Michael Ebersoldt, 25 Jahre, Zweibrücken

Ich wollte schon als Kind zur Bundeswehr . Die Waffen, die Autos, die Flugzeuge haben mich fasziniert. Mein Stiefvater war auch bei der Bundeswehr. Ich wollte Kampfjetpilot werden. Mit 13 bekam ich die Brille, und der Traum war geplatzt. Verpflichtet habe ich mich trotzdem, 2007 für vier Jahre.

Ich kam am 14. Juni 2008 in Afghanistan an. Der Anschlag passierte am 6. August. Wir waren auf Patrouille, im Wagen vor uns fiel die Klimaanlage aus. Wir blieben stehen, ich und ein Kamerad stiegen aus, bewaffnet, um den Zug zu sichern. Und dann kam das Motorrad auf uns zu, ganz langsam, wie in Zeitlupe. Ich hätte schießen können, aber ich tat es nicht, vielleicht aus Sorge, es könnte ein Unschuldiger sein. Der Fahrer lachte, bevor er sich in die Luft sprengte. Ich sehe das Gesicht noch vor mir. Er war nur zwei Meter von uns entfernt.

Ich erinnere mich, wie ich in den Rettungshubschrauber kam, dann reißt es ab. Als ich wieder aufwachte, standen meine Eltern am Krankenbett. Da verstand ich: Du bist in Deutschland. Das war fast vier Wochen später, in der Zwischenzeit war ich im künstlichen Koma, wurde 45 Mal operiert. Mehr als ein Drittel meiner Haut war verbrannt, die Ärzte sagten später, meine Überlebenschance habe zehn Prozent betragen. Mein Bein war mehrfach gebrochen, auch fehlt mir seither der größte Teil des linken Wadenmuskels. Anfangs war das ganze Gesicht verbunden, ich dachte nur: Ich will nicht aussehen wie Niki Lauda .

Als ich Anfang Oktober Geburtstag hatte, brachten meine Eltern die Nachbarin mit zu Besuch. Ich war überrascht und dachte: Das ist ja seltsam. Aber gefreut habe ich mich. Sie kam öfter. Wir wurden ein Paar. Inzwischen wohnen wir sogar zusammen.

Der Kamerad, der mit mir verletzt wurde, war im selben Krankenhaus wie ich. Wir kannten uns von früher ein wenig, aber jetzt ließen sie uns nicht zusammen. Die Ärzte wollten das nicht. Er starb nach fast genau einem Jahr an den Spätfolgen. Ich hatte natürlich Angst, dass mir das Gleiche passieren könnte. Ich glaube, der liebe Gott hat mir da geholfen.

Mein Stiefvater hat sich lange Vorwürfe gemacht, weil er mich ja zur Bundeswehr brachte. Aber das braucht er nicht. Ich wollte selbst dorthin. Ich wollte so viel wie möglich aus meinem Leben machen. Dass ich jetzt so aussehe, wie ich aussehe – das ist halt so. Ich rede nicht mehr darüber. Mein Bein tut noch weh. Ich werde nie wieder so gehen können wie früher. Die Bundeswehr wird mich, wenn ich Invalide bin, weiterbeschäftigen. Ich arbeite jetzt im Büro. Und ich habe Niki-Lauda-Ohren. Aber es sind nur die Ohren.

Kevin H., 25 Jahre, Freiburg, zurzeit in Afghanistan

Kevin H., 25 Jahre, Freiburg

 Das Erste, was ich wahrgenommen hab, war eine Detonation und im Rückspiegel ein helles Blitzen. Scheiße, hab ich gerufen. Hab Vollgas gegeben, dann sah ich in meinem rechten Augenwinkel noch einen Blitz. Ich hab eine Druckwelle gespürt, es wurde heiß und stank verbrannt. Ich saß in meinem Sitz und habe auf den Film gewartet, in dem mein Leben noch mal an mir vorbeizieht. Aber der Film kam nicht. Mein linkes Auge konnte ich nicht öffnen, meine rechte Hand kaum bewegen. Ich dachte: Irgendein großer Scheiß ist jetzt passiert, aber ich lebe noch.

