DIE ZEIT : Können Sie Eltern heute, ein Jahr nach dem Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule, noch guten Gewissens empfehlen, ihr Kind auf ein Internat zu geben?

Erika Risse : Im Augenblick mehr denn je, denn gerade beim Thema Missbrauch ist ja inzwischen eine Sensibilität entstanden, wie sie größer nicht sein könnte. Wobei es seltsam ist, dass Eltern in Aufnahmegesprächen an den Schulen meist gar keine Fragen zu diesem Thema stellen.

ZEIT: Woran liegt das?

Risse : Wenn die kommen, haben sie sich entweder schon ausreichend damit auseinandergesetzt und glauben, das Thema ist in guten Händen, weil die Aufmerksamkeit so groß ist. Oder das Thema ist bei ihnen gar nicht angekommen.

ZEIT: Was hat sich in den letzten Monaten an den 21 Internaten, die, wie die Odenwaldschule zur Vereinigung deutscher Landerziehungsheime (LEH) gehören, verändert?

Risse : Alle Internate sind dabei, Konzepte zu erarbeiten, wie sich sexuellem Missbrauch vorbeugen lässt. Einige haben sich externe Berater für diese Aufgabe geholt und sind noch mittendrin in diesem Prozess, andere haben ihn bereits abgeschlossen. Jede Einrichtung braucht ein Konzept, das sehr genau auf ihre Bedingungen und Bedürfnisse abgestimmt ist. Es bringt nichts, einen generellen Maßnahmenkatalog zu entwickeln.

ZEIT: Was hat sich ganz konkret getan?

Risse : An allen Internaten wurden die Altschüler angeschrieben beziehungsweise in den Internatszeitungen darauf hingewiesen, sich zu melden, falls sie selbst von Missbrauch betroffen waren oder davon wissen. Bei Neueinstellungen verlangen jetzt alle Internate ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis von jedem Bewerber. Das muss alle fünf Jahre erneuert werden. Wir hoffen, uns damit auch besser vor Mitarbeitern schützen zu können, die mit einer gewissen Vorgeschichte aus dem Ausland kommen. Was dort passiert ist, erfährt man nämlich ansonsten nicht.

ZEIT: Werden bestehende Kollegien überprüft?

Risse : Das ist eine heikle Angelegenheit. Einige Internate haben das zur Selbstverpflichtung gemacht. Eine solche Maßnahme kann nicht von der Schulleitung angesetzt werden.

ZEIT : Also heißt die Antwort eher: Nein. Aus Angst, es könnte noch mehr auffliegen?

Risse : Es geht ja nicht nur darum, Päderasten dingfest zu machen. Uns beschäftigt vor allem, wann Nähe nicht mehr professionell gehandhabt wird. Was passiert zum Beispiel, wenn ich als Lehrer oder Erzieher plötzlich derjenige bin, der die Nähe braucht und sie sucht. Wenn nicht mehr das Kind im Mittelpunkt steht, wie in der Reformpädagogik gewünscht, sondern wenn sich plötzlich der Lehrer mit seinen Bedürfnissen im Mittelpunkt sieht.

ZEIT: Die Diskussion um Nähe und Distanz wurde in Internaten bisher kaum geführt. Wie wollen Sie das ändern?

Risse: Lehrer brauchen eine regelmäßige, institutionalisierte Supervision. Wenn sie sich nicht mit sich selbst befassen, wie sollten sie dann merken, wann ihre Professionalität an Grenzen stößt? Ein Lehrer muss sich immer wieder bewusst machen, wann die Nähe nicht mehr gesund für das Kind ist und sich in ein Machtverhältnis umwandelt.

 

ZEIT : Schüler und Lehrer leben in Internaten oft in familienähnlichen Strukturen zusammen. Lässt sich dieses Familienprinzip nach den Vorfällen an der Odenwaldschule noch halten?

Risse : Ich denke schon, dass man nach der Missbrauchsdebatte die Strukturen des Zusammenlebens genau überprüfen muss. Aber warum sollte sich ein Internat wie die Ecole d’Humanité in der Schweiz, eine Schwesternschule der Odenwaldschule, vom Familienprinzip trennen, wenn man dort immer sehr gute Erfahrungen damit gemacht hat? An der Odenwaldschule hat nicht das Familienprinzip den Missbrauch begünstigt, hier wurden vom Schulleiter persönlich sämtliche Regeln für das gemeinsame Zusammenleben außer Kraft gesetzt. Gerold Becker hat die Alters- und Geschlechtermischung in seiner Familie aufgehoben. Er hat sich nur Jungen geholt, alle gleich alt. Er hat eine "Gruppe in der Gruppe" geschaffen – Schüler, die dazu gehörten, fühlten sich dadurch auch noch besonders wertgeschätzt.

ZEIT: Muss es neue Tabubereiche zwischen Schülern und Lehrern geben?

Risse : Es war immer ein Alleinstellungsmerkmal der LEH-Internate, dass die Lehrer und Erzieher nah bei den Schülern wohnen, dass sie erreichbar sind und der Betreuer nicht zur Schicht aus dem Nachbarort kommen muss. Wir wollen diese Nähe leben, weil wir davon überzeugt sind, dass Lernen ohne Beziehungen zwischen Lehrern und Schülern nicht funktioniert. Eine Beziehungskultur ohne Nähe wäre absurd. Aber sie muss professionell sein. Wertschätzung und Respekt für das Kind sollten die Haltung eines Lehrers ausmachen.

