Neulich hatte ich das Glück, wieder einmal ein paar Flaschen vom Nikolaihof in Mautern vor mir stehen zu haben. Mautern liegt in der Wachau in Niederösterreich, und die Weine vom Nikolaihof sind konsequent biodynamisch angebaut. Vielleicht schmecken mir die Rieslinge und die Grünen Veltliner deshalb so gut (ich trinke aber auch konventionell gemachte Weine liebend gerne).

Allein der Anblick der geschlossenen Flaschen macht mir Freude. Und zwar wegen der schlichten Etiketten der Weine. Es sind No-Nonsens-Etiketten, ohne altertümelnde Wappen und, was mir noch wichtiger erscheint, ohne die Handschrift eines Künstlers. Das fällt in der Masse der konfettibunten Flaschen sofort auf. Es ist wie die Rückkehr ins heimatliche Dorf: Sieh da, der alte Pepi, hat sich gar nicht verändert, freut man sich.

Ich freue mich darüber, dass hier ein Winzer nicht der Mode folgt. Modisch im Weinbau ist die originelle Gestaltung der Etiketten. Das bedeutet, dass jeder Winzer in der Nachbarschaft Umschau hält, ob da nicht jemand eine künstlerische Begabung hat. Und was Beuys nur vermutet hat, bewahrheitet sich hier: Jeder Mensch ist ein Künstler. Die Chance sich zu verwirklichen lässt keiner aus, den die Muse küsste. Deshalb sind Weinflaschen unterschiedslos bunt etikettiert. Der eine Winzer gestattet Michelangelo, sich auf seinen Rieslingen auszutoben, der andere ist mit einer naturverbundenen Schwiegertochter gesegnet, die ihm Blümchen oder einen Kieselstein auf die Cuvées malt. Der deutsche Weinbau ist eine Talentschmiede für künftige Malerfürsten.

Erfunden hat die Flaschenkunst übrigens vor über einem halben Jahrhundert der Baron Philippe de Rothschild. Aber er beauftragte, dem Rang seiner Weine entsprechend, nur weltbekannte Künstler, zum Beispiel Niki de Saint Phalle, und die gestalteten für jeden Jahrgang nur ein einziges Etikett! Andere Winzer respektierten seine Idee, indem sie sie nicht kopierten.

Heute halten die meisten Winzer es für sinnvoll, jeder Lage ihres Rebberges ein eigenes Etikett zu verpassen. Für den künstlerischen Nachwuchs ist das zweifellos förderlich, das Angebot der Weinbauern aber wird völlig unübersichtlich. Einen großen Teil der Etiketten muss man senkrecht lesen. Vielleicht weil Chinesen auch deutsche Rieslinge trinken; wahrscheinlich aber weil deutsche Gebrauchsgrafiker auch ein Wort mitreden wollen, und denen ist es egal, ob man die Jahrgangsangabe erkennt oder nicht, wenn einem der Weinkellner die Flasche hinhält.

Dass es unter der Massenkunst auch Etiketten gibt, die grafisch gelungen und sogar lesbar sind, dass kleine Kunstwerke sich unter dem Berg von Originalitätsmüll verstecken, weiß ich wohl, und mir tun die Urheber leid. Aber man muss nur ein paar alte Weinflaschen – oder neue vom Nikolaihof – in der Hand halten, um den Unfug der heutigen "Künstler-Etiketten" zu erkennen.