Das Luxushotel Le Meurice, Paris: weißes Holz, Gold, Spiegel.

Er gibt Interview-Slots für gleich zwei Filme, den Cyberspace-Film »Tron Legacy« und den Western »True Grit«, das neue Werk der Coen-Brüder, ein Remake des gleichnamigen Films von 1969, für den John Wayne den Oscar bekam. Die beiden Filme mit Jeff Bridges in der Hauptrolle sind in den USA die Kassenschlager der Saison.

Wir haben einen Zwanzig-Minuten-Slot zu »True Grit«, sind also angehalten, Fragen zum Western zu stellen, zu Cowboys und zu der Augenklappe, die John Wayne vor 40 Jahren trug und nun Jeff Bridges in der Rolle des Marshals Reuben J. Cogburn trägt. Zwanzig Minuten mit Jeff Bridges: der pure Luxus. Er ist auf dem Zenit seines Ruhms, seiner Kraft, seines Könnens, seiner Erfahrung.

Wenn es in Hollywood einen Star gibt, mit dem man wirklich gerne Zeit verplempert, dann ist es er: Jeff Bridges – der Dude aus »The Big Lebowski« , großer Slacker, Hippie, Cowboy, Gentleman. Bridges gilt als maulfaul und wenn nicht als schlichter, dann doch als bequemer Denker: ideale Bedingungen für die 99 Fragen.

Wir wollen ja praktisch nichts, keine großen Antworten, nur ein bisschen Stimmung aufnehmen. Seine Pressefrau bringt ihn herein, er steht gleich sympathisch unentschlossen mit seinem großen Körper im Raum herum: Cowboystiefel, Jeans, Gold- Rolex. Was für ein Mann.

Bridges verkörpert jene altmodische Männlichkeit (mit Vollbart, zurückgekämmten Haaren, Bauchansatz), die hippe, junge Männlichkeits-Darsteller in New York und Berlin, denen jedes Talent zur Männlichkeit abgeht, so gerne nachahmen. Er begibt sich nun – Achtung, man stelle sich das vor – in die folgende Zuhörposition: Sitzen auf der äußersten Kante des Stuhles, Rausstrecken des Bauchs, Zurücknehmen der Schultern, Ablegen der Hände auf den Kniespitzen.

Gut, viel geiler kann man nicht dasitzen: gleichzeitig vollkommen entspannt und vollkommen anders als andere Menschen. Wer weiß, vielleicht ist das eine Entlastungsposition für seinen Rücken. Husten, Räuspern, der Körper des Hollywoodstars spricht. Fragen zu seinem großen Vorgänger, dem Supermann und Supercowboy John Wayne. Die berühmten Jeff-Bridges-Äuglein lächeln.

1. Was ist beim Schauspielen mit Augenklappe zu beachten?

Spielen mit Augenklappe ist nicht viel anders als Spielen ohne Augenklappe.

2. Haben Sie die Augenklappe über dem rechten oder dem linken Auge getragen?

Über dem rechten Auge.

3. Ist das das Auge, über dem John Wayne die Augenklappe getragen hat?

John trug die Klappe über dem linken, ich über dem rechten Auge. Keine Ahnung, warum, aber das rechte Auge hat für mich einfach besser funktioniert. Es war keine politische Entscheidung.

4. Wie lautet Ihre Erklärung dafür, dass Marshal Reuben J. »Rooster« Cogburn, obwohl er eine Augenklappe trägt, ein derart sicherer Schütze ist?

Übung.

5. Kann es einen cooleren Gegenstand auf Erden geben als eine Augenklappe?

Keine Ahnung.

6. Haben Sie als Marshal Rooster Cogburn mit echten Waffen geschossen?

Ob ich im Film mit echten Waffen geschossen habe? Nein. Es ist alles immer nur Attrappe.