Ich hörte Maschinengewehrfeuer, die AK-47. Es hat noch eine ganze Weile gedauert, bis wir Funk hatten und wir sagen konnten, dass wir angegriffen worden waren. Ich hörte weiter Schüsse. Ich sah nichts. Es war tiefe Nacht.

Dann ging meine Tür auf. "Siehst verdammt scheiße aus", sagte der Kamerad, der mich geborgen hat. Sie zogen mir die Schutzweste aus. Ich hatte einen Treffer in der Brust. Ich dachte: Guckste mal nicht hin, sonst wirste noch ohnmächtig.

Der Arzt kam nach 30 Minuten, er gab mir eine Spritze. Ich hatte eine komische Vorstellung: Ich dachte, ich bin ein Zauberwürfel, jeder Einzelwürfel ist ein Körperteil von mir, und alles muss ich zusammenbringen. Dass mich eine Rakete geküsst hatte, wusste ich da noch nicht. Sie ist zehn Zentimeter an meinem Kopf vorbeigeflogen.

Am nächsten Tag durfte ich meine Freundin anrufen. Sie war informiert worden. Als ich meinen Namen sagte, hat sie schon geweint.

Als sie mich nach Hause flogen, dachte ich: Scheiße, jetzt habe ich alle im Stich gelassen.

Heute habe ich keine Schmerzen mehr. Aber ich sehe aus wie nach einem Hagelschaden. Neulich habe ich mit meiner Freundin alte Bilder durchgeschaut. Da habe ich zu ihr gesagt: Schau mal, was für ein schöner Arm. Sie fand das nicht lustig. Sie hat noch Probleme damit, mich an der Brust anzufassen.

Im letzten Sommer sagte sie zu mir: "Du trägst deine Narben wie Trophäen." Da hab ich zu ihr gesagt: "So ’ne dumme Aussage! Wie sollen denn Narben Trophäen sein?" Ich verstehe sie ja: Für sie ist das eben hässlich.

Den Einsatz 2008 abbrechen zu müssen, das war für mich so eine Sache. Deshalb ging ich noch mal runter, Ende 2010. Dort bin ich bis heute. Meine Freundin hatte Angst, mich diesmal ganz zu verlieren. Ich habe ihr gesagt: Ich verstehe dich. Aber dorthin zu gehen, das ist mir das Allerwichtigste. Ich will runter, damit ich sagen kann: Du hast deinen Auftrag und deine Pflicht erfüllt als Soldat. Im September hab ich geheiratet. Im Oktober ging’s wieder nach Afghanistan .

Jan Meißner, 21 Jahre, Bad Salzungen

Jan Meißner, 21 Jahre, Bad Salzungen © Albrecht Fuchs

 Ich bin ein guter Panzerfaustschütze, das habe ich gleich gemerkt, als ich mit der Waffe zum ersten Mal schoss. Ich kann das besser als andere.

Wir waren im Schützenpanzer auf Patrouille unterwegs. Ein silbergrauer Toyota kam von vorn, wir wollten links vorbei. Dann knallte es, Flammen drangen in unseren Panzer ein, die Türen hatte es weggehauen. Zuerst habe ich alle Namen der fünf Kameraden gerufen, um zu hören, ob sie noch leben. Dann den Zug kontaktiert, Funkgerät war kaputt, Hände kontrolliert, Beine kontrolliert, alles dran. Man funktioniert dann sehr militärisch.

Ich wurde heimgeflogen, meine Verbrennungen sind rasch verheilt. Weh tut mir nichts mehr. Nur wenn die Sonne scheint, muss ich noch einen Hut tragen.

