Die Karriere des Opernsängers Rolando Villazón nimmt inzwischen selbst opernhafte Züge an. Man darf sie deshalb ruhig noch einmal erzählen. Der Mexikaner war der Superstartenor des anbrechenden 21. Jahrhunderts, von den Scheinwerfern des Erfolgs grell angestrahlt, vom eigenen Können beflügelt, von der Welt auf Händen getragen – und ist das nun alles nicht mehr. Weil ihn seine Stimme im Stich ließ. Er hatte sich zu viel zugemutet, musste Auftritte absagen und sich schließlich einer Operation an den Stimmbändern unterziehen. Im Frühjahr des letzten Jahres ist er zurückgekommen , aber unüberhörbar nicht mehr als der unbekümmerte Was-kostet-die-Welt-Tenor, den alle liebten, und er lebt nun mit dem Zweifel, ob er es jemals wieder sein wird. Zugleich hat er erfahren, wie schnell andere Sänger seinen Platz auf dem Starkarussell einnehmen, in Stadien singen, auf dem Wetten, dass ...?- Sofa sitzen oder mit Anna Netrebko zum Traumpaar vermählt werden.

Hat dieser sprunghaft getriebene Tenor nicht selbst etwas Wertherhaftes?

In dieser Operngeschichte mit exemplarischer Fallhöhe kann man die Sängeragenten, Theaterintendanten und Schallplattenmanager mühelos in der Rolle der skrupellosen Schurken besetzen, die eine betörend schöne Stimme vereinnahmt und ruiniert haben, um sich dann achselzuckend dem nächsten Objekt ihrer Ausbeutungsgier zuzuwenden. Man kann aber auch in Rolando Villazón den Helden sehen, der sich selbst zugrunde richtet, weil er unfähig ist, seine Leidenschaft zu dosieren, weil er immerzu und überall sein Herz auf den Tisch des Hauses legt. Rolando Villazón als der Sänger-Ikarus, der zu viel und zu hoch hinaus wollte und deshalb abstürzte. Dazu passt, dass ihm das schöne Singen allein nie genug war. Er ist ein Tenor, der Bücher liest, sich mit Psychologie befasst, Karikaturen zeichnet und weiter denkt, als die Bühnenbretter reichen.

Es verwundert deshalb nicht, dass Villazón jetzt in Lyon sein Debüt als Opernregisseur gegeben hat. Der Schluss liegt nahe, er suche nach künstlerischen Alternativen für den Fall, dass er seine Sängerkarriere nicht mehr fortsetzen kann. Aber der Intendant von Lyon, Serge Dorny, erzählt, Villazón habe die Entscheidung, eine Oper zu inszenieren, schon vor seiner Stimmkrise getroffen. Dann freilich wäre das Regiedebüt eher ein weiterer Ausdruck seiner rastlosen Selbstüberforderung als eine Reaktion darauf. Und Jules Massenets Oper Werther, die Villazón in- und auswendig kennt, weil er die Titelrolle oft gesungen hat, erscheint wie ein ideales Stück: Hat dieser sprunghaft getriebene, vulkanische Tenor nicht selbst etwas sehr Wertherhaftes? Ist er nicht auch ein fatal Überempfindsamer, ein Selbstzerstörer aus unzügelbarer Leidenschaft, eine Sturm-und-Drang-Figur, die an der Realität zerschellen muss? Schon die Einstiegsgeste in den Premierenabend von Lyon zeigt die Verve, mit der sich Villazón auch in diese Aufgabe stürzt: Zu den ersten Klängen des Vorspiels wird der Bühnenvorhang regelrecht weggerissen, als mache sich da jemand gierig über das Stück her, um zu sehen, was sich darin verbirgt.

Wenn Sänger Opern inszenieren, wollen sie oft nur die Regiesünden tilgen, unter denen sie selbst als Akteure gelitten haben. Sie fahren dann den Bedeutungsanspruch herunter, betreiben metaphorische Abrüstung und machen es sich und ihren Figuren bequem, Demut vor dem Werk propagierend. So ist Villazón nicht. Seine Inszenierung durchzieht ein über alle vier Akte hinweg nie nachlassender Tatendrang. Eine geradezu fuchtelnde Aufgekratztheit wohnt den Protagonisten inne. Immer wieder scheinen sie nicht zu wissen, wohin mit ihren Gefühlen. Dann singen sie rote Plüschkissen an, drücken sie an ihr Herz und stoßen sie verzweifelt wieder von sich.