Die Gorch Fock verkörpert, worauf die deutsche Marine stolz ist – ein emotionaler Superlativ aus Stahl, Holz und Segeltuch. "Die Gorch Fock ist ein Gefühl", sagt Klaus Schmidt. In den siebziger Jahren gehörte er als Ausbilder zu ihrer Stammbesatzung. Und dieses Gefühl ist so stark, dass Schmidt "die hässlichen Dinge, die jetzt über das Schiff und die Mannschaft erzählt werden" für "blanken Unsinn" hält. Ein anderer Kamerad sagt: "Wir lassen uns das von ein paar Weicheiern nicht kaputt machen", womit er den Dienst auf einem Schiff meint, das nach seiner festen Überzeugung "Deutschland zu weltweitem Ansehen verholfen hat". Auch die Marine bezeichnet das alte Segelschulschiff ganz offiziell als Stütze der deutschen Außenpolitik.

Doch offenbar geht es unter den weißen Segeln ziemlich schmutzig zu, Kadetten berichten jetzt von Drill, Druck und Demütigung . Dass die Zustände auf der Gorch Fock zumindest fragwürdig sind, müsste in der Bundeswehrwehrführung allerdings schon lange bekannt sein. Seit sechs Jahren untersucht das Sozialwissenschaftliche Institut der Bundeswehr die Ausbildung der Marineoffiziere. Sicherheitsprobleme auf der Gorch Fock, Schwierigkeiten mit einzelnen Ausbildern – davon ist auch in den Forschungsberichten die Rede, die seit 2008 jährlich erschienen sind. Der jüngste Bericht wurde im Mai 2010 veröffentlicht. Alle Ergebnisse werden an die Marineführung und das Verteidigungsministerium weitergeleitet.

Das Institut befragt die Marineoffiziersanwärter zu ihren Erfahrungen in der Ausbildung. Einen Schwerpunkt bildet das erste Ausbildungsjahr, zu dem die obligatorische Fahrt auf der Gorch Fock gehört. Hier wird von "Kritik an der Sicherheit" und von "großen und ernst zu nehmenden Problemen" bei Verpflegung und Hygiene berichtet. Nach der Befragung des Jahrgangs 2007 urteilen die Autoren: Die Fahrt auf der Gorch Fock sei von den einzelnen Ausbildungsabschnitten am wenigsten motivierend. Daher sei "eine Prüfung angeraten, ob diese verhaltene Motivation den Ausbildungszielen förderlich ist". Hinter dieser vorsichtigen Formulierung verbirgt sich letztlich die Frage, ob es noch sinnvoll ist, künftige Offiziere mit den Techniken der traditionellen Seefahrt auf einen modernen Einsatz vorzubereiten.

Erhebliche Missstände, seit Jahren bekannt – das rückt auch die aktuellen Ereignisse auf der Gorch Fock in ein anderes Licht. Hat die Bundeswehr möglicherweise ihre Tradition über die Sicherheit der Offiziersanwärter gestellt? Wollte sie um jeden Preis den schönen Schein wahren?

14.500 Rekruten hat die Marine auf der Gorch Fock ausgebildet, länger als ein halbes Jahrhundert läuft dieses Ausbildungsprogramm schon. Die Imagebroschüren strotzen vor Stolz auf das legendäre Schulschiff, auf dem künftige Offiziersanwärter in einer technisierten Militärwelt noch heute die authentische Seefahrt lernen. Die Gorch Fock wird angepriesen als Wahrerin von Tradition und Werten. "Alles an Bord funktioniert mit Muskelkraft, es existieren keine Winden oder hydraulischen Einrichtungen, die die Bedienung der Takelage vereinfachen würden", heißt es in einer Marinebroschüre. Im Gegensatz zu anderen Lehrgängen gebe es "keine Escape-Taste, ...eine Seefahrt auf der Gorch Fock ist immer auch ein Ernstfall".