ZEIT : Es geht also mehr um veränderte Haltungen als um die Veränderung von Struktur?

Risse : Wenn die Haltung nicht stimmt, werde ich keinen Wandel über Strukturveränderungen hinbekommen. Was wir brauchen, ist eine neue Beschreibung der Lehrerrolle: Ein Lehrer kann nie nur Instrukteur sein, er muss immer auch Erzieher sein.

ZEIT: Wie stark wurde die Reformpädagogik durch die Missbrauchsfälle beschädigt?

Risse : Der Missbrauch war ein Verrat an der Reformpädagogik. Natürlich wurde sie beschädigt, durch die Diskussion um die Vorfälle an der Odenwaldschule und dadurch, dass sich Gerold Becker immer als Reformpädagoge bezeichnet hat. Wir alle, die 21 Landerziehungsheime, tragen eine institutionelle Schuld, die wir jetzt aufarbeiten müssen.

ZEIT : Wie wollen Sie vorgehen?

Risse : Wir werden einen Wissenschaftler beauftragen, die gesamte LEH-Geschichte zu untersuchen. Wir wollen wissen, warum es in der Vergangenheit so wenig Transparenz gab, wie aus dem Missbrauch an der Odenwaldschule ein so perfides System entstehen konnte und wie es sein kann, dass jemand wie Gerold Becker, der an der Odenwaldschule zu einem Kriminellen wurde, ihr Schulleiter war und sogar einige Jahre Vorsitzender der LEH-Vereinigung.

ZEIT : Wie schwer fällt Ihnen der Abschied von all den Säulenheiligen der Reformpädagogik wie Gerold Becker– und vor allem Hartmut von Hentig?

Risse : Wir beten keinen Säulenheiligen das Wort, nur weil wir reformpädagogische Schulen wollen. Wir fühlen uns auch keinem Hartmut von Hentig verpflichtet, der sagt, im Falle seines verstorbenen Lebensgefährten Becker hätten Kinder Erwachsene verführt. Das ist so ekelhaft, davon distanzieren wir uns.

ZEIT : Auch von dem durch Hentig geprägten Begriff des "pädagogischen Eros"?

Risse : Heute würde ich den Begriff nicht mehr benutzen, der hatte sich so eingeschlichen in die Fachwelt, da hat man ihn kaum noch hinterfragt. Ich hätte als Lehrerin nie gesagt: "Ich liebe die Kinder." Unabdingbar für den Beruf ist es, dass ich Kinder mag.

 

ZEIT: An der Odenwaldschule geht man inzwischen von über 130 belegten Fällen von Missbrauch aus. Kann so etwas noch einmal passieren?

Risse : Ich glaube, solche extremen Dinge können immer wieder passieren. Wir können kriminelle Handlungen nicht verhindern, egal ob im Turnverein, auf Klassenfahrten oder bei den Messdienern. Aber wir können eine hohe Transparenz schaffen, sie institutionalisieren und Abschottungen jeder Art verhindern.

ZEIT : Was dem Wesen der Internate widerspricht – die Abschottung dieser Schulen vom Rest der Welt war stets auch ein Imagefaktor.

Risse : Eine Schule, die sich abschottet, kann man in einer globalisierten Welt nicht mehr aufrechterhalten. Wenn wir uns nicht öffnen, sind wir nicht mehr im modernen Sinne reformpädagogisch. Gerold Becker hat seine Gruppe innerhalb des gesamten Systems abgeschottet. Dass so etwas nicht passieren darf, muss auch den Kindern klar sein. Sie müssen wissen, welche Rechte sie haben, an wen sie sich wenden können und vor allem, dass sie nicht abhängig sind.

ZEIT : Dafür müsste es jemanden geben, der von außen auf das geschlossene System Internat blickt.

Risse : Ganz genau. Ich muss all das, was ich als Maßnahmen eingeführt habe, regelmäßig von außen evaluieren lassen.

ZEIT: Ist das bisher passiert?

Risse : Nein, nicht unter dem Gesichtspunkt des Missbrauchs.

ZEIT: Wird das passieren?

Risse : Ja, darauf werden wir als Vereinigung achten. Wir haben Evaluationsinstrumente, in denen das Klima und die Beziehungskultur an einem Internat zum Thema gemacht werden. Wir haben diese Evaluationen bereits 2007 durchgeführt und 2010, noch vor der Missbrauchsdebatte, mit elf Internaten wiederholt. Die Kinder wurden gefragt, wie sie sich fühlen, was sie verändern wollen. Wir werden die Auswertungen nun noch einmal vor dem Hintergrund der Missbrauchsdiskussion genauer unter die Lupe nehmen.

ZEIT: Wie viel Einblick in ein Internat bekommen Eltern eigentlich wirklich?

Risse : Eltern müssen hinfahren und sich das Internat vor Ort anschauen, ihre Kinder am besten probewohnen lassen. Alle Internate haben es sich zur Verpflichtung gemacht, das Thema Missbrauch von sich aus anzusprechen, wenn das nicht durch die Eltern geschieht. Mütter und Väter sollten sich alle Regeln und Maßnahmen gegen sexuellen Missbrauch vorlegen lassen, sie mit nach Hause nehmen und durchlesen. Ein Internat, das keine schriftlichen Vereinbarungen vorzuweisen hat, würde ich nicht wählen.