Rot und rostig ragt der Förderturm des Schachts Grillo 1 hinter den Gebäuden des Technologieparks Kamen unweit von Hamm hervor. An diesem Tag rollen 80 voll beladene Lastwagen mit schwarzem Gießereisand heran. Er wird vermengt mit Zement und Wasser, um den Schacht für immer zu verschließen. Auf den deutschen Bergbau kommt der Deckel. Nicht nur hier im Fall des Bergwerks Ost, das vor vier Monaten die Kohleförderung eingestellt hat, sondern wohl auch an allen anderen Standorten. Denn 2018 laufen die Subventionen für die fünf noch aktiven Zechen – eine im Saarland, drei im Ruhrgebiet, eine bei Ibbenbüren im Teutoburger Wald – mit rund 25.000 Beschäftigten aus.

Am Schacht Grillo 1 klatschen binnen einer Woche 7000 Kubikmeter Füllmaterial in die Tiefe. "Dauerstandsichere Verfüllung" heißt das im Fachjargon, wenn ein Förderschacht zubetoniert wird. Die schwarzgraue Füllmasse läuft über Laufbänder zum Schacht, dicht am Fenster des provisorischen Büros von Michael Berning vorbei. Der Ingenieur von der Firma Zabel führt hier die Aufsicht. 30 Schächte hat er bereits verschlossen. Eine besondere Arbeit, weil "wir in kürzester Zeit unheimliche Materialmengen verbauen", findet er. Dabei ist Grillo 1 noch überschaubar. In den Schächten Haltern 1 und 2 hat Berning binnen vier Wochen 120.000 Kubikmeter Volumen gefüllt.

Der Vorgang ist hoch technisiert. Computergesteuerte Mischanlagen sorgen für das richtige Verhältnis der Zutaten. Der angelieferte Sand läuft zunächst über ein Wiegeband, dann wird Zement aus zwei großen Silos zugefügt. Das genaue Rezept ist ein Betriebsgeheimnis, denn es entscheidet über die Festigkeit des Gemischs. Sand und Zement werden in einer großen Mischtrommel mit Wasser zu einem Brei vermengt und in den Schacht gefüllt. Eine Woche lang, rund um die Uhr.

Ununterbrochen, das ist ganz wichtig – sonst könnten zuletzt eingefüllte Schichten antrocknen, es könnten sich Bruchstellen bilden und die Stabilität des Ganzen gefährden. Alle 24 Stunden bringt eine Lotmessung "Informationen darüber, ob die eingefüllte Menge mit dem Stand der Verfüllung übereinstimmt", sagt Ingenieur Berning. Vor allem bei tiefen, schmalen Schächten könne es passieren, dass das Füllmaterial nicht bis unten durchfällt, sondern schon vorher an den Wänden anbackt. Dann entstehen Brücken, unter denen sich Hohlräume bilden – und die müssen dann aufwendig angebohrt werden.

Die Experten am Schacht Grillo befürchten nichts dergleichen. Denn hier wird die Füllsäule nur bis gut 350 Meter in den Boden reichen. In dieser Tiefe, auf der ersten Sohle, wurde ein Widerlager, eine Art Pfropfen aus Stahl und hochfestem Beton, eingebaut. "Für diesen Schacht war die Teilverfüllung die optimale Lösung. Andere Schächte werden komplett verfüllt", sagt Dirk Rehermann. Der 50-Jährige hat selbst lange als Bergmann gearbeitet (Rang: "Reviersteiger"). Nun ist er für die Öffentlichkeitsarbeit des Bergwerks Ost zuständig. Egal, welches Verfahren, die Verfüllung sei sicher, sagt er. Heute wickelten hier am Bergwerk noch 950 Menschen die Geschäfte ab. Mit schwarzen Gesichtern seien sie aus den Schächten zurückgekehrt, nachdem sie in mehr als 1000 Meter Tiefe Kohle aus dem Gestein gebrochen hatten.

Die Geschichte von Grillo 1 reicht bis ins Jahr 1873 zurück. Als erster Schacht des damaligen Bergwerks Monopol wurde er in die Tiefe getrieben. Zu Hoch-Zeiten der Zeche haben hier einmal 25.000 Bergleute geschuftet. Die Räder am Förderturm Grillo 1 stehen schon lange still. Das tiefe Loch diente nur noch als Wetterschacht zur Frischluftversorgung unter Tage. Ein paar Kilometer weiter nordöstlich steht der Förderturm über dem Schacht Lerche, der erst vor acht Jahren eingeweiht worden ist. Auch die Lerche gehört zum Bergwerk Ost bei Hamm, das Ende September die Kohleförderung eingestellt hat. Dennoch fahren hier mehrfach am Tag Bergleute hinunter bis auf 1300 Meter Tiefe. Sie sollen unter Tage das einsammeln, was anderswo noch gebraucht wird. Statt Förderung nun eben "Materialrückgewinnung".

