Es ist nicht leicht, mit Muammer Akin Schritt zu halten. Eilig führt er durch seine Schule, die Anzughose flattert. Im Erdgeschoss ein schnelles "Hallo" in die 8b, dann geht es den Gang entlang, an die Wand hat eine Kinderhand den Erlkönig geschrieben, in die Turnhalle, dann die Treppe rauf ins Musikzimmer, rüber in die Bibliothek und den Computerraum, beide gut bestückt, runter ins Souterrain, dort ist die Kantine, Putengulasch mit Reis steht auf dem Speiseplan, und endlich in sein Büro. Auf einem Ecktisch sind Butterbrezeln und Kaffee angerichtet. Während des Schnelldurchlaufs hat Akin die Eckdaten der BiL-Privatschule in Bad Canstatt abgespult: 28 Lehrer, 277 Schüler, verteilt auf insgesamt 14 Klassen. Das Besondere an ihr: Es ist eine Schule, die von türkischstämmigen Einwanderern gegründet wurde, in der drei Viertel der Kinder ausländische Wurzeln haben, die meisten von ihnen türkische. Und: Es ist keine Hauptschule, sondern Gymnasium und Realschule.

Warum haben Sie eine Schule gegründet, Herr Akin? Muammer Akin, 41 Jahre alt, schlank, CDU-Mitglied und gelegentlich schwäbelnd, setzt sich in einen der dunklen Ledersessel und sagt: "Weil es Kinder mit Migrationshintergrund noch schwer haben im staatlichen Schulsystem, weil zu viele von ihnen auf der Strecke bleiben oder in der Hauptschule landen und viel zu wenige das Abitur machen. Weil wir diese Schüler besser fördern können." Und dann sagt er noch, dass ihm so eine Schule vieles leichter gemacht hätte, damals, als er nach Deutschland kam. Und holt ein wenig aus.

Muammer Akin beginnt mit seiner Geschichte in Sinop, an der türkischen Schwarzmeerküste. Dort ist er aufgewachsen, bis sein Vater die klassische Gastarbeiterkarriere einschlug und nach Deutschland ging, nach Stuttgart, erst die Frau nachholte, dann Muammer, der bei den Großeltern geblieben war, "zu deren Trost", und um die Grundschule zu beenden. 1979 war das, als er ohne ein Wort Deutsch in die internationale Klasse einer Hauptschule in Bad Canstatt gesteckt wurde. Er war fleißig, die ersten beiden Jahre waren trotzdem schwer, erst ab der siebten Klasse ging es gut, "da habe ich gespürt, wie schön es ist, erfolgreich zu sein". Seinem Vater lag viel an der Bildung der Kinder, er hat Vokabeln abgefragt, auch wenn sie damals dachten, sie würden eines Tages allesamt wieder in die Türkei zurückkehren. Muammer absolvierte nach der Hauptschule eine Ausbildung zum Industriemechaniker. Er solle sich einen Beruf aussuchen, mit dem er auch in der Türkei arbeiten könne, hatte sein Vater gesagt. Es kam anders. Akin blieb, holte auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur nach und studierte Pädagogik. Zu der Zeit war es in Bad Canstatt recht exotisch, dass jemand mit türkischen Wurzeln an die Uni ging. Die wenigen waren bei den Deutschtürken im Viertel namentlich bekannt.

Er ließ sich in den Ausländerausschuss des Gemeinderats wählen, so hieß das damals noch. Dort bekam er zu hören, was er vor vielen Jahren selbst erlebt hatte. Die Kinder der Zugewanderten würden am Übertritt auf weiterführende Schulen scheitern, die Lehrer ihnen das Gymnasium nicht zutrauen. Die Eltern wollen ihren Kindern helfen, können es aber nicht, weil sie sich nicht auskennen im Schulsystem, weil ihr Deutsch nicht gut genug ist, um bei Hausaufgaben eine Hilfe zu sein. Man müsse etwas tun.

Muammer Akin tat etwas, er gründete einen Lernhilfeverein: Bildungs- und Informationszentrum Landhaus, kurz BiL. Auf Türkisch bedeutet bil Wissen. Studenten gaben dort Einwandererkindern Nachhilfe. 1997 fingen sie mit 30 Schülern an, über die Jahre wurden es mehr als 1000. Pisa zog übers Land, Kinder der Migranten schnitten schlecht ab, 30 Prozent von den türkischstämmigen verließen die Schule ohne Abschluss, nur 14 Prozent machten das Abitur. Seit Muammer Akins Grundschultagen hatte sich noch nicht genügend getan. Doch jetzt wurden die Eltern anspruchsvoller, sie wollten für ihre Kinder das Beste, das Gymnasium. Die Schulgründung war ein logischer Schritt, 2004 war es so weit.

