Der Explosionsrauch hing noch immer unter der zerfetzten Decke im Moskauer Flughafen Domodjedowo, als die Verantwortung für den Selbstmordanschlag nordkaukasischen Terroristen zugesprochen wurde. Ein Mann mit arabischen oder kaukasischen Gesichtszügen, so hieß es in den ersten Nachrichten, soll 34 Menschen am internationalen Ankunftsterminal in den Tod gerissen haben. Der Terror traf den modernsten Flughafen Moskaus unter den Augen der Polizei, ohne dass der Geheimdienst FSB irgendetwas getan hätte. "Wir sind im Krieg", verkündete selbst der liberale Chefredakteur des Radiosenders Echo Moskwy Alexej Wenediktow, "und er wird schärfer."

Dieser Krieg dringt nicht zum ersten Mal aus den kaukasischen Republiken im Süden Russlands nach Moskau. Zuletzt sprengten sich im März vergangenen Jahres zwei "schwarze Witwen" aus Dagestan in der Moskauer U-Bahn in die Luft, 40 Menschen starben . Kurz zuvor hatte der tschetschenische Islamistenführer Doku Umarow damit gedroht, den Terror ins Herz Russlands zu tragen.

Gewalt bestimmt schon lange das Verhältnis Moskaus zu dem abtrünnigen Tschetschenien und anderen nordkaukasischen Republiken . Das Schreckensbild eines von Moskau losgelösten islamistischen Emirats im Nordkaukasus konnte Wladimir Putin, damals noch Präsident, im vergangenen Jahrzehnt mit dem zweiten Tschetschenienkrieg abwenden – um den Preis unzähliger getöteter Zivilisten und einer Brutalisierung der eigenen Armee. Doch der Islamismus breitete sich über die Nachbarrepubliken aus und bedroht nun erneut die staatliche Einheit – diesmal allerdings durch den Nationalismus, der in Russland schon lange schwelt und nun noch mächtiger werden könnte.

Seit Dezember besitzt Russlands rechte Bewegung einen Märtyrer im Kampf gegen die Kaukasier. Jegor Swiridow, 28-jähriger Fußballfan des Vereins Spartak Moskau. Anfang Dezember gerieten er und seine Freunde in Moskau mit einer Gruppe Nordkaukasier in Streit. Einer von ihnen, ein Kabardiner, schoss dem Spartak-Fan mit einer Luftpistole in den Bauch. Swiridow starb. Als die Polizei die Verdächtigen verhaftete und bald darauf freiließ, schlug der Zorn der Fußballfans in Aufruhr um.

Einige Tage später jagten Spartak-Anhänger fremd aussehende Passanten durch Moskaus Zentrum. Sie lieferten sich Schlägereien mit den Kaukasiern, mehrere Tausend Polizisten und Spezialkräfte waren im Einsatz. Der Krieg scheint sich in die Städte und Straßen Russlands zu verlagern.

Die Machtdemonstration der organisierten Fußballfans erschreckte sogar die Regierung. Bislang galten Nationalisten und Skinheads als Grüppchen skrupelloser Schläger, die zwar für die Gastarbeiter in den Moskauer Hinterhöfen, nicht aber für den Staat gefährlich waren. Offen rassistische Übergriffe spielt die Politik gern als Rowdytum herunter. Prügelnde Hooligans galten bislang als "kontrollierbar" und, wenn nötig, als manipulierbare Schlägertruppen gegen aufbegehrende Straßenrevolutionäre.

Doch es steigt der gesellschaftliche Fremdenhass, es steigt auch die Zahl der Opfer rassistischer Gewalt. Bei einer Umfrage des unabhängigen Lewada-Instituts gaben 19 Prozent der Befragten an, sie verspürten Feindschaft gegen Menschen anderer Nationalitäten. Im Jahr davor waren es noch elf Prozent. Und laut einer Statistik der Moskauer Organisation Sowa, die fremdenfeindliche Übergriffe dokumentiert, wurden im vergangenen Jahr bei rassistischen Gewalttaten in Russland 37 Menschen getötet.