Der Rückzug beginnt mehrere Kilometer vom Ausstieg entfernt

Einigen fällt der Abschied schwer. Andere nehmen es, wie es ist. "Jeder Bergmann will die Kohle so schnell wie möglich aus dem Berg holen. Und wenn dort keine Kohle mehr vorhanden war", sagt Dirk Rehermann, "ging es bisher immer in einem neuen Bergwerk weiter." Der Abschied vom Bergwerk Ost ist dagegen für immer.

Am Ausstieg aus dem Förderkorb tief unten im Schacht Lerche zeigt eine rote Digitaluhr die Zeit an. Herunterlaufendes salz- und kalkhaltiges Wasser hat bizarre Stalaktiten von der Decke und einigen Rohren wachsen lassen. Hier und da huschen Mäuse vorbei. "Die sind mit dem Bauholz heruntergekommen", sagt Rehermann.

Wie das Licht scheint hier unten alles gedämpft zu sein. Es ist eine unwirkliche Welt aus kilometerlangen Tunneln und Röhren, in der vieles an der Decke hängt. "Der Gebirgsdruck lässt die Sohle von unten hochquellen", sagt der frühere Reviersteiger. Deshalb mache es keinen Sinn, Dinge auf dem Boden abzustellen oder diesen zu befestigen. Nur die Wände und Decken sind mit Stahlstützen gesichert. Die bleiben auch hier unten. "Es wäre nicht wirtschaftlich, sie auszubauen." Hochgeholt werden dagegen wertvollere Dinge wie die "Dieselkatzen": Zugmaschinen, die, an Schienen von der Decke hängend, bis zu 90 Tonnen Material transportieren konnten.

Der Rückzug beginnt mehrere Kilometer vom Ausstieg entfernt. Zuerst werden im Streb, wo die Kohle abgebaut wurde, die schweren Geräte abgezogen. Zum Beispiel sogenannte Schilde, tonnenschwere Geräte, die mit hydraulischen Stempeln die Decken abstützen. Im unterirdischen Materialbahnhof Lerche warten schon Teile aus dem Streb Wilhelm 750 auf ihren Abtransport. Sie werden über Tage gesäubert, gewartet und dann in noch betriebenen Bergwerken eingesetzt oder ins Ausland verkauft. Vor Kurzem haben sich eine polnische und eine chinesische Delegation hier unten umgeschaut, was sie vielleicht brauchen könnten. Als Letztes wird direkt am Schacht aufgeräumt.

Insgesamt wurde bereits Material im Neuwert von mehr als 36 Millionen Euro aus dem Bergwerk Ost heraufgeholt. Nur was nicht mehr verwendet werden kann, bleibt für immer in der Tiefe. "Wenn wir uns zurückgezogen haben, läuft hier unten alles voll Wasser", sagt Rehermann. Andere stillgelegte Bergwerke sind schon längst geflutet. "Man führt dabei das Wasser aus mehreren Bereichen gezielt zusammen und hebt es dort zutage." Deshalb werden zum Schluss noch Rohre durch die unterirdischen Gänge gelegt, um Wasser zu den Pumpstationen zu führen. Das Abpumpen soll verhindern, dass salzhaltiges Wasser aus der Tiefe bis zum Grundwasser aufsteigt. Diese Aufgabe fällt unter die "Ewigkeitskosten" des Bergbaus. Dieses Wort gibt es wirklich. Es steht für Probleme, die es noch geben wird, wenn längst keine Kohle mehr gefördert wird: Der Wasserhaushalt der Gruben muss für immer geregelt werden.

Im Bergwerk Ost wird es nicht mehr lange dauern, bis das Wasser die Strebe und Strecken geflutet hat. Dann wird auch der Abschiedsgruß auf einem dicken Druckluftrohr verwischen. Mit Kreide steht dort geschrieben: "Auf Wiedersehen BW Ost. FH Vielen Dank 30.09.2010". Noch drehen sich die Räder am Förderturm über dem Schacht Lerche. "Im Sommer wird die Materialrückgewinnung abgeschlossen sein", sagt Rehermann. Danach rücken die Verfüller mit ihren Mischmaschinen an. Dann kommt auch hier der Deckel drauf.

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