Sie alle kannten die Macht der Bilder. Und sie alle befolgten das ungeschriebene Gesetz der deutschen Verteidigungsminister: Du bist der oberste Dienstherr, du bist nicht der oberste Soldat. Ob Volker Rühe, Peter Struck oder Rudolf Scharping, sie alle achteten sehr darauf, sich möglichst nicht im Panzer und niemals mit Helm, Uniform oder gar Waffe ablichten zu lassen.

Für Karl-Theodor zu Guttenberg gelten andere Regeln. Der Verteidigungsminister spricht vom "Krieg", wo andere verschämt mit Begriffen wie "nicht internationaler bewaffneter Konflikt" hantieren. Er nennt Soldaten "Helden" und verleiht Tapferkeitsorden, er hat keine Scheu, sich bei Truppenbesuchen in Afghanistan neben Scharfschützen ans Gewehr zu legen und wie ein Hollywoodstar mit verspiegelter Sonnenbrille zu posieren. In einer Gesellschaft, die sich bei aller Individualisierung nach Ordnung sehnt, nach festen Strukturen, auch nach Führung, tritt er auf als oberster Soldat. Einer, der vorangeht, der handelt, kein Bedenken-, ein Verantwortungsträger. Einer, der durchgreift. Bei vielen Soldaten und dem überwiegenden Teil der zivilen Bevölkerung hat ihm das eine beispiellose Beliebtheit eingebracht.

In Volker Rühes Amtszeit filmten Soldaten in Hammelburg Folterszenen nach, Peter Struck fing wieder mit dem Rauchen an, als in Coesfeld Exzesse mit Scheinerschießungen, Scheinhinrichtungen und ähnlichen Quälereien bekannt wurden, und Franz Josef Jung musste sich mit einem Gebirgsjägerbataillon herumschlagen, das bei Kabul mit menschlichen Schädeln posierte. Mit anderen Worten: Skandale hat es in der Bundeswehr immer gegeben, nicht umsonst gilt der Job des Verteidigungsministers als Schleudersitz. Neu ist, dass darauf der beliebteste deutsche Politiker sitzt. Deshalb geht es, wenn es um Guttenberg geht, nie nur um einen Bundeswehrskandal oder darum, ob ein Verteidigungsminister überlebt. Es geht immer auch um die Urteilsfähigkeit eines möglichen Kanzlers.

Gleich an drei Fronten steht die Informationspolitik des Verteidigungsministers derzeit in der Kritik: im Fall Kundus, wo im Dezember vergangenen Jahres ein Bundeswehrsoldat durch die Waffe eines Kameraden starb. Bei Drill und Drangsalierung auf dem Segelschulschiff Gorch Fock, die eine junge Kadettin möglicherweise das Leben gekostet haben, und bei einem Haufen Feldpostbriefen aus Afghanistan, die geöffnet wurden . Drei Fälle, die sich zu dem Eindruck verdichten, dass in der Bundeswehr einiges im Argen liegt und dass der Minister, der so gern als Durchgreifer agiert, in Wirklichkeit eher reagiert, vor allem auf Berichte der Boulevard-Presse.

Kritik kommt nicht nur von der Opposition, einem frustrierten Koalitionspartner FDP und den Medien, sondern auch aus der Bundeswehr selbst, wo über die Schattenseiten von Guttenbergs Amtsauslegung nachgedacht wird. Nicht die viel beschworene Entertainisierung der Politik sieht man hier als Hauptgefahr, sondern eine Heroisierung des Krieges. Es gebe vor allem bei den jungen Soldaten einen Hang zur Selbststilisierung als "Mordskerle", berichtet ein General, zu "Helden, die alle ständig in Lebensgefahr sind, was auch heute noch nur für einen Bruchteil gilt". Einige bezögen die Lässigkeit von Guttenbergs Auftritten fälschlicherweise auf sich. "Da wird ein Stück weit eine Bremse gelockert", so der General. Ein fatales Missverständnis, denn Lässigkeit kann im Ernstfall das Leben kosten, so wie im Fall jenes Soldaten, der durch eine Kugel seines Kameraden starb, eines Wehrpflichtigen aus Thüringen.

Im Vordergrund der Kritik steht jedoch Guttenbergs Krisenbewältigung. Vieles erinnert stark an den ersten Fall Kundus, die Bombardierung eines Tanklastzugs mit mindestens 91 Todesopfern, die der deutsche General Klein angeordnet hatte. Damals, im Herbst 2009, blieb lange unklar, unter welchen Umständen der Befehl erteilt worden war. Ein Feldjägerbericht brauchte zehn Wochen bis zur Zustellung nach Berlin. Ein solches Kommunikationsdesaster, erklärte Guttenberg – er war gerade frisch ins Amt gekommen –, dürfe und werde sich nicht wiederholen. Die Schuld an seiner erratischen Informationspolitik schob der Minister auf seinen Staatssekretär Peter Wichert und den damaligen Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan. Weil sie ihm wichtige Beweismittel vorenthalten hätten, entließ er beide.