Wir wollten eigentlich im April vorigen Jahres eine Welcome-home-Party feiern. Das wäre für mich der komplette Abschluss gewesen. Die Hallen der Kaserne waren schon geschmückt, Jump war eingeladen, der Europameister im Kickboxen, ein Motorrad sollte versteigert werden. Aber dann gab es die drei Toten am Karfreitag, und das Fest wurde abgeblasen. Danach lief es bei mir nicht mehr rund.

Ich habe Verfolgungswahn. Wenn ich auf der Landstraße fahre, und von hinten kommt ein Auto, dann kriege ich Panik. Angstzustände nennen es die Ärzte. Ich halte dann rechts an und warte, bis es vorbei ist. Ich muss damit leben, und ich schaffe das auch.

Ich bin jetzt 21, hab mittlere Reife. Ich weiß nicht, ob die Bundeswehr mich noch will. Als ich einberufen wurde, sagte ich mir: Geh’n ma halt zur Bundeswehr. Als mein Zugführer mir vorschlug, dass ich vier Jahre bleiben sollte, sagte ich: Jawoll, mach ich. Überlegt habe ich nicht viel dabei. Meine Schwester war gegen die Bundeswehr. Ich habe ihr von meinem Einsatzgeld was geliehen, für ein Pferd, einen Haflinger.

Markus P., 31 Jahre, Ulm

Markus P., 31 Jahre, Ulm

Der, der auf mich geschossen hat, lebt nicht mehr. Er hatte kurz aus der Deckung geguckt, um nachzusehen, wen er getroffen hat. Da hat ihn unser Panzerkommandant erwischt. Ich denke mir: Die arme Sau, warum kämpft er für die Taliban? Die meisten sind doch arme Leute, die gar nicht wissen, wozu sie in den Krieg ziehen.

An dem Tag, als er starb, lag ich abends wach. Ich dachte daran, wie viele Familienmitglieder jetzt um ihn trauern. Und dass sie uns jetzt noch mehr hassen würden. Ich bin doch deutscher Sanitäter, dachte ich, einer von den Guten.

Mit 15, 16 war ich bei der Wasserwacht, ehrenamtlich. "Markus, geh doch zum Bund, da biste richtig, da kannste Blaulicht fahren", sagte ein Freund, der auch dort war. Dann hab ich das gemacht. Das war 1999.

Ich weiß noch, dass ich ein Kreuz machen musste, dass ich bereit bin, in den Einsatz zu gehen. Ich hab nachgefragt: Muss ich das ankreuzen? Klar, muss man, wenn man Soldat werden will. 2008 hab ich mich noch entscheiden können, freiwillig nach Afghanistan zu gehen. 2010 nicht mehr. Ich bin nicht freiwillig gegangen, ich bin befohlen worden.

Es ist im Februar vorigen Jahres passiert, seit acht Wochen war ich dort. Wir waren in Isa Khel. Unser Kompaniechef hat dort mit dem Dorfältesten gesprochen. Auf dem Weg zurück zu unseren Fahrzeugen wurden wir angegriffen. Geschossen wurde mit Maschinengewehr, Handwaffen und Panzerfäusten aus ungefähr tausend Metern Entfernung. Wir sind in einen Graben gesprungen. Ich dachte, so etwas passiert nur anderen. Irgendwann hat es über mir geknallt. Dann lag ich da bäuchlings auf der Erde, meine Handschuhe waren durchgebrannt. Ich hab mich auf den Hintern gesetzt. Es tat weh, Splitter hatten mich getroffen, aber es waren keine wichtigen Gefäße verletzt, das sagten mir die Sanis. Ich konnte noch laufen, ich wusste, dass ich nicht sterbe. Ich dachte: Hört jetzt auf zu schießen, es nervt. Ich kam gut zurück ins Lager, bekam eine Kunsthaut in Kundus und flog zurück zur Frau.

