Es gibt eine ganze Reihe politischer Tummelplätze, auf denen Europa viele Erwartungen weckt, aber nur wenige erfüllt. Eines der herausragenden Beispiele dafür ist die europäische Energiepolitik.

Obwohl allenthalben vom Energiesparen die Rede ist, steigerte die Gemeinschaft der 27 Staaten in den vergangenen 20 Jahren ihren Energiehunger. Parallel dazu ist Europas Abhängigkeit von Energieimporten gestiegen; auch deshalb werden die Europäer nun von dem durch den Volksaufstand in Ägypten ausgelösten spekulativen Ölpreisanstieg heftiger als nötig getroffen. Nur der Ausstoß von klimaschädlichem Kohlendioxid (CO₂) gibt Anlass zu ein wenig Zufriedenheit. Er sank im Vergleich zu 1990 – wenn auch nur um bescheidene fünf Prozent. Seit Mitte der 1990er Jahre stagniert er allerdings.

Vor dem Hintergrund dieser ernüchternden Bilanz treffen sich nun Europas Staats- und Regierungschefs, um eine "Revolution" zu beschließen. Das Wort, das bei der Vorstellung des deutschen Energiekonzeptes schon die Runde machte, steht tatsächlich in dem vorab bekannt gewordenen Kommuniqué, das der Europäische Rat, das wichtigste Entscheidungsorgan der EU, Ende der Woche wohl beschließen wird. Er will, so ist dem Dokument zu entnehmen, ein neues Kapitel in Europas Energiepolitik aufschlagen. Eines, das den Weg bis weit in die Mitte des Jahrhunderts weisen soll. Das Europa Orientierung geben soll, 80 bis 95 Prozent seiner Treibhausgasemissionen loszuwerden. Also 2050 praktisch klimaneutral zu wirtschaften. Dieser Gipfelbeschluss ist ein Zeichen der Hoffnung.

Die Energierevolution müsste allerdings umgehend ausbrechen, soll aus der Vision keine Illusion werden. Tatsächlich jedoch sind Europas Staaten von einem energiepolitischen Konsens weit entfernt – während die EU-Kommission permanent Papiere produziert, die offenbar das Gegenteil glauben machen sollen.

Wo aber die Prioritäten von Europas Energiepolitik liegen, geht, nur zum Beispiel, nicht einmal aus einem Mitte November verbreiteten Dokument über "Energieinfrastrukturprioritäten" hervor. Danach ist nämlich alles wichtig – neue Erdgaspipelines, Rohre für den Transport von CO₂ zu unterirdischen Lagerstätten, Korridore für den Transport von Windstrom. Letzteres passt zwar zum großen Ziel eines weitgehend CO₂-freien Europa, nicht aber das Verlangen nach mehr Erdgas. Obwohl es die klimaverträglichste fossile Energie ist, hätte sie in einem weitgehend klimaneutralen Europa nicht mehr viel zu suchen.

Ins Zentrum jeder klimaverträglichen Energiestrategie gehört ohnehin zunächst nicht das Angebot, sondern die Energienachfrage. Schließlich verursacht jede Beschaffung von Kohle, Öl oder Gas Kosten und Umweltschäden, während mehr Effizienz in der Regel keine Kollateralschäden bewirkt. Zu Recht hatten die Europäer deshalb 2007 unter Führung von Bundeskanzlerin Angela Merkel beschlossen, bis zum Jahr 2020 nicht nur ihren Treibhausgasausstoß um mindestens 20 Prozent zu senken und für 20 Prozent erneuerbare Energien zu sorgen, sondern auch die Energieeffizienz um 20 Prozent zu steigern.