DIE ZEIT: Die deutsche Wirtschaft wächst so rasant wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr. Wird nun alles gut, Herr Ragnitz?

Joachim Ragnitz: Wenn nach einer Krise das Vertrauen in der Wirtschaft wieder steigt, werden in der Regel oft hohe Wachstumsraten erreicht. Das hat mit sogenannten Nachholeffekten zu tun: Plötzlich wird wieder investiert – was vorher nicht der Fall war. Diese Situation aber dürfte sich in diesem Jahr bereits wieder normalisieren.

ZEIT: Wie ein Frühling nach hartem Winter?

Ragnitz: Genau. Und in solchen Momenten sagt die Politik gern: Alles ist gut. In der Hoffnung, die positive Stimmung wirke ansteckend. Was ja häufig dann auch passiert. Im Grunde aber muss man sagen, dass wir allmählich erst wieder das Vorkrisenniveau erreichen. Kein Anlass für Euphorie.

ZEIT: Inwieweit findet dieser Aufschwung denn auch im Osten statt?

Ragnitz: Es gibt ihn, aber schwächer. Man könnte es so sehen: Bei uns war die Krise nicht so ausgeprägt, deshalb spüren wir den Aufschwung nicht im gleichen Maß. Meine Sicht ist eher pessimistisch: Es gibt hier sehr viele kleine Firmen, und die sind oft weniger wettbewerbsfähig als größere Unternehmen, weil sie größenbedingte Kostenbelastungen haben oder die Risiken eines Auslandsgeschäfts nicht eingehen können. Zudem sind konsumnahe Produktionen in Ostdeutschland stark vertreten, etwa das Ernährungsgewerbe oder die haushaltsnahen Dienstleistungen. Hier gibt es infolge der schwachen Einkommensentwicklung im Osten nur geringe Wachstumsraten. Und es fehlen die wertschöpfungsintensiven Hauptsitze großer Firmen.

ZEIT: Wie viel also kommt von dieser Erholung tatsächlich in den neuen Ländern an?

Ragnitz: Auch im laufenden Jahr wird die ostdeutsche Wirtschaft weiter wachsen, aber die Dynamik lässt auch hier nach. Die Löhne werden ein wenig zunehmen, die Beschäftigung auch. Wir gehen für 2011 von zirka 45000 neuen Arbeitsplätzen in ganz Ostdeutschland aus. Aber der Aufholprozess wird dadurch nicht beschleunigt, denn der Westen wächst ja sogar noch etwas stärker.

ZEIT: "Der Osten holt weiter auf" – ein Irrglaube?

Ragnitz: Die Erwartung jedenfalls, man könne bis 2020 den Westdurchschnitt erreichen, teile ich nicht. In der Wissenschaft ist diese Einschätzung übrigens Konsens. Nur die Politik möchte das nicht unbedingt hören. Obwohl sich das langsam ändert. Im jüngsten Jahresbericht zur deutschen Einheit steht recht prominent, dass man bis 2020 das Niveau der finanzschwachen westdeutschen Flächenländer erreicht haben will, also von Rheinland-Pfalz oder Schleswig-Holstein. Die liegen bei 90 Prozent des westdeutschen Bruttoinlandsprodukts je Erwerbstätigen. Das scheint jetzt das offizielle Ziel zu sein, und selbst das halte ich für ambitioniert. Wir müssen uns daran gewöhnen, dass der Osten – bis auf wenige Ausnahmen – eine ziemlich arme und strukturschwache Gegend bleibt.