Wie roch Diskothekennebel? Vor knapp einem Vierteljahrhundert, als die ersten House-Tracks aus Chicago es bis in deutsche Provinznächte geschafft hatten: nach Erdbeere. Möglicherweise auch nach Himbeere oder Kirsche, die Erinnerung ist kein verlässlicher Zeuge. Der Nebel war, das zumindest ist gesichert, aus erhitztem, parfümiertem Glykoldampf. Er hatte das kalte, geruchlose Trockeneis, das wie zäher Bodennebel über den Dancefloor gekrochen war, ungefähr zur gleichen Zeit in den Clubs abgelöst wie House seinen musikalischen Vorgänger Disco.

Der Nebel erfüllte nun den ganzen Raum, er hüllte die Tanzenden ein, doch es war immer noch Nebel, so flüchtig wie die Euphorie – und ja: die Utopie – des Tanzens: In der Nacht sind alle frei. Heute, fast 25 Jahre später, fragt man sich als geschmacklich versierter, auf- und manchmal auch allzu abgeklärter Clubgänger: Wie sollte Diskothekennebel duften, dass er nicht bloß der Erinnerung einiger Veteranen schmeichelte? Die Antwort des aus New York stammenden Disco- und House-Kollektivs Hercules And Love Affair lautet: Der Geruch ist egal, Hauptsache, er weckt die gleichen Sehnsüchte.

Blue Songs, das von Freunden formschöner Tanzmusik sehnsüchtig erwartete zweite Album von Hercules And Love Affair, klingt beim ersten Hören nostalgisch: als sei es um das Jahr 1990 aufgenommen worden. Doch die Rückbesinnung ist nicht so sehr Ausdruck einer Krise des Gegenwartspop, sie ist Konzept: Wenn im Pop ohnehin alles wiederkehrt, wird uns hier bedeutet, kommt es darauf an, die Geschichte zu bearbeiten. Für die Musik heißt das: Die Begeisterung für das Vergangene muss sich nicht mehr hinter ironischen Brechungen oder musikalischen Modernisierungsmätzchen verbergen. Der Künstler verwaltet ein Archiv der Erinnerungen, das er nach Bedarf aktualisiert.

Methodik und Ergebnis könnte man "Vintage" nennen. Mode- und Möbeldesign hantieren mit der Idee, sich Erlesenes anzueignen und es auszustellen, schon länger und weniger skrupulös: Wenn eine Form nicht mehr modernisierbar ist, steckt man seinen Ehrgeiz eben in die Entwicklung neuer Materialien und Herstellungsweisen. In diesem Sinne wäre die neue Platte von Hercules And Love Affair so etwas wie ein musikgewordener Plastic Side Chair von Charles Eames – ursprünglich war die Sitzschale aus Fiberglas, heute ist sie aus Polypropylen gefertigt, an der Form selbst hat sich nichts geändert. Man kauft sich gleichsam eine Gegenwart aus zweiter Hand. Der Preis dafür: Selbst das Neue ist nicht unberührt, sondern wirkt gebraucht und verkratzt.

Vintage an Hercules And Love Affair ist die Musik, die oft klingt, als hätte Andrew Butler, der Kopf und Produzent der Gruppe, sie nachts im Club eingeatmet und gleich nach dem Erwachen im Studio auf Festplatte gehaucht. Bereits Blind, der Song, der Hercules And Love Affair vor drei Jahren schlagartig berühmt machte, klang wie der getreue Nachbau eines Discostücks aus den Siebzigern – mit Ausnahme der Basslinie, die eher nach Postpunk klang und also eigentlich pophistorisch nicht passte.

Nach dem Prinzip Vintage ist aber auch die Gruppe selbst gebaut: jetzt mit noch höherem Paradiesvogelfaktor. Shaun Wright, den Andrew Butler während eines Konzerts von der Bühne herab entdeckt haben will, ersetzt den inzwischen selbst zur Berühmtheit aufgestiegenen Antony Hegarty in der Rolle des exaltiert-elegischen Klagesängers. Als prominenter Gast kommt Bloc-Party-Frontmann Kele Okereke dazu, der sein schwules Coming-out gerade erst hinter sich hat. Die venezolanische Techno-Diseuse Aerea Negrot wiederum gibt eine angemessen übertreibende Disco-Queen in der Tradition von Grace Jones. Die aktuelle Ausgabe von Hercules And Love Affair wirkt wie aus dem Kurs für Genderstudies zusammengecastet. Jeder vertritt seine eigene Minderheit, jeder steht für eine andere sexuelle Orientierung, ein Patchwork der Abweichungen und der Vorlieben, und gerade das irritiert: So ideal und überzeitlich komponiert ist die Wirklichkeit für gewöhnlich nicht.