Auf einmal steht er in der Ecke des prall gefüllten Audimax der Universität Tübingen. Schüttelt die Hände der Honoratioren und Magnifizenzen in der ersten Reihe, während sich seine Frau an ihnen vorbei zu ihrem Platz zwängt. Der Oberbürgermeister, der Landrat, die Prodekanin – "und wen haben wir denn da?". Setzt sich ans äußerste Ende der Stuhlreihe und lächelt etwas verloren, als der Rektor den "hochverehrten Herrn Bundespräsidenten" begrüßt.

Horst Köhler hat den wohl spektakulärsten Rücktritt der deutschen Nachkriegsgeschichte hingelegt. Danach ist er abgetaucht. Köhler, der Finanzmann, der Sparkassenpräsident, der Direktor des Internationalen Währungsfonds. Köhler, dessen Wahl zum Bundespräsidenten mit "Horst wer?" kommentiert wurde. Der sich mit seiner schroffen Art die Herzen der Bürger eroberte, mit der Berliner Politik aber nie richtig warm wurde. Die FAZ hat sich neulich auf die Suche gemacht und darüber einen ganzseitigen Artikel veröffentlicht: Wo ist Horst Köhler?, lautete die Überschrift. In Berlin hat der Reporter sich umgesehen, in den Alpen, auf Norderney. Er wollte wissen, warum Köhler zurückgetreten war. Aber der war nicht aufzufinden.

Doch am Montag dieser Woche steht der Gesuchte mit leicht zerknittertem schwarzen Anzug im fahlen Universitätslicht am Rednerpult und zieht ein fingerdickes Manuskript aus einer schwarzen Mappe: eine Rede über die Reform des internationalen Währungssystems als Projekt kooperativer Weltwährungspolitik. Für Köhler ist es eine Rückkehr zu seinen Anfängen. Er hat einst in Tübingen Wirtschaftswissenschaften studiert.

Der ehemalige Bundespräsident spricht ziemlich genau sechzig Minuten. Über die Reform des Internationalen Währungsfonds , über die Notwendigkeit neuer Regeln für die Wechselkurse und die Kapitalströme, über die Rolle des Nationalstaats in einer multipolaren Weltwirtschaftsordnung. Es ist eine kluge, phasenweise sogar eine sehr kluge Rede. Nur wenige in Deutschland sind auf dieser Flughöhe unterwegs. Und wenn er von "rein spekulativen Aktivitäten" am Devisenmarkt spricht, erinnert er manchmal an Oskar Lafontaine, der einst als Finanzminister in den neunziger Jahren ebenfalls das Währungssystem reformieren wollte und belächelt wurde.

Als er noch im Amt war, galt Köhler nicht gerade als großer Redner. Die Rede eines Bundespräsidenten muss gewisse Kriterien erfüllen: Wohltemperiert hat sie zu sein, sie darf nicht zu lange bei den Details verweilen und muss "alle mitnehmen". Große Präsidentenreden überzeugten mehr durch die Form, weniger durch den Inhalt. Köhlers Reden wirkten fahrig, pathetisch, gekünstelt.

Anders an diesem Abend in Tübingen. Seine Körperhaltung ist noch von präsidialer Steifheit, doch in seiner Stimme liegt Leidenschaft. Wenn ihm ein Punkt wichtig ist, wiederholt er ihn und macht mit seinen Händen Bewegungen, als wolle er die Stelle mit einem Textmarker unterstreichen. Er wechselt vom Deutschen ins Englische, weicht vom Manuskript ab, streut Fachbegriffe und komplizierte technische Details ein. So redet einer, der sich wohlfühlt und seine Materie beherrscht. Am Ende gibt es ehrlichen und lauten Applaus. Nur über eine Sache spricht Köhler nicht: über sich selbst. Komischerweise scheint das aber im Tübinger Hörsaal niemanden zu stören. Die Studenten sind begeistert, die Professoren stolz. Die Sache mit dem Rücktritt interessiert die Anwesenden hier offenbar weniger als den FAZ- Redakteur .

Nach der Rede lädt der Rektor zum Empfang im Kleinen Senat. Es gibt schweren Wein aus universitätseigenem Anbau. Köhler will jetzt öfter an die Hochschule kommen und mit den Studenten arbeiten. Sie sollen verstehen, unter welchen Zwängen Wirtschaftspolitik in der Praxis betrieben werde, sagt er. Auch mit den Weltwährungen will er sich weiter beschäftigen. Er hat in den vergangenen Monaten mit renommierten Finanzexperten aus aller Welt Empfehlungen für die G20 erarbeitet . Am Freitag hat die Gruppe ihren Bericht an den französischen Staatspräsidenten und G-20-Chef Nicolas Sarkozy übergeben. Köhler will die Regierenden beraten. Auch wenn die Politiker den Rat der Experten nicht immer schätzten. Er sagt " die Politiker". Nicht " wir Politiker".

Vielleicht war das mit der Präsidentschaft einfach ein Irrtum. Vielleicht ist die Welt des Horst Köhler nun einmal die Welt der Wirtschaft. Und vielleicht gibt es sonst auch nicht viel mehr zu sagen.