Matthias ZEIT: Wie viel Zeit haben Sie insgesamt mit dem Computerspiel Foldit verbracht?

Matthias Gaebel: Keine Ahnung, einige Hundert Stunden werden es schon gewesen sein. Wiederkehrende Aufgaben habe ich auch nebenbei im Hintergrund ablaufen lassen.

ZEIT: Und was haben Sie gleichzeitig getan?

Gaebel: Nachrichten gelesen, Musik gehört, YouTube-Videos oder eine DVD geguckt. Und dann war da ja auch noch der Foldit-Chat, davor habe ich schon mal ein paar Stunden am Abend gesessen.

ZEIT: Was hat Sie so stark motiviert?

Gaebel: Vor allem, dass es nicht nur so ein Spiel zum Zeitvertreib ist, sondern einen wissenschaftlichen Hintergrund hat.

ZEIT: Glauben Sie, dass Sie damit zur Heilung von Krankheiten oder zur Entwicklung neuer Umwelttechnik beitragen?

Gaebel: Nicht unmittelbar, im Moment ist das ja noch Grundlagenforschung und hat mit konkreten Anwendungen nicht allzu viel zu tun.

ZEIT: Ist das Gruppengefühl wichtig?

Gaebel: Na sicher! Mit der Zeit kennt man sich, reißt seine Witze, wenn mehrere Mitglieder gleichzeitig online sind. Da bleibt man schon eher dran.

ZEIT: Kennen Sie andere Mitglieder persönlich?

Gaebel: Was heißt persönlich? Im wirklichen Leben getroffen habe ich sie noch nie. Das wäre auch schwierig, sie sind ja über die ganze Welt verstreut. Aber ich kenne sie aus dem Chat, und da tauschen wir uns auch über persönliche Sachen aus.

ZEIT: Jetzt sind Sie zu einem neuen Spiel gewechselt, EteRNA ...

Gaebel: ...ja, die Beta-Tester für EteRNA wurden direkt bei Foldit gesucht. Einige von uns haben sich angemeldet und dort auch ziemlich schnell die Führung übernommen. Denn wir kannten uns ja aus mit derartigen Spielen.

Ihr Beitrag zur Wissenschaft ist den Spielern wichtig

ZEIT: Fühlen Sie sich als Teil des wissenschaftlichen Entwicklungsteams?

Gaebel: Im Moment auf jeden Fall. Wir machen ja viele Verbesserungsvorschläge.

ZEIT: Und darauf wird gehört?

Gaebel: Die Entwickler reagieren wirklich schnell auf unser Feedback, EteRNA ist ja gerade in der Anfangsphase, und es müssen noch ein paar letzte Fehler ausgeräumt werden.

ZEIT: Bei EteRNA helfen die Spieler Forschern dabei, RNA-Moleküle mit ganz bestimmten Eigenschaften zu entwerfen. Wieder Biochemie! Wo liegt der Unterschied zu Foldit?

Gaebel: Bei EteRNA sind die Regeln einfacher. Und man hat, wenn man gut ist, schon nach ein paar Minuten eine Lösung. Bei Foldit dauert es immer eine ganze Woche, bis ein Protein vom Server genommen wird. Dann hat man aber immer noch keine Lösung. Bei EteRNA werden dagegen die besten Lösungen jeder Woche tatsächlich im Labor synthetisiert. Und dann wird geguckt, ob die echte Ribonukleinsäure sich wirklich so formt wie die digitale in der Simulation.

ZEIT: Diese direkte Rückmeldung ist wichtig für das Spielerlebnis?

Gaebel: Ja, denn dabei lernt man ja auch. Ich sehe sofort: Das, was ich gerade gemacht habe, funktioniert – oder es funktioniert nicht.

ZEIT: Haben Sie beruflich etwas mit Mikrobiologie zu tun?

Gaebel: Überhaupt nicht. Ich wusste auch nichts über Proteine, bevor ich zu Foldit kam.

ZEIT: Und haben Sie jetzt Interesse, ihre Erfahrungen beruflich zu nutzen?

Gaebel: Na, dafür müsste man noch sehr viel lernen. Wenn ich diese wissenschaftlichen Aufsätze lese, um die Hintergründe besser zu verstehen, dann merke ich schon, dass der innerste Kern der Sache sehr trocken und kompliziert ist. Beruflich wäre das wohl nichts für mich.

Matthias Gaebel (40), Internetname Madde, war einer der erfolgreichsten deutschen Foldit-Spieler und Gründer des zugehörigen Forums. Unlängst ist er zum neuen Spiel EteRNA gewechselt.