7. Ihr Lieblingsspruch als Marshal Cogburn in »True Grit«?

Der berühmteste Spruch fällt natürlich, als der Marshal sich die Zügel in den Mund stopft, damit er die Hände zum Schießen frei hat: »Fill your hands, you son of a bitch.«

8. Was wusste John über das Reiten?

Er vergisst einfach alles, was gerade keine Rolle spielt. Und reitet.

9. Was wusste John über das Schießen, das Schauspieler heute nicht mehr wissen?

Er zieht den Hahn.

10. Echt wahr, dass John Wayne so grandios wie kein Zweiter auf der Mitte der Straße stehen konnte?

Die besten amerikanischen Schauspieler konnten die einfachen Dinge gut, schießen, Guten Tag sagen, dastehen.

11. Wenn John Wayne Angie Dickinson in »Rio Bravo« hatte, wen haben dann Sie?

Ich habe meine Frau.

12. Echt wahr, dass John Wayne auf denselben Spitznamen hörte wie Sie, »The Dude«?

Nein! Ich bin der Dude. Er ist der Duke.

 

13. Müssen wir davon ausgehen, dass John Wayne den Dude nicht besonders gemocht hätte?

Ich habe keine Ahnung. Aber ja, wenn ich darüber nachdenke: Ich glaube auch, dass er den Dude nicht besonders gemocht hätte.

14. Wäre er ein guter Präsident gewesen?

Erneut, ich habe keine Ahnung. Seine Ansichten waren nicht meine Ansichten. Verstehen Sie? Ich nehme die andere Richtung.

15. Ist das wahr, dass liberale Menschen in den USA John Wayne bis heute gerne als Faschist bezeichnen?

Ich habe nie gehört, dass John Wayne als Faschist bezeichnet wurde. Er war ein Konservativer, das ist richtig.

16. Wenn Sie sich mit dem Geist von John Wayne unterhalten, was sagen Sie dann?

Hey, Duke. Hier spricht der Dude.

17. Manchmal Angst davor, dass John Wayne Ihnen oben im Himmel grollen könnte, weil Sie so unverschämt waren, seine Rolle, für die er 1970 den Oscar bekam, neu zu interpretieren?

Ich habe mich lange mit den Coen-Brüdern unterhalten, und sie haben mir gesagt: Wir drehen kein Remake des Films, wir drehen eine Neuinterpretation des Buches von Charles Portis. Das Buch war die Referenz, nicht der Film mit John Wayne. Ich ziehe mir nicht die Stiefel des Dukes an – du liebes bisschen, wer wäre so verrückt, das zu tun.

Wir wissen – zu diesem Zeitpunkt – noch gar nichts über Jeff Bridges. Und so wird es, aller Voraussicht nach, auch bleiben. Er sitzt unverändert da: Bauch raus, die Hände auf den Knien. Seine Interview-Mantra-Position. Seine wunderbar angenehme Stimme: Es ist ein warmes Brummknödeln, das aus den Tiefen seiner Brust kommt. Wenn Bridges Erstaunen ausdrücken möchte, kann diese Stimme überraschend hohe, fast jauchzend helle Pirouetten drehen.

18. Ihr Lieblings-Schwarz-Weiß-Western von John Ford?

Red River, ist das Hawks oder Ford? Ich bringe die beiden manchmal durcheinander. Also, Red River von Howard Hawks. Ich mag She Wore A Yellow Ribbon . Ist das John Ford?

19. Ihr Lieblings-Spaghettiwestern?

Er pfeift. Es ist Ennio Morricones Thema von Sergio Leones »The Good, the Bad and the Ugly« – »Zwei glorreiche Halunken«.

Wer das ist? Also, The Good, the Bad and the Ugly .

20. Die ewige Western-Frage: Was ist Ihre Erklärung dafür, dass Cowboys stets von rechts in den Bildschirm hineinreiten und links wieder hinaus?

Fantastisch. Ich habe keine Erklärung. Ich habe noch nie etwas von dieser Regel gehört.

