Es gibt Verse, die fliegen in Windeseile durch das Land. "Es sind die schönen, telegenen, / nach denen sich die Leute sehnen", ratterten am 9. Jänner die Reime im Gedichtleinkasten auf Seite 3 der Boulevardgazette: "Bildschön ist nur fürwahr der Grasser. / Und doch hat er so viele Hasser." Diese poetische Logik überzeugte sofort eine Leserin, und schon wenige Tage später schrieb sie an den gewesenen Finanzminister, der bis zum Hals in Skandalen steckt: "Sie sind für diese abscheuliche Neidgesellschaft zu schön..." Mit bedeutungsschwerer Stimme rezitierte dann Karl Heinz Grasser am vergangenen Sonntag diese Ultima Ratio aus seiner Fanpost, als der Beau während der TV-Diskussion Im Zentrum ein wenig in Erklärungsnotstand geriet. Selten, dass so viele Menschen an einer lyrischen Metamorphose teilhaben: vom Reimspruch zum Freispruch.

Der Poet, der diese Verse schmiedet, lebt zurückgezogen. Das Telefon hebt er nicht ab, für unangemeldeten Besuch bleibt das Tor zu seiner Dichterklause verriegelt. Irgendwann tritt dann doch ein unrasierter Mann mit großen Tränensäcken vor die Tür seiner Gemeindebauwohnung in Wien Floridsdorf, umweht von Tabakmief und abgestandener Luft: Wolf Martin. Etwas missmutig gewährt er Audienz: "Ganz in der Nähe habe ich eine abgefuckte Künstlerbude. Dort können wir reden."

Auf einem tristen Gemälde baumelt ein Gehängter am Hakenkreuz

Wolf Martin sei ein Hetzer, ein Scharfmacher des rechten Lagers – so oder ähnlich lautet das Urteil seiner Gegner. Für seine Anhänger ist der 62-jährige Lyriker jedoch der Dichter des Volkes, ein Großmeister der kleinen Form. Seine Knittelverse haben ihn zum umstrittensten, gleichwohl bekanntesten Verseschmied des Landes gemacht. Am 1. April 1989 druckte die Kronen Zeitung erstmals einen seiner lyrischen Ergüsse. Seit damals wird für knapp drei Millionen Leser von Wolf Martin täglich In den Wind gereimt. Seine Zeitgedichte sind nicht zugespitzt, sie sind ein Fallbeil: Unverdrossen wettert er gegen den "linksliberalen Zeitgeist", schimpft auf "verrückte Schwule" und "goldkettenbehängte Neger", macht sich über "Radikal-Emanzen" und "Multikulti-Bunt-Durchmischer" lustig.

Zumindest optisch ist dieser poetische Muskel nicht weit entfernt von seinen Feindbildern. Als er in sein "Atelier" bittet, das nur einige Hundert Meter entfernt von seiner Bleibe liegt, trägt er eine schwarze Lederjacke, um den Hals ein sorgfältig drapiertes Palästinensertuch und eine braune Schiebermütze. "Ich hoffe, es stört Sie nicht, wenn ich eine Sonnenbrille aufsetze", sagt er, "ich habe sehr lichtempfindliche Augen." Der Dichter gewährt eine Führung durch die kleine, im ersten Stock eines Zinshauses gelegene Wohnung. Die beiden Zimmer sind vollgestopft mit Krims und Krams, an den Wänden hängen Dutzende selbst gemalte Bilder. Farbenfrohe, naive Malerei, in die sich surrealistisches Allerlei geschmuggelt hat. In einem der Räume ragen vier aus Hunderten Zigarettenschachteln gebaute Türme bis zum Plafond. "Andere bekommen für so etwas viel Geld und werden damit berühmt", meint er. Wie viel Geld er für seine Gedichte bekommt, verrät er nicht. Berühmt ist der Floridsdorfer mit ihnen jedenfalls geworden – vor allem aber berüchtigt.

Die schärfsten Proteste brachte dem Brachialpoeten ein Achtzeiler ein, eigentlich eine Eloge auf die ORF-Containershow Taxi orange, der am 20. April 2001, Adolf Hitlers Geburtstag, veröffentlicht wurde. Darin ist von dem "unverzichtbar schönen Brauch" der Reim, "bei dem, von Weisen inszeniert, Gesellschaft zur Gemeinschaft wird". Fazit: "Ihm sei’s zur Ehre, uns zum Heil."

"Das war ein großes Missverständnis", behauptet der Reimer. Ebenso wie damals, als er am 20. April 1994 "Adolfs Wiegenfest" würdigte. Er habe eines anderen Adolf, des ehemaligen Bundespräsidenten Adolf Schärf gedacht, der ebenfalls just an diesem Tag Geburtstag hat, unkte der Dichter. Ein Missverständnis. Eben.

"Die Linken hocken vor Hitler wie das Kaninchen vor der Schlange, es genügen ein paar Anspielungen, und schon geht die Empörung los. Das ist doch lächerlich," weist der Boulevardlyriker alle Verdächtigungen von sich. Er, ein Keller-Nazi? Mitnichten. Hinter dem Unverstandenen hängt eines seiner Gemälde, ein tristes Bild, das ein halb in eine Betonlandschaft versunkenes Hakenkreuz zeigt, von dem an einem der Arme ein Gehängter baumelt.