Nach drei Wochen hat’s mich gerissen. Ich war auf dem Jahrmarkt, jemand hat an einem Glücksrad gedreht. Dieses Geräusch. Ich fühlte mich, als sei ich wieder im Einsatz. Inzwischen reichen Kleinigkeiten, um mich aus der Bahn zu werfen: zum Beispiel eine Marmelade, die ich aufmache und die mich an die Truppenverpflegung erinnert. Ich mache jetzt erst mal eine Kur, zur Vorbeugung.

Früher bin ich gerne Soldat gewesen. Erst kam der Beruf, dann lange nichts, dann die Familie. Heute weiß ich nicht, ob ich weiter in dem Beruf bleibe. Wenn ich bleibe, müsste ich wieder in den Einsatz, früher oder später.

Dennis Güllner*, 24 Jahre, Seedorf

Dennis Güllner*, 24 Jahre, Seedorf

 Die Schule war mir immer zu theoretisch. Der Sportliche war ich früher auch nicht, einfach zu faul. In der Bundeswehr hab ich eine Struktur bekommen. Das war gut so. Ich hab Freundschaften geschlossen, die enger waren als die alten.

Ich hab mir gesagt: Ich hab drei Jahre gelernt, wie es geht. Das soll nicht umsonst gewesen sein. Jetzt will ich wissen, wie es scharf ist. Ich war neugierig. Also hab ich mich freiwillig gemeldet für Afghanistan. Ich hab das für mich gemacht, nicht für andere. Es war meine Entscheidung. Dass es jetzt so gekommen ist – na ja.

Ich war bei den Karfreitagskämpfen 2010 dabei. Wir waren auf Minensuche in einem Dorf, hoch gelegen. Drum herum tiefe Täler, wie gemacht für Angreifer, die nicht gesehen werden wollen. Ich erinnere mich, wie wir im Dorf waren, es kamen fünf oder sechs Kinder zu uns, haben neugierig geguckt. Wir haben versucht, mit ihnen zu reden, haben es auf Englisch probiert, aber das kann man ja nicht erwarten. Dann fiel der erste Schuss.

Geschossen wurde am anderen Ende unseres Zuges, wir haben uns zu Fuß dorthin gekämpft. Auf dem Weg hab ich den ersten Toten gesehen. Ganz vorne lagen drei, vier Mann im Gras und schossen, einen davon hatte es an den Beinen erwischt. Den mussten wir rausholen. In der Ausbildung lernt man das, aber wenn die Kugeln fliegen, ist es so schwer.

Ich dachte: Die nächste Kugel ist deine.

Aber es hat funktioniert. Wir haben den Verletzten nach hinten geschleppt. Unsere Fahrzeuge waren unser Schutz, dahinter duckten wir uns. Wir haben gefeuert, was ging. Alles rausgehauen, was wir hatten.

Der Verletzte bekam Beruhigungsmittel. Er dachte, er würde sterben. "Sag meiner Frau, dass ich sie liebe", sagte er mir. "Das sagst du ihr schön selber", antwortete ich. Wir packten ihn auf eine Trage und trugen ihn aus der Gefahrenzone. Wir waren schon fast in Sicherheit, als eine Bombe hochging. Ferngezündet. Mich hat es nach vorne weggedrückt, meterweit bin ich geflogen.

Einer von uns war sofort tot, ein Zweiter starb kurz darauf. Sie waren beide Kameraden, ich kannte sie seit drei Jahren. Was soll ich dazu sagen? Ich hab überlebt. Die Fragen kamen danach: Warum musstest du dorthin? Ich glaube, es war Schicksal. Es wird zu irgendetwas gut sein.

Ich schlafe schlecht, habe Angstzustände, nach einem Monat fing das an. Die Narben sind mir egal. Ich hab mir ein Tattoo stechen lassen: "2.4.2010, in Ehrfurcht unsterblich". Vergessen werd ich die Toten nicht, das hab ich mir geschworen.

*Name geändert