21. Was mögen Männer an Western?

Männer spielen Cowboy, wenn sie kleine Jungs sind, nicht wahr?

22. Was werden Frauen nie an Western verstehen?

Wollen Frauen Western verstehen?

23. Wenn Männer Western haben, was haben dann Frauen?

Filme mit Vampiren?

Lachender Interviewer. Er, Interviewter, lacht nicht, zieht stattdessen die Augenbrauen hoch und lässt sie wieder fallen. Er sitzt unverändert da. Es ist natürlich längst ein Kräftemessen geworden, wenn auch ein leichtes, nicht weiter dramatisches: Wird es dem Interviewer gelingen, eine Frage zu stellen, für dessen Antwort der Star einmal die Hände bewegt?

24. Wie geht es Nashville?

Ich kann keine Diagnose abgeben, wie es der Stadt geht. Aber ich bin dort gerade mit meiner Band aufgetreten. Das war gut.

25. Wie heißt das amerikanische Volkslied, in dem für Sie die gesamte amerikanische Kultur steckt?

Es sind zwanzig, dreißig Lieder. Also gut, ich nehme This Land is Your Land , den Song von Woody Guthrie. Es hält das amerikanische Versprechen.

26. Mit welchen Worten beschreiben Sie das Talent Ihres Freunds, des Blues- und Countrysängers T Bone Burnett?

Er ist eine Legende, einer der großartigsten Sänger und Komponisten, die wir haben. Er hat die Musik für Crazy Heart geschrieben, und diese Musik hat den Oscar gewonnen. Kennen Sie die Songs, die T Bone mit Elvis Costello aufgenommen hat? Das sollten Sie. Ein alter Traum wird sich erfüllen, wenn ich in diesem Jahr mit T Bone ins Studio gehe und wir zusammen ein Album aufnehmen. Und, mal schauen, wir werden sicher auch ein paar Konzerte zusammen spielen.

27. Kennen Sie einen guten Countrysänger, der nach 1960 geboren wurde?

Natürlich, Ryan Bingham. Sein Song The Weary Kind , produziert von T Bone Burnett, hat bei den Oscar-Verleihungen im letzten Jahr den Preis für den besten Song gewonnen.

28. Echt wahr, dass alle großen amerikanischen Filmschauspieler heimlich davon träumen, Rockgitarrist zu sein?

Für mich stimmt das. Die Musik ist meine Seele.

 

29. Der beste Cowboy, den die Unterhaltungsindustrie heute noch zu bieten hat?

Wir haben Clint, natürlich. Ich möchte hier außerdem Sam Elliott nennen, den großen Fremden mit dem Schnurrbart. Er gibt einen guten Cowboy ab.

30. Welchen Cowboy hat die Politik heute noch zu bieten?

Da fällt mir niemand ein.

31. Sind Sie auch deshalb ein so guter Schauspieler, weil Sie eigentlich Musiker sind?

Ich mag diese Frage, aber ich glaube nicht, dass ich sie verstehe. Ich bin ein Schauspieler, der ein bisschen Gitarre spielt. Nichts anderes.

32. Spontan, fallen Ihnen drei Hollywood-Schauspieler ein, die immer noch Alkohol trinken?

Es wäre nach wie vor einfacher, drei Schauspieler zu nennen, die keinen Alkohol trinken.

33. Welcher Schauspiellehrer hat Ihnen das Reiten beigebracht?

Mein Vater. Ich habe immer auf Pferden gesessen. Ich glaube, ich konnte erst reiten, dann meine Schnürsenkel zubinden.

34. In einem Satz, was wissen Sie über das Schauspielen?

Tu wenig, sag wenig. Und wenn dich einer anspricht, antworte.

35. Was wissen Ethan und Joel Coen über die Schauspielerei, was Sie nicht wissen?

Sie geben keine Tipps. Sie geben einem nie das Gefühl, dass sie irgendetwas besser wissen.

