Allah hat das Universum geschaffen. Aber der Mensch ist der Statthalter der Schöpfung. Der Koran sagt: Wir müssen die Natur und die Tiere mit Respekt behandeln und schützen. Deshalb sollten wir auch Fleisch nur in Maßen genießen. Der Prophet mahnt. Wir sollen nicht verschwenden" – die Frauen, die mit ihren Kopftüchern und knöchellangen Stoffmänteln in der Kreuzberger Merkez Camii Moschee sitzen, nicken zögerlich. Ausnahmsweise ist es nicht der Imam, der an diesem Sonntag zu ihnen spricht. Yasemin Aydemir heißt die junge Frau, die mit unverhülltem Haupt eine Art Predigt in türkischer Sprache hält. Nur hin und wieder hört man deutsche Wortfetzen: "Mülltrennung", "Heizkostenabrechnung", "Energiesparlampe". "Woran erkennt ihr eine Energiesparlampe? Wie viel Geld könnt ihr dadurch sparen?" Eine Verpackung mit einer Ökoglühbirne macht die Runde. Danach wird Yasemin Aydemir erklären, wie man durch richtiges Heizen und Lüften Geldbeutel und Klima schont. Und wie viel Strom aus der Steckdose fließt, wenn der ausgeschaltete Fernseher im Stand-by-Betrieb bleibt. Ihre Zuhörerinnen fragen nach, machen Notizen. Botschaft angekommen?

Für die angehende Islamwissenschaftlerin Aydemir ist ihr Vortrag in der Moschee eine Generalprobe. Von Februar an wird sie als geprüfte Umweltbotschafterin in Moscheen, Schulen und Migrantenvereine ausschwärmen. Zuvor wiederholt die 28-Jährige in den Räumen des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND) noch einmal die wichtigsten Lektionen ihres 60-stündigen Ökolehrgangs – gemeinsam mit acht weiteren türkischstämmigen Umweltbotschafterinnen in spe, die im "zivilen" Leben Hausfrauen, Krankenschwestern oder Kosmetikerinnen sind: Wie putze ich umweltschonend? Wie funktioniert der Umstieg auf Ökostrom? Was bringt die Mülltrennung?

Gülcan Nitsch geht alles noch einmal mit ihren Schülerinnen durch. Die 38-jährige Biologin ist Mitgründerin der ersten türkischsprachigen Umweltgruppe namens Yesil Cember – grüner Kreis. Und sie ist Motor einer kleinen, erstarkenden türkischsprachigen Ökobewegung in Deutschland.

Vor vier Jahren war Gülcan Nitsch mit Yesil Cember eine Pionierin. "Die deutsche Umweltbewegung hat die 2,5 Millionen türkischen Migranten als Zielgruppe nicht im Blick gehabt. Dabei ist das ein ungeheures Potenzial." Heute ist Gülcan Nitsch eine im ganzen Land gefragte Handlungsreisende in Sachen Ökologie à la Turka. Über 20 Multiplikatoren hat sie im letzten halben Jahr zu "Umweltbotschafterinnen" ausgebildet; Partner ihrer zahllosen Ökoveranstaltungen sind die türkischen Konsulate. Mal zieht sie mit ihren – überwiegend weiblichen – Mitstreitern auf Wochenmärkten gegen Plastiktüten zu Felde, mal wirbt sie für Mülltrennung. Gerade hat sie das erste türkische Unternehmen klimafreundlich umgemodelt. Demnächst will sie sich die opulenten türkischen Hochzeiten vorknöpfen – mit einem Faltblatt für ökologisches Feiern und stromsparende Haushaltsgeräte zur Aussteuer. Offenkundige Reizthemen wie Autofahren oder das beliebte Grillen bleiben bei Yesil Cember vorerst lieber tabu. Öko à la Turka verlangt Fingerspitzengefühl. "Aber die Offenheit in der türkischen Community für Umweltschutz ist da", schwärmt Gülcan Nitsch "wir müssen nur die richtige Sprache finden."

Taha Kahya hat Zeit gebraucht, sie zu finden. Der Betriebswirt ist durch Moscheen und Männercafés gezogen, um für sparsames Heizen zu werben. Er zeigte Statistiken, Schaubilder vom Klimawandel – seine Zuhörer winkten ab. "Das kannst du an der Uni erzählen." Erst als Kahya an die Mahnung des Propheten erinnerte, nicht verschwenderisch mit natürlichen Ressourcen umzugehen, wurde sein Publikum hellhörig. Der Islam bot einen Anknüpfungspunkt für das sperrige deutsche Wort Nachhaltigkeit . "Die Religion", sagt Kahya, "öffnet zumindest bei strenggläubigen Muslimen die Ohren."

Das mag eine Erklärung sein für den Befund, mit dem eine Untersuchung des Zentrums für Türkeistudien so manches Klischee vom türkischen Ökomuffel korrigiert. Eine "ausgeprägte Sensibilität gegenüber dem Thema Umweltschutz, die sogar noch deutlicher ist als bei der deutschen Bevölkerung", bescheinigen die Forscher türkischen Migranten. Zumindest im Geiste seien sie sehr umweltbewusst. Doch zwischen Sein und Bewusstsein klaffen breite Lücken: Es fehlt das Wissen, weil das Thema von türkischen Medien vernachlässigt wird, viele Menschen fremdeln mit der deutschen Gesellschaft, und sie haben nicht viel Geld.