Vor einigen Jahren publizierte ein Journalist namens Udo Schulze eine Art beruflicher Memoiren. Seine Erfahrungen – nach einer Tournee durch etliche Redaktionen deutscher Medien, darunter Bild und RTL – fasste er in dem Satz zusammen: »Journalismus in Deutschland, das ist der Tummelplatz der Eitelkeiten, der Treffpunkt von Barbaren und Cholerikern, von Kranken und Diktatoren; ein Mekka der Gesetzesbrecher und ein Sammelbecken Asozialer.« Der Buchtitel Die Abrechnung erwies sich geradezu als Untertreibung. Jahrelange Tätigkeit als Journalist, so durfte man bei der Lektüre lernen, kann Menschen ganz schön verbittern. Kurze Zeit danach legten zwei erfahrene Berliner Journalisten gleichfalls äußerst (selbst)kritische Beschreibungen der Branche vor, sodass man seither vom neuen Genre einer Literatur des journalistischen Niedergangs sprechen kann. So schrieb sich der langjährige RTL-Korrespondent Gerhard Hofmann seinen Frust über die politische Kommunikation bei der Wahl 2005 in einer dicken Schwarte von der Seele, die er Die Verschwörung der Journaille zu Berlin nannte. Ihm folgte Tissy Bruns – sie beobachtet die Szene für den Berliner Tagesspiegel – mit ihrem Report aus der Hauptstadt; sein Titel: Republik der Wichtigtuer.

Nun also Tom Schimmeck mit der Analyse von Medien, Macht und Meinungsmache. Der Autor hat in langen Jahren als Journalist, unter anderem bei taz, Tempo, Spiegel und der Woche, intensive Erfahrungen sammeln können. Außerdem ist er nicht nur ein präziser und unterhaltsamer Schreiber, sondern auch ein penibler Rechercheur – der sogar Forschungsergebnisse zum Journalismus zur Kenntnis nimmt, was unter den Berufsvertretern eher unüblich ist. Im Unterschied zu den anderen Niedergangsbüchern weiß man bei seinem Titel Am besten nichts Neues allerdings nicht genau, was damit gemeint sein soll (abgesehen vom Wink mit Remarques Roman), und versteht es bis zum Ende auch nicht. Dafür lernt man aber eine Menge über die Krise der Öffentlichkeit, in Deutschland und anderswo.

Schimmeck macht sich Sorgen um den politischen Diskurs in diesem Lande und um die Qualität des Journalismus, der im Lichte seiner filigranen Beobachtungen den Aufgaben der Kritik und Kontrolle nicht (mehr) gerecht wird. Vielleicht ist es manchmal eine Schwäche seiner Argumentation, dass sie unter der Hand eine Glorifizierung des Journalismus in der alten Bonner Republik suggeriert. Außerdem: Wenn der Journalismus tatsächlich in der Krise steckt, wie dieses Buch fallstudienartig nachzuweisen versucht, dann setzte sie schon Mitte der achtziger Jahre ein, als »sein Jahrhundert« zu Ende ging, weil er das Deutungsmonopol für die »Selbstbeobachtung der Gesellschaft« verlor. Das bedeutet nicht seinen Exitus, aber große neue Herausforderungen für die Zukunft. Sie betreffen die Finanzierung von Medien, die Konkurrenzsituation auf den Kommunikationsmärkten, die Komplexität der Berichterstattungsthemen und die Professionalität der Akteure.

Wie die Verhältnisse heute sind, ist wohl nirgendwo so akribisch herausgearbeitet worden wie in diesem Buch, materialreich belegt mithilfe von eindrucksvollen Beispielen, bewertet mit Leidenschaft und dennoch mit Augenmaß. Gewiss muss man nicht alle Bewertungen teilen, zumal Schimmeck gern zuspitzt. Zwar geht ihm für eine schöne Formulierung manchmal der journalistische Gaul durch, aber bei aller Pointierung liefert er meistens auch die notwendige Differenzierung.

Dies gilt freilich nicht unbedingt für seine Lieblingszielscheibe, die Riege von Alphatieren unserer »Mediendemokratie« kriegt durchweg ihr Fett ab. Eine Person der Zeitgeschichte versucht Tom Schimmeck hingegen in einem langen Kapitel ein Stück weit zu rehabilitieren: Andrea Ypsilanti, die den ganzen Furor der deutschen Medienlandschaft zu spüren bekam, als sie in Hessen nach der Krone griff. Was den Autor hier aus guten Gründen empört, ist, dass sich gegen die Politikerin eine Medien-Einheitsfront formierte, der dann – bis hin zur persönlichen Verunglimpfung – jedes Mittel recht war, um Ypsilantis »Machtergreifung« zu verhindern. Schimmeck belegt penibel und materialreich, dass die deutsche Publizistik von links bis rechts hier wie gleichgeschaltet wirkte. Eine Art Rudelbildung identifiziert er dabei auch als zentrales Problem des Journalismus unserer Tage. Dies ist eine besonders verdienstvolle Investigation, zumal das damalige Kesseltreiben – nach allem, was inzwischen innerhalb und außerhalb der SPD passiert ist – heute nur noch absurd wirkt.