36. Ist das Ihr Ding, dass Sie erst mal jede Rolle ablehnen?

Ich muss viel ablehnen, richtig, damit ich zu den wenigen Rollen komme, die mir etwas bedeuten.

37. Einverstanden, dass Sie Ihre sagenhafte Hollywood-Karriere vor allem Ihrer großen Statur und Ihrem schönen, vollen Haar zu verdanken haben?

Den Start meiner Karriere habe ich meinem Vater zu verdanken, da mache ich mir nichts vor: Ich war der Sohn von Lloyd Bridges.

38. Wann in Ihrer Filmkarriere haben Sie zuletzt »true grit« – echten Mumm, Charakter, Rückgrat – aufbringen müssen, um nicht nur eine gute, sondern die richtige Entscheidung zu treffen?

Diesen Mut versuche ich immer aufzubringen. Wissen Sie, was true grit genau bedeutet? Es bedeutet, an etwas dranzubleiben. Es bedeutet, ein Ding vom Anfang bis zum Ende durchzuziehen, ganz gleich, was die Leute sagen.

39. War es zu einem Zeitpunkt in Ihrem Leben denkbar, dass es mit der tollen Karriere nichts wird?

Es war lange denkbar, dass ich nicht Schauspieler werde, oh ja. Ich wollte ein Mensch werden, den die anderen Menschen nicht kennen. Diese Aussicht fand ich attraktiv.

40. Im Rückblick, verstehen Sie, warum Sie nicht schon 1971 den Oscar gewonnen haben?

Ja, klar. Ganz einfach, weil Ben Johnson in Die letzte Vorstellung so verdammt gut war. Erinnern Sie sich an seinen Monolog am Staudamm, in dem er von den guten alten Zeiten schwärmt? Der ist doch unglaublich.

41. Optimistisch, dass Sie den Oscar in diesem Jahr gleich noch einmal gewinnen?

Ich bin der Oscar-Gewinner des letzten Jahres , in diesem Jahr gewinnt jemand anderes.

Jeff Bridges lächelt sein kleines Lächeln, wieder mit den Augen, nicht mit dem Mund. Amüsiert er sich? Machen ihm diese Fragen Spaß? Unerheblich, dieser Meisterschauspieler ruht in sich, das bisschen Plaudern kostet ihn kaum Kraft. Wir reagieren. Wir gehen ins Private. Die Fragen müssen knapper, klarer, härter werden.

42. Echt wahr, dass selbst die Angestellten in Ihrem Supermarkt in Santa Barbara Sie »Dude« nennen?

Immer wieder finden es fremde Leute lustig, mich so zu nennen, ja. Und ich kann das aushalten. Ich kann das gut aushalten.

Pause. Er öffnet den Mund, macht ihn wieder zu. Ein Schauspieler bei der Arbeit: Er holt ein Gefühl hoch. Jeff Bridges tut nun so, als verspüre er einen kleinen, angenehmen Schmerz.

Verstehen Sie, ich liebe den Dude.

43. Wie sieht der Kamin im Wohnzimmer Ihrer Ranch in Santa Barbara aus?

Groß, ziemlich groß, so wie Kamine auf dem Land eben aussehen. Es sieht bei uns alles so aus wie in den Häusern, die rechts und links von unserer Farm stehen.

44. Haben Sie Pferde auf Ihrer Ranch in Santa Barbara?

Ich habe viele Pferde besessen, aber sie waren alt und sind gestorben.

45. Kühe? Schweine? Hühner?

Ich habe eine Ranch in Montana. Da gibt es all das.

 

46. Wie heißt Ihr Lieblingshund?

Wir haben viele Hunde. Der Hund meiner Kindheit hieß Bonzo. Heute heißen sie Ella, Bailey und Reefer.

47. Gehen Ihnen die Millionäre in Ihrer Nachbarschaft – das Film-Establishment, das in Hollywood arbeitet und in Santa Barbara seine Ruhe sucht – auf die Nerven?

