Ursula von der Leyen hat ein seltenes politisches Talent: Sie versteht es, festgefahrene, deprimierende, scheinbar hoffnungslose Diskussionen plötzlich zu wenden, sodass etwas Neues, Spannendes daraus wird. So war es mit dem deutschen Gezicke und Gezerre um die Frage, ob berufstätige Mütter Rabenmütter sind. Von der Leyen empfahl den alten Herren im konservativen Meinungslager, doch einfach zu beobachten, wie ihre eigenen Töchter leben wollten – und auf einmal galt der Ausbau von Kinderbetreuungsplätzen und Ganztagsschulen nicht mehr als ideologisch verdächtig, sondern als vernünftig und pragmatisch .

Und nun die Quote. Im Ernst: Wer hätte in den vergangenen zehn Jahren geglaubt, dass ausgerechnet dieses Achtziger-Jahre-Thema noch einmal im selben Atemzug mit dem Begriff Fortschritt genannt werden würde? Die Positionen schienen so klar wie starr: Eine Mehrheit postfeministisch geprägter junger Frauen betrachtete die Quote als unattraktives Relikt einer Frauenbewegung, die ihrem Lebensgefühl nicht mehr entsprach, und wollte lieber "aus eigener Leistung" glänzen. Die komplett männlich dominierte Wirtschaft sah keinen Grund, ohne Not Positionen zu räumen, tat einfach gar nichts und vertrat den Standpunkt, man würde ja gern "qualifizierte" Frauen ganz nach oben befördern, nur leider, leider fänden sich keine. Eine dritte Fraktion, als deren Sprecherin sich jetzt die ehemalige taz- Chefredakteurin Bascha Mika mit ihrem Buch Die Feigheit der Frauen anbietet, vermutete, die Frauen wollten gar nicht nach oben, vielmehr strebten sie nach "Komfortzonen" und einem bequemen "Sein als Versorgtsein".

Die Chefs werden aufhören, ihre Männerseilschaften zu pflegen

Von der Leyen sagt nun einfach: Okay, probieren wir es doch aus . Sie schlägt ein Gesetz vor, das, ähnlich wie in Frankreich oder Norwegen, eine 30-Prozent-Mindestquote für beide Geschlechter in Aufsichtsräten und Vorständen vorschreibt. Die Regelung soll für große, börsennotierte Unternehmen gelten, nicht die kleine Kfz-Werkstatt an der Ecke knebeln. Und die Vorschrift soll sanktionsbewehrt sein: So könnte ein Aufsichtsrat, der die Quote nicht schafft, zwar weiter Beschlüsse fassen – aber keine Sitzungsgelder mehr kassieren. Anders als Frauenministerin Kristina Schröder setzt die Arbeitsministerin nicht länger auf Freiwilligkeit. Die Wirtschaft, argumentiert sie, habe zehn Jahre lang Zeit gehabt, freiwillige Vereinbarungen mit der Politik zu erfüllen. Und während der Staat in diesen Jahren für Kinderbetreuung und Elterngeld gesorgt habe, um mehr weibliche Berufstätigkeit überhaupt erst zu ermöglichen, liege die Männerquote in Unternehmensvorständen unverändert bei 97 Prozent.

Diesen Vorstoß Leyens hat die Kanzlerin zwar öffentlichwirksam abgelehnt . Aber irgendwann ist Schluss mit Warten. Wenn von der Leyen sich durchsetzen sollte, würde es nämlich richtig interessant. Dass es qualifizierte Frauen gibt, beweisen die Statistiken über Hochschulabschlüsse. Dass die Unternehmen sie bald dringend brauchen werden , ergibt sich aus der Tatsache, dass schon in wenigen Jahren doppelt so viele Arbeitnehmer aus dem Berufsleben ausscheiden werden, wie neue hineinkommen. Aber die Quote verändert sofort das Denken: Wenn sie kommt, dann reicht es schlagartig nicht mehr, dass die Generation der verbal aufgeschlossenen 50-jährigen Chefs nett über Frauen redet. Diese Chefs werden vielmehr aktiv nach guten Frauen suchen und um sie werben müssen, statt ihre Männerseilschaften zu pflegen.

Und die Frauen selbst? Für sie wird die Herausforderung durch die Quote zum Moment der Selbsterkenntnis, wenn ihnen plötzlich viele Führungspositionen offenstehen: Springen sie? Oder nicht? Bisher verschleiert die (berechtigte) Annahme, dass manche Vorgesetzten Frauen beruflich benachteiligen, das Ausmaß weiblicher Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Es ist ja wirklich oft komfortabler, über miserablen männlichen Führungsstil zu klagen, als selbst für Mitarbeiter da zu sein, deren Leistungen zu loben (statt selbst gelobt zu werden), für deren Fehler einzustehen, deren Interessen zu vertreten und Konflikte auszuhalten. Man muss sich nicht zur Faulheitsthese versteigen, um zu sagen: Viele Frauen stehen nicht gern exponiert im kalten Wind. Aber mit der Einführung der Quote fällt das zentrale Schonargument für den Verbleib in der femininen Komfortzone.

Was nicht heißt, dass die Wirtschaft in jeder Hinsicht so unkomfortabel bleiben kann, wie sie ist: Gewiss, manche leidvollen Aspekte der internationalen Managertätigkeit werden sich nie vermeiden lassen. Aber unterhalb dieser äußersten Belastungsgrenze besteht die Hoffnung, die sich mit mehr Frauen in den Unternehmensspitzen verbindet, ja gerade darin, dass sie andere Erfahrungen, ein anderes Bild von Welt und Wirtschaft mitbringen. Dass die Führungsgremien durch sie weniger homogen werden – und so der Fehleranfälligkeit homogener Gruppen entgehen. Dass eine bestimmte unerträgliche Art von Gegockel und Selbstanpreisung verschwindet. Dass Sitzungen pünktlich beginnen und enden. Dass Kommunikation möglichst immer einem Ergebnis dient. Dass sich in den Unternehmen eine neue Kultur ausbreitet: nur notwendige E-Mails, nur notwendige Telefonate, nur notwendige Konferenzen nach 17 Uhr.

Frauen sind anders als Männer: durch ihre Erfahrungen, ihre Lebenswege, ihr Verhältnis zu Kindern. Genau das ist der Grund dafür, dass sie im Beruf endlich gleiche Chancen bekommen müssen. Die Arbeitswelt wird das verändern, zum Vorteil aller. 

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