Bis zum März 2012 reicht die zweite Amtszeit von Markus Schächter noch. Ruhig und souverän hat er nun erklärt, dass dies auch das Ende seiner Zeit als ZDF-Intendant sein wird. Er tat dies nicht als Getriebener. Er tat dies nicht, weil er nicht anders gekonnt hätte. Vermutlich hätte der 61-Jährige es sogar vermocht, erneut eine Mehrheit im 77-köpfigen Fernsehrat zu erreichen, wenn er eine Wiederwahl denn gewollt hätte. So aber macht er frühzeitig den Weg frei für die Regelung seiner Nachfolge. Thomas Bellut, aktuell ZDF-Programmdirektor, wird es wohl werden. Alles andere wäre eine Sensation. Für dessen Nachfolge als Programmchef hat sich schon Norbert Himmler warmgelaufen, dessen jugendlich anmutendes Projekt ZDFneo innerhalb des ZDF trotz geringen Zuschauerzuspruchs als erfolgreiches Reformmodell gewertet wird.

So wie der Rückzug vom Amt war auch Schächters Amtsführung: Immer auf Kompromisse und das Wohl des Hauses bedacht, eher moderierend, nie auftrumpfend. Revolution war seine Sache nicht, auch wenn ein bisschen davon gerade das Programm gut vertragen hätte. Vierzig Jahre seines Lebens hat er beim ZDF verbracht, zuletzt zehn als Chef des Hauses. Er kannte jeden Winkel und auch die Winkelzüge. Bei seiner ersten Wahl im März 2002 hat er sie am eigenen Leib erfahren. Es war eine Odyssee, ein zugespitzter, ausschließlich politisch motivierter Streit zwischen den roten und schwarzen Freundeskreisen, aus denen Schächter am Ende weniger als Sieger denn als angeschlagener Kompromisskandidat hervorging.

Das ZDF ist zentral organisiert und dennoch ein Sender der Länder. Es ist deswegen leichter zu führen als die föderale ARD, aber der direkte Einfluss der Politik ist noch größer. Schächter wusste um diese Bedingungen seines Amtes. Immer hatte er mehr die – auch politischen – Interessen des Senders im Blick als die Parteien. Als es darum ging, die Unabhängigkeit der Gebührenfestlegung zu sichern, zog er vor das Bundesverfassungsgericht. Er hat sich Respekt verschafft. 2007 wurde Schächter mit dem besten Ergebnis aller Zeiten für eine zweite Amtszeit gewählt.

Wie überpolitisiert das ZDF ist, musste er dennoch bitter erfahren. Im Verwaltungsrat scheiterte er daran, den Vertrag mit dem damals amtierenden Chefredakteur Nikolaus Brender verlängern zu lassen. Energisch demonstrierte die vom damaligen hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch angeführte »schwarze Mehrheit« die wahren Machtverhältnisse. Schächter wich einer weiteren Konfrontation aus und sorgte nur noch dafür, dass mit Peter Frey die Nachfolge von Brender zügig geregelt wurde. So hielt er die Beschädigung des ZDF zwar in Grenzen, aber auch das Bewusstsein, dass für die Zukunftsfähigkeit des Senders ein Bruch mit dem Hineinregieren der Politik nötig ist. Immer häufiger wurde seitdem geraunt, dass Schächter und das Unionslager nicht mehr so selbstverständlich beieinander waren wie zuvor.

Markus Schächter ist ein Intendant des Übergangs geblieben. Sein Vorgänger Dieter Stolte hat das ZDF regiert wie ein kleines Bundesland. Er hat es in der Hochzeit des Fernsehens verstanden, Amt und Person zu verschmelzen. Mit Exkursen in Philosophie und Ethik überhöhte er dies gern etwas.

Schächter amtierte pragmatischer. Über Sparnotwendigkeiten und Geldsorgen wusste er genauso zu klagen wie sein Vorgänger, aber er hat das ZDF dann tatsächlich saniert, der Sender ist mittlerweile schuldenfrei. Wichtiger aber ist, dass Schächter bewusst war, dass er das ZDF in den stürmischen Zeiten einer sich abzeichnenden Medienrevolution zu führen hatte. Er wollte raus aus dem Ghetto des Einkanalsenders und ebenfalls – wie die Konkurrenten – eine kleine digitale Familie gründen. In ersten Ansätzen – von der Mediathek bis zu ZDFneo – ist ihm das gelungen. Allmählich büßt das klassische Programm-TV an Bedeutung ein. Darauf aber hat gerade das ZDF mit der ältesten Zuschauerpopulation keine befriedigende Antwort gefunden. Unter Medien-Avantgardisten gibt es eine Bewegung des Dialogs, der Mitsprache, der Loslösung von Programmschemata. An kaum einem anderen Medienunternehmen ist dies so sehr vorbeigegangen wie am ZDF.

Schächter hat sich nicht übereifrig in die Kleinkriege zwischen Sendern und Verlegern, Onlinern und Anhängern der Medienklassiker gestürzt. Stattdessen will er Allianzen gegen die Googles und Facebooks, Apples und Telekoms, die er als potenzielle Gefahr für pluralistische, demokratische Medien ansieht. Das öffentlich-rechtliche System gilt ihm – in TV und im Netz – per se als dessen Garant.

Obwohl sich Schächter auf den Podien der Republik etwas scheu gibt, wirkt er eher als Medienpolitiker und ZDF-Repräsentant denn als Programmreformer. Hier sind nur kleine Korrekturen gelungen: Die Satire wurde bissiger, der eine oder andere Krimi zupackender, aber immer noch ist das ZDF ein großer, die Traditionen liebender Unterhaltungsdampfer, Heimat für Carmen Nebel und Rosamunde Pilcher, André Rieu und Leute heute. Den Kern des öffentlich-rechtlichen Auftrags in den Bereichen Information und Kultur realisiert der Sender zwar, aber mit zu viel Routine und zu wenig Esprit. Der Draht zur Jugend ist abgerissen. Technologisch sei das ZDF ein »Innovationsmotor«, bescheinigte sich Schächter. Für die Medieninhalte gilt das nicht.

Jetzt gehe es »um eine längerfristige Perspektive, die über eine nächste Amtsperiode hinausreicht«, schrieb Schächter in dem Brief an den Verwaltungsrat, mit dem er seinen Rückzug ankündigte. Die beiden großen Probleme des ZDF, erstens die viel zu enge politische Senderaufsicht und zweitens das programmliche Defizit, sind eng miteinander verknüpft. Das ist den Programmmachern oft nicht bewusst. Die nächste Generation muss diesen Knoten durchschlagen. Markus Schächter ist zu sehr Kind des alten Systems, um das zu wagen. Aber er hat den Boden für ein ZDF im digitalen Medienumfeld bereitet.