Schrundige Oberflächen, Astlöcher, Ausbrüche, Sägegatterspuren. Muss die Haut der Küche denn immer weiß und kunstharzversiegelt oder edelstählern sein? Glatt, hochglanzpoliert, praktisch? Nein, sagt Rotpunkt Rabe & Meyer Küchen aus Bünde. Die Küche ist zum Wohnen da. In der isolierten Kochküche einsam ein Essen zaubern – das war gestern. Wer heute am Herd steht, will weiter wohnen dürfen. Wer aber wohnt, möchte es gemütlich haben, und das bedeutet von alters her Holz. Ulme. Magnolie. Und tatsächlich auch wieder Eiche!

Echtholzküchen und solche, die wie Echtholzküchen aussehen, schienen die internationale Küchenmesse vergangene Woche in Köln zu dominieren. Ihr Name ist ebenso programmatisch wie kühn: Suggeriert LivingKitchen doch die Aufhebung der Trennung von Kochen und Wohnen, womöglich gar das Ende des living room. Die Veranstalter haben auch gleich eine neue Designepoche ausgerufen, sie trägt den Furcht einflößenden Namen "Neue Deutsche Gemütlichkeit".

Eigentlich galt die Neue Deutsche Gemütlichkeit nach dem Krieg unter Feuilletonisten und Kulturbewahrern als Schimpfwort (wir erinnern uns an ein Grauen namens Gelsenkirchener Barock). Bestenfalls benutzte man den Begriff ironisch, so wie 1988 der Künstler Frank Schreiner alias Stiletto, der ein Kissen aus Maschendraht und Metallschwämmen Neue Deutsche Gemütlichkeit nannte. Nun also beschreibt das muffige Wort einen schicken Stilbruch: Her mit Holz, ob schwarz, ob braun, Großelternlook kann nicht schaden, und wenn man an Studentenbude und Sperrmüll denken muss, ist das auch kein Unglück.

In Köln lümmelten sich in jeder dritten Ausstellungsküche sogar Sessel und Sofas herum. Eine moderne Wohnküche umschließt selbst unsere raue Vergangenheit. Felle und Holzkamine erinnern an Jäger- und Sammlerzeiten. Nicht zufällig heißt die auffälligste Linie von Rotpunkt "Into the Wood". Holz lebt, arbeitet und hat Fehler ("die keinen Reklamationsgrund darstellen!"). Angesichts einer Rotpunkt-Küche hätte man früher gefragt: Wer hat denn das zusammengeschustert? Heute freuen wir uns über die Formulierung im Prospekt: "Mit jeder dieser Küchen erwirbt der Kunde ein einmaliges persönliches Unikat."

Bauch und Gemüt – die Küche wird zum Allesraum fürs ganze Leben. "Es geht um ein Leben am Feuer, wo es sich seit Anbeginn der Zeiten abspielte", frohlockt der weltberühmte französische Designer Philippe Starck, der für die Warendorfer Küchen GmbH entwirft. Er holte weit aus und konzipierte die Starck by Warendorf Library. Das ist eine Küche, die nicht nur wie eine Bibliothek aussieht, nein es gibt Bücherregale und Bücher. Geht das überhaupt? Fragt sich der Bibliophile besorgt, der an feuchte, nach Sauerkraut riechende Erstausgaben denken muss. Kein Problem! Technische Lösungen sind auf dem Markt. Und ein weiterer Trend passt dazu.

Die bücherfreundliche Küche braucht eben Dunstabzugshauben oder, kurz: Dunsthauben. Wasserdampf, Ölschwaden und Kohlgerüche werden leise von Systemen abtransportiert, die in Höhe von bis zu 2,60 Metern hängen können. Der belgische Hersteller Novy behauptet, seine Dunsthauben seien, wenn man gleichzeitig ein Schnitzel brät, unhörbar. In Stufe zwei erreichten "die Gebläse sogar einen Geräuschwert, der mit dem Geräuschniveau einer" – na, was wohl? – "Bibliothek zu vergleichen ist"!

Der Messeaufreger war allerdings das Konkurrenzprodukt "Kochfeldabzug" von Bora aus dem bayerischen Raubling. Hier wird der Dunst zur Seite abgesaugt und verschwindet in Schlitzen neben dem Kochfeld. Klappt perfekt, aber wehe, der Koch schlabbert.