Wenn in den Medien über die enorme Popularität Karl-Theodor zu Guttenbergs nachgedacht wird, so taucht immer wieder eine Erklärung auf: der Aufstieg des Mannes habe zu tun mit einer Sehnsucht der Deutschen nach der Monarchie, nach einem unabwählbaren Machthaber, kurzum: einem König.

Der schneidige Minister bezeichnet – und lindert – ein Minderwertigkeitsgefühl der Deutschen, das sie vor allem an die Engländer kettet. Die Engländer haben all das, was man den Deutschen abspricht, sie haben Stil, Witz und eine Popkultur von Weltrang, zu welcher wohl auch das englische Königshaus gehört. Und vor allem: Die Engländer haben das Meer, in welchem sie frei und unerreichbar leben; jeder Engländer, so hat Canetti geschrieben, ist ein Kapitän. Der Deutsche hingegen, so Canetti weiter, sei ein Festlandwesen, ein Mensch des Waldes und des Heeres.

Das deutsche Minderwertigkeitsgefühl wird noch gesteigert durch den Umstand, dass Deutschland nur eine kleine Seefahrernation ist; zwar hat Deutschland viele Kilometer Meeresstrand, aber eigentlich, man muss nur die Landkarte ansehen, steckt der deutsche Rumpf im europäischen Festland fest wie ein bis zum Hals im Sand eingegrabener dicker Mann, dem nur der rote Kopf ins Freie ragt.

Man ahnt schon, welche Bedeutung das Meer für die Deutschen hat, wenn man beispielsweise Guido Westerwelle hört, wie er sich an die Macht klammert: »Ich verlasse das Deck nicht, wenn es stürmt.«

Wie muss es also den Deutschen wehtun, dass ihr schönstes Schiff, die Gorch Fock, die Botschafterin der Nation auf der Meeresbühne, sich als Pott des Teufels entpuppt : schlimme Zustände an Bord, tödliche Unfälle , Meuterei, sexuelle Übergriffe.

Karl-Theodor zu Guttenberg, um nun zum Verteidigungsminister zurückzukehren, versprach unlängst, die Vorfälle auf der Gorch Fock nach einem bewährten Dreisatz zu durchleuchten: aufklären, abstellen, Konsequenzen ziehen! Seinen Ruf als Dynamiker verdankt Guttenberg aber seiner Fähigkeit, diesen Bewegungsablauf immer wieder mutig abzukürzen und Konsequenzen zu ziehen, ehe er mit dem Aufklären recht begonnen hat: Er opfert Bauern, wenn die Stimmung es verlangt .

So tat er es auch jetzt. Wie er es tat, steht in der dem Minister halbamtlich zugetanen Bild am Sonntag: »Der gepanzerte Audi A8 schießt mit knapp 200 Kilometern pro Stunde durch die Freitagnacht (...) als Karl-Theodor zu Guttenberg der Kragen platzt. ›Es reicht!‹«

So erfährt die Öffentlichkeit, dass Guttenberg den Kommandanten der Gorch Fock soeben von seinen Aufgaben entbunden hat. Ein Bild -Reporter saß nämlich gemütlich neben dem Minister, im gepanzerten Audi. Der Auftritt ist ein wahres Meisterwerk der Selbstinszenierung. Erstens erfolgt er in einer Zeitung, ohne deren Gunst in diesem Land keiner was wird. Zweitens festigt er Guttenbergs Ruf, ein Entscheider zu sein, der keine Berater braucht, weil man als Spross einer uralten Leistungsträgerfamilie eh weiß, was man zu tun hat. Drittens erhebt er den Minister zum wahren Herrscher der Meere und zum Kapitän aller Deutschen. Wenn es jetzt nicht bald klappt mit der Kanzlerschaft , bleibt wirklich nur noch die Monarchie.