"Wir sind keine Türkenschule ", sagt Muammer Akin, das ist ihm wichtig, er sagt es immer wieder. "Wir arbeiten zu hundert Prozent nach baden-württembergischen Lehrplänen, wir sind staatlich anerkannt, die große Mehrzahl unserer Lehrer sind Deutsche, Türkisch wird nur als AG angeboten, es gibt keinen islamischen Religionsunterricht, sondern Ethik, wir sind für alle offen, fast ein Viertel unserer Schüler hat keine ausländischen Wurzeln." Und es gibt keine Ausnahmen, wenn es um Klassenfahrten oder Schwimmunterricht geht – das wird alles gemeinsam gemacht.

Die Tür springt auf, ein freundlicher, älterer, aber sehr dynamischer Mann kommt herein, es ist Manfred Ehringer, vor seiner Pensionierung leitete er das Staatliche Schulamt Stuttgart, jetzt hat er die pädagogische Leitung der BiL übernommen, ehrenamtlich, er war von Anfang an Mentor der Schule.

 

Was musste Ehringer sich alles anhören: Das sei Verrat am staatlichen Schulsystem, haben sie ihm gesagt, "Privatschule und dann auch noch mit Türken zusammen, da wirst du dein Waterloo schon noch erleben". Die Skepsis war groß: "Sprechen die da nur türkisch?", wurde gefragt, "kommen die dann alle mit Kopftuch?" Von Parallelgesellschaft war die Rede. Akin nickt und sagt: "Wir mussten uns für etwas rechtfertigen, was eigentlich immer von uns gefordert wurde, nämlich sich für Bildung starkzumachen."

Manfred Ehringer schenkt sich Kaffee nach und skizziert das pädagogische Konzept. Er redet von kleinen Klassen mit maximal 24 Schülern, von Individualisierung: "Alle müssen auf den Gipfel, aber jeder auf seinem eigenen Weg." Wie wichtig es sei, dass man dabei die besondere Lebensbiografie der Schüler berücksichtige; davon, dass die Schule die Verantwortung für die Leistung der Schüler übernimmt. Und er schwärmt von einer hausinternen Einrichtung, die Schülern mit Nachholbedarf Lerntrainer an die Seite stellt.

Das Konzept geht auf, die steigenden Anmeldezahlen auch unter "einheimischen Eltern" sprechen für sich. Bei ihnen sei es oft so, dass sie eine Alternative zum staatlichen Schulsystem suchten, manchmal hätte es bei ihren Kindern einen Bruch in der Schulbiografie gegeben. Aber auch wenn manche anfangs aus Not zu ihnen gekommen seien, "bleiben sie aus Überzeugung", sagt Akin. Natürlich gehen auch seine Kinder hier zur Schule.

Je nach Einkommen bezahlen die Eltern zwischen 180 und 280 Euro pro Monat. Von den türkischstämmigen kommen viele aus der unteren Mittelschicht, das sei viel Geld für sie, sagt Akin, "aber ihre Kinder sind es ihnen wert, dafür verzichten sie auf anderes".

Die BiL-Schule ist nicht die einzige ihrer Art in Deutschland. Fast ein Dutzend Gymnasien und Realschulen haben türkische Einwanderer in Deutschland gegründet, man findet sie in Mannheim, Hannover, Köln oder Berlin. Sie sind meist inspiriert von den Ideen des türkischen Toleranz-Predigers Fethullah Gülen . Vielen gilt Gülen als eine Art muslimischer Calvinist, dem es vor allem um Bildung, Wirtschaftswachstum und fromme Lebensführung geht, Gegner kritisieren ihn als heimlichen Islamisierer. Seit einem Jahrzehnt lebt der 69-Jährige in den USA. Die Gülen-Bewegung hat weltweit schätzungsweise 500 Schulen gegründet.

Ist die BiL-Schule eine Gülen-Schule? "Nein", sagt Muammer Akin und zieht sein Sakko aus. Die Idee der Nachhilfe hatte er, bevor er von Gülen hörte. Einen direkten Einfluss gebe es nicht. Aber es sei leichter gewesen, die Schule zu gründen, weil die Ideen von Gülen bei vielen Eltern und Mitgliedern des Nachhilfevereins den Boden dafür bereitet hätten. Schließlich lautet eine von Gülens Parolen: "Gründet Schulen statt Moscheen."

Und was bedeutet Gülen für Akin? Seine Schriften seien Inspiration für ihn, sagt er. Er habe ihm klargemacht, dass es kein Widerspruch sein muss, als frommer Muslim in Westeuropa zu leben. Er habe ihm zu "mündiger Gläubigkeit" verholfen.

Die anfängliche Skepsis hat sich gelegt. Die Schule bekam von der Stadt ein Grundstück für ihren Neubau zugewiesen, auch ein Bauzuschuss war drin. Beim Spatenstich war der Oberbürgermeister dabei. Muammer Akin eilt zum Modell des Neubaus, gleich neben dem Eingang. 600 Schüler sollen darin Platz haben, diesen Herbst werden sie umziehen. Akin wünscht sich bis dahin viele neue "deutsche" Schüler. Damit niemand mehr von der Türkenschule spricht.

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