Ich sehe nicht viele Filmstars. Ich sehe nette Leute, die ihre Hunde ausführen.

48. Welche Sportsbar in Santa Barbara können Sie empfehlen?

Ich gehe nicht oft in Bars.

49. Welchen Antikladen in Santa Barbara können Sie empfehlen?

Ja, The Sacred Space, die 101 Richtung Osten, in Summerland gelegen.

50. Wie fällt das Loblied auf Ihre Widelux-Kamera aus?

Fotos mit Struktur. Warme Bilder.

51. Wie sollen wir uns die Werkstatt vorstellen, in der Jeff Bridges, der Hobbykeramiker, seine Vasen und Töpfe herstellt?

Ich bin gerade umgezogen, es hat sich noch keine Aura, keine Patina in diesem neuen Raum eingestellt. Ich arbeite viel vor der Werkstatt unter freiem Himmel. Ein großer Stein dient mir als Werktisch.

52. Wo in Santa Barbara muss ich anhalten, um ein Tütchen Gras zu kaufen?

Hm ...

Schweigen. Maximal ruhiger, friedlicher, ausbalancierter, still vor sich hin lächelnder Bridges. Er meditiert. Er hält die Mantra-Position. Wir ziehen weiter an.

53. Scotch oder Bourbon?

Ich bin der Wodka-Typ.

54. Haschisch oder Gras?

Ich sage: Gras. Obwohl: Haschisch kann auch nett sein, wenn es mal einer dahat. Was allerdings selten vorkommt.

55. Levi’s oder Wrangler?

Levi’s.

56. Was macht einen Hut zu einem guten Hut?

Das ist ein ewiges Geheimnis. So viel: Die Krempe sollte ein bisschen abgerieben sein. Ein alter Hut ist gut, ein neuer Hut ist praktisch untragbar.

57. Wie sehen gute Plastiksandalen aus?

Exakt so wie die, die ich in The Big Lebowski trage. Es sind meine Sandalen, ich besitze viele Paare dieser Sandalen.

58. Wie geht’s dem alten Bademantel, in dem Sie in »The Big Lebowski« durch die Gegend latschen?

Gut, sehr gut. Danke der Nachfrage.

59. Wann zuletzt in Unterhose vor dem Fernseher gesessen, die Fernbedienung in der Hand, eine Tüte Kartoffelchips im Schoß?

Kann mich nicht entsinnen, das je gemacht zu haben.

60. Wann zuletzt mit einem Joint in der Badewanne gesessen?

In Ordnung, das ist schon vorgekommen.

61. Echt wahr, dass Sie die Socken nur einmal die Woche wechseln?

Das ist nicht wahr.

62. Wahres Gerücht, dass Sie duschen nicht besonders mögen?

Nein! Ich dusche sehr gerne, ich bin ein sauberer Mann.

63. Haben Sie Ihren Spitznamen »The Dude« eigentlich jemals ganz verstanden?

In Verbindung mit meiner Person meint dieser Name ziemlich genau das Gegenteil von dem, was er eigentlich bedeutet: Der Dude ist keine auffällige Persönlichkeit, sondern die normalste und durchschnittlichste, die man sich vorstellen kann.

Da! Er verlässt seine Position. Er nimmt die rechte Hand vom Knie, greift nach einem Glas Wasser. Trinken, Abstellen des Glases. Der Schauspieler legt nun beide Hände in die Hüfte, streckt den Oberkörper, weitet die Brust. Er lässt das Geräusch hören, das Männer machen, wenn sie beim Wachwerden den Körper dehnen: »Auuuuah!« Ausschütteln der Jeansbeine, Rückkehr in die Ausgangsposition. An seinem Bauch hat er offenbar selber viel Freude. Es ist möglich, dass er in diesem Moment denkt: Noch wenige Minuten, dann ist der Quatsch hier vorbei. Im Lächeln Jeff Bridges’ liegen alle Ruhe und Friedlichkeit der Welt.

