Große Don Karlos- Inszenierungen verlangen dringend nach der Drehbühne. Diese monströse, bisweilen aufdringliche Theatermaschine kommt gern zum Einsatz, wenn die Herrschaft des Bösen über die reine Menschlichkeit dargestellt werden muss.

Nicht der Mensch, der auf der Bühne steht, ist dann der Gestalter und Motor des Spiels; sondern es ist die Drehbühne, die blinde, gleichgültige Weltachse, die alles entwickelt und vernichtet: hier rotiert der irre Weltgeist.

Im Jahr 2004 hat am Wiener Burgtheater Andrea Breth den Karlos auf einer Drehbühne in einem gläsernen Palast spielen lassen. Alle bespitzelten alle, es gab kein Versteck auf dieser Scheibe, und in den gläsernen Gemächern rollte ein kleines Mädchen, die künftige Herrscherin Spaniens, auf dem Dreirad durch den Palast, neugierig und unerschrocken: Das Kind wurde schon unter Glas geboren und war dafür gewappnet, das Glasreich später auch zu regieren.

Denn das war die Lage eines spanischen Herrschers zu Zeiten des Don Karlos; er war Herr eines ausgeleuchteten Weltreichs und zugleich eines gigantischen Behörden- und Spitzelsystems, er regierte ein Spanien, in dem die Sonne nicht unterging.

Auch am Hamburger Thalia Theater ist jetzt die Drehbühne in Gang gesetzt worden für den Don Karlos , aber diese Bühne (gebaut von Florian Lösche) ist nicht gläsern durchschaubar, sondern sie besteht aus blickdichten, finsteren, ledergepolsterten Salons und kargen Verliesen. Es ist eine Raumlandschaft, in der ein Blinder sich am besten zurechtfinden würde, weil es darin kein natürliches Licht gibt.

Auch hier taucht in einer kleinen Szene die künftige Herrscherin, die Infantin Klara Eugenia, schon auf, aber nicht als lustig helles Kind, sondern als ein gespensterhaftes Baby, welches wie ein großer, bleicher Gecko über die Bühnenwände huscht. Wir sind hier in einer Höhle, einer geschlossenen Anstalt.

Während also Andrea Breths Spanien ein vollkommen durchsichtiges Glasreich war und das Terroristische und Erstickende des höfischen Alltags gerade darin lag, dass jeder alles sah, sodass man nur ein genialer Beobachter sein musste, um die Strippen zu ziehen, ist es in der Hamburger Inszenierung der jungen Regisseurin Jette Steckel so, dass man durch Beobachtung allein gar nichts gewinnt: Alle sind hier immerfort in schwarzen undurchsichtigen Seelendruckkammern unterwegs, und es brauchte einen hellhörigen Alltagsblinden, einen Seher nach innen, um durch die Wände und Lederpolster hindurchzulauschen und den Palast zu durchschauen.

So einen haben sie auch auf der Hamburger Bühne; es ist der Marquis von Posa. Er ist mehr als ein genauer Beobachter und genialer Menschenkenner, er ist der Autor der Umstände, der vorausweiß, was hier bald vorgehen wird: weil er es im Kopf allein für sich selbst schon inszeniert hat. Er hat insgeheim die ganze Weltgeschichte nach seinem Geschmack um- und vorausgeschrieben.

Posa ist die zentrale Figur der Hamburger Inszenierung, der tolle Jens Harzer spielt ihn, er bewegt sich gleichsam durch sein eigenes großes Stück, und wenn er spricht, so wiederholt er nur Text, den er im Geist längst formuliert hat. Er ist ein Intrigant mit weltverbessernden Absichten; er will, dass alle Menschen frei sind. Er wird am Ende diese Welt ohne Bedauern verlassen; aber er möchte doch, dass sie erfährt, wem sie ihre Verbesserung verdankt.