tolle Protestgeste.

Unpolitisch müssen Gewerkschaften nicht sein, aber als sechste Partei im Fünf-Parteien-System werden sie nicht gebraucht. Entscheidend ist, was sie in den Betrieben leisten. Einige Gewerkschaften bauen ihre Organisation daher um. Die IG Metall verkleinert den Vorstand und gibt ihren Verwaltungsstellen mehr Geld für die Mitgliederarbeit. Das ist der richtige Weg.

Die Gewerkschaften müssen sich stärker um die konkreten Probleme ihrer Mitglieder in den Betrieben kümmern