Gorch Fock Der Todessturz auf der und der Unfalltod von Afghanistan haben nicht miteinander zu tun. Und doch teilen die Tragödien eine Moral, die im Gewoge um Guttenberg untergeht: Die Bundeswehr ist weder Reichswehr noch Wehrmacht, und das ist die gute Nachricht.

Der "Bund" bleibt ein Spiegel der Gesellschaft, obwohl nach dem Ende der Wehrpflicht die Sorgen wachsen, die Armee werde sich als unterschichts- oder rechtslastige "Kaste" formieren. Das Gespenst heißt Hans von Seeckt , der Reichswehr-Chef, der das 100.000-Mann-Heer zum demokratiefeindlichen "Staat im Staat" umbaute, insgeheim mit der Roten Armee paktierte und ganz offen mit der extremen Rechten sympathisierte.

Die heutige Truppe aber sind nicht "die", sondern "wir", wie auch das Kundus-Bombardement von 2009. Die Nation ist sich einig: Erschöpfte junge Frauen gehören nicht in die Wanten; Kapitän Schatz wurde gefeuert. Mit dem Kameraden-Tod in Afghanistan beschäftigt sich die Staatsanwaltschaft. Die Untersuchungen zu Kundus füllen eine kleine Bibliothek, Staatssekretär und Generalinspekteur mussten gehen.

Lichtjahre trennen also die Bundeswehr von ihren Vorgängern, ja überhaupt vom Typus der klassischen Armee. Friendly Fire ist so alt wie der Krieg und hat an manchen Tagen mehr Soldaten getötet als Feindbeschuss. C’est la guerre, hieß es damals; nichts für den Staatsanwalt. Der Tod beim Training war einkalkuliert fürs Überleben im Ernstfall.

Eine zutiefst zivile Gesellschaft akzeptiert das Achselzucken so wenig, wie es die "meuternden" Kadetten taten. Das Autoritäre ist verschwunden – wie kann es dann als "militärische Disziplin" im Bundeswehr-Biotop fortleben? Die Truppe fühlt und denkt wie die Heimat, inklusive Suff und Karneval. Und die "denkt" den Krieg nicht mehr, weshalb der Offizier etwa das gleiche Sozialprestige genießt wie ein Amtmann. So entsteht keine "Kaste".

Wenn schon Soldat, dann mit den Rechten, die im Zivilen gelten. Wenn schon "kriegsähnliche Zustände", dann ohne die Risiken, die einst zum Handwerk gehörten wie die neunschwänzige Katze zur Royal Navy. Der Kulturwandel geht aber noch tiefer – überall im Westen. Heute ist uns "das Leben der anderen", siehe Kundus, so erhaltenswert wie das eigene. Deshalb stehen hinter den Zielplanern die Juristen, die das letzte Wort haben.

Was die größte Frage aufwirft: Wie noch Kriege ausfechten, die nicht der direkten Landesverteidigung dienen? Und gegen Feinde, welche die Genfer Konventionen nicht nur missachten, sondern auch strategisch einsetzen, weil sie die offene Flanke der Demokratie erkannt haben. Die eigenen Leichen sind im Krieg der Bilder so nützlich wie die Toten des Westens. Denn beide schüren den Widerwillen einer Gesellschaft, die den Krieg nicht mehr denken will.

Schatz ist geschasst, und Guttenberg wird nicht stürzen. Aber die Qual wächst: Wenn die Demokratien solchen Krieg nicht aushalten können, sollten sie ihn dann nicht besser lassen? Kurz und unblutig muss er sein. Befriedung aber ist lang, teuer und ungewiss. Der Rückzug ist immer programmiert.