DIE ZEIT: Sind Sie, Herr Schmidt, einmal auf der Gorch Fock gewesen?

Helmut Schmidt: Ich bin einmal als Badegast auf dem Schiff gewesen. Das war anlässlich eines offiziellen Besuchs, den ich in Washington zu machen hatte. Mag sein, dass es in Baltimore war – jedenfalls lag die Gorch Fock bei wunderschönem sonnigem Wetter an der Pier. Ich war nicht länger als anderthalb Stunden an Bord und werde einen anständigen Becher Kaffee gekriegt haben, vielleicht auch einen Whisky. Mit der Ausbildung an Bord der Gorch Fock habe ich als Verteidigungsminister nichts zu tun gehabt.

ZEIT: Wenn Sie als ehemaliger Verteidigungsminister von den Skandalen bei der Bundeswehr hören, von der Gorch Fock über den Tod eines Soldaten durch die Waffe eines Kameraden bis hin zu geöffneten Feldpostbriefen: Welchen Rat würden Sie Ihrem heutigen Amtsnachfolger Karl-Theodor zu Guttenberg für den Umgang damit geben?

Schmidt: Ich würde nicht gleich von Skandalen reden, sondern von Vorkommnissen, die dringend der Aufklärung bedürfen. Dafür gibt es Gesetze, Disziplinarvorschriften, Ausbildungserlasse. Um einen Rat gebeten, würde ich sagen: Sorge dafür, dass die Vorschriften eingehalten werden. Zu den Regeln gehört beispielsweise auch, dass über niemanden der Stab gebrochen wird, ehe er angehört wurde.

ZEIT: Sie spielen auf die Entpflichtung des Kommandanten der Gorch Fock an.

Schmidt: Nicht nur darauf. Auch auf die Entlassung des Staatssekretärs Peter Wichert und des Generalinspekteurs Wolfgang Schneiderhan.

ZEIT: Ein Offizier der Gorch Fock soll einem Untergebenen, der über die Verhältnisse auf dem Schiff diskutieren wollte, geantwortet haben: "Wir sind hier, die Demokratie zu verteidigen, aber nicht, um sie zu leben." Was sagen Sie dazu?

Schmidt: Ich weiß nicht, ob diese Äußerung gefallen ist, ich weiß auch nicht, wie alt der Offizier war – vielleicht war es ein blutjunger Leutnant. Wenn es ein erfahrener Seeoffizier gewesen sein sollte, würde ich allerdings von ihm erwarten, dass ihm der Artikel 1 des Grundgesetzes geläufig ist: "Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt." Die Befehlsgewalt eines Seeoffiziers ist staatliche Gewalt. Die Würde des Menschen zu achten und zu schützen ist die Aufgabe auch jedes mit Befehlsgewalt ausgestatteten Vorgesetzten in der Bundeswehr. Deshalb wurde er beispielsweise nach dem Leitbild der "Inneren Führung" erzogen.

ZEIT: Trotzdem beruht jede Armee auf dem Prinzip von Befehl und Gehorsam.

Schmidt: Sie muss dieses Prinzip ernst nehmen, aber es steht nicht über dem Artikel 1 des Grundgesetzes.