Mein Skiausflug in die Schweiz ist eine Schneepflugfahrt in die Welt der High Society. Dazu muss man wissen, dass ich ein großer Bewunderer mondäner Lebensführung bin. Regelmäßig informiere ich mich in den Prominenten-Fachmagazinen, um meinen eigenen Standard zu optimieren. Was unternehmen wir in den Winterferien? Die Gazetten sind eindeutig: Der Adel, die Oligarchen, die Pelzträgerinnen – alle fahren Ski in der Schweiz. Weil ich dann noch weiß, wo das Musikvideo zu Whams Last Christmas gedreht wurde, diese filmische Ode an gut geföhnte, glückliche Menschen, Arm in Arm schneestapfend auf dem Weg ins kamingeheizte Chalet, ist die Reise schnell gebucht. Für Saas-Fee spricht am Ende vor allem eine Zahl: Der Skipass kostet 67 Schweizer Franken pro Tag; nirgendwo sonst in Europa ist der Schneepistenzugang teurer. Nirgendwo sonst werde ich mich ölprinzlicher fühlen.

Auf dem letzten Stück meiner Anreise, im Postbus hoch auf das Felsplateau am Ende des engen Saastales, wird mir klar, dass sich die Reize des Schweizer vida loca häufig von ihrer subtilen Seite zeigen. Die alte Dame? Gibt sich wie eine Rentnerin. Könnte ja aber auch die Mutter eines Milliardärs sein, zurück von einer Shoppingtour inkognito durch Visp. Das blonde Pferdeschwanzmädchen? Vielleicht die Freundin eines Thronfolgers, die Bescheidenheit demonstrieren will und darum auf die Anfahrt mit dem Bentley verzichtet. Am Dorfrand ist dann sowieso Endstation für Autos.

Ein Elektromobil zuckelt mich zum Hotel. Der surrende Antrieb dieses Fahrzeugs bringt mich sofort in eine gediegene Golfplatz-Urlaubsstimmung. Genauso ausgewogen zeigt sich meine Unterkunft, selbstverständlich eines der ersten Häuser am Orte: gerade so viel Holz, um behaglich, aber nicht altmodisch zu wirken. Die Rezeptionistin bietet mir einen Drink an. Ich möchte lieber gleich auf die Piste, den teuren Skipass ausnutzen. Wir setzen uns trotzdem, damit sie mir erklären kann, wann das Kuchenbuffet aufgebaut wird. Ich höre mir das geduldig an, Schweizer sind so freundliche Menschen, die will ich mit meiner Hektik nicht verletzen.

Umziehen, zum Skiverleih und rein in den Lift. Es reichte nur für drei Tage in Saas-Fee, da kann ich keine Zeit mit Höhenakklimatisierung verplempern. Also gleich ganz nach oben, auf den Allalin, 3500 Meter hoch. So hoch war ich vielleicht schon mal in meinem Leben, aber ich kann mich gerade nicht erinnern, ich keuche. Der Gondelwärter sieht mich an: "Das wird super!", sagt er. Strahlend blauer Himmel, Gletscher, absolut schneesichere Nordhänge, 13 Viertausender rundherum aufgereiht, das nehme ich aus den Augenwinkeln wahr, habe ich schließlich alles mitgezahlt, aber ich spüre, es wird nicht leichter, je länger ich hier stehe. Von hier oben kann ich in einem Stück mit vielen weichen Schwüngen hinunter ins Dorf, bis wenige Meter vor die Gute-Laune-Buden gleiten. Ich weiß doch, wie das geht, ich war schon einmal Ski fahren!

Nach etwa fünfhundert Metern Fahrstrecke und einer halben Stunde Schneepflug merke ich, dass die verschiedenen Skigebiete anscheinend unterschiedliche Anforderungen an den Fahrer stellen. Mir geht die entspannte Haltung flöten. Wenn ich in diesem Tempo weiterfahre, wird es nichts mit Après-Ski und Kuchenbuffet, dann brauche ich bis zur Abreise für die paar Abwärtskilometer. Also laufen lassen. Ein älterer Herr fährt Schuss, steht dabei vollkommen aufrecht und telefoniert. Oder tut so.

Ich bekomme schlechte Laune. Unten im Tal geben sie sich ausgeglichen, und hier oben leben diese Schweizer und ihre Sinnesgenossen plötzlich ihre abgründigen Leidenschaften aus. Ich stehe vor einer Bodenwelle, ich kann nicht sehen, wie es weitergeht, vor mir nur diese Kante ins Nichts, in meinem trockenen Schlund schmeckt es nach Zink. Noch ein Sportskamerad rauscht vorbei, sein Hintern schleift fast auf dem Boden, lässig ruft er mir ein "Hopp, auf geht’s" zu, und da weiß ich, man kann auch in der Schweiz hassen. Und dieser Hass richtet mich auf, ich reiße mich zusammen und fahre endlich. Ein bisschen noch, und ich werde mich mit einem Glas Prosecco in der Hand an der Nutriapelz-Schulter eines Skihasen trösten.