64. Sind Sie Mitglied der National Rifle Association?

Nein.

65. Vermissen Sie Charlton Heston als Vorsitzenden der National Rifle Association?

Nein.

 

66. Wo heben Sie Ihre Schießeisen auf, im Waffenschrank oder unter dem Bett?

Ich bin kein Waffentyp. Es gibt keine Waffen in meinem Leben.

67. Können Sie drei Gelegenheiten im Leben eines Mannes nennen, zu denen er seine Sporen abnehmen sollte?

Männer sollten nie ihre Sporen ablegen, ich trage gerade unsichtbare Sporen.

Pause. Gut gesetzte Pause. So ein Hollywood-Schauspieler weiß natürlich, wo man die Pausen setzt. Jetzt überlegt er, ob er lachen soll. Er tut es dann, natürlich sehr bewusst, doch nicht.

Ich würde übrigens nie Sporen tragen, die Verletzungen zufügen. Meine Sporen sind die freundlichen Sporen, sie haben kleine Gumminoppen über den Sternspitzen, damit die Pferde sich nicht verletzen.

68. Kennen Sie einen guten Trinkspruch?

Auf die Beständigkeit unserer Liebe!

69. Was wussten Frank und Dino über das Trinken, das wir vergessen haben?

Ich denke, die Lieder. Sie haben daran gedacht, dass man immer singen muss.

70. Die schmutzigste Sache, die Sie je mit Mr. George Clooney angestellt haben?

Wir haben einmal so getan, als ob wir LSD nehmen. Das war in dem Film Männer, die auf Ziegen starren .

71. Gibt es einen Barmann auf Erden, dem Sie Geld schulden?

Nein.

72. Wann zuletzt betrunken am Filmset aufgetaucht?

Diesen Fehler habe ich relativ früh gemacht, in einer Tanzszene am Anfang meiner Karriere.

73. Jemals eine gute Bar an einem Flughafen gefunden?

Ja. Als mein Bruder und ich uns auf Die fabelhaften Baker Boys vorbereiteten, sind wir in einer Bar am Flughafen von Los Angeles versackt. Das war in Ordnung. Die Baker Boys hätten in dieser Bar auftreten können.

Er hat natürlich längst gewonnen. Es gab nie einen Zweifel daran, dass Jeff Bridges in diesem Gespräch gewinnen würde: Wer fünf, zehn, fünfzehn Minuten lang auf einer Stuhlkante sitzend Fragen pariert und sich dabei nicht bewegt, der hat bei Interviews automatisch recht.

74. Wie geht’s Amerika?

In einigen Gebieten: leider nicht sehr gut. Aber ich bin großer Hoffnung.

75. In wenigen Worten, wofür engagiert sich die Wohltätigkeitsorganisation »No Kid Hungry«, deren erster Botschafter Sie sind?

Wir versuchen, den Hunger bei Kindern und Jugendlichen in Amerika zu mindern, weil wir es für eine Schande halten, dass eines der wohlhabendsten Länder der Erde die schwächsten und hilfsbedürftigsten seiner Einwohner nicht ausreichend ernähren kann.

76. Welches Land sollte Amerika Ihrer Meinung nach als nächstes angreifen, Nordkorea oder Iran?

Es sollte sich selber angreifen, wirklich wahr. Einige Zustände in diesem Land sind unerträglich. Derzeit sind es 70 Millionen Kinder – jedes vierte in unserem Land –, die nicht sicher sein können, ausreichende Mahlzeiten zu erhalten. Wenn uns ein anderes Land diese Schmach, diese Schande antun würde, dann wären wir im Krieg.

77. Was ist das Beste an Ms. Sarah Palin ?

Dass sie hübsch aussieht.

78. Gehören Sie zu den Leuten, die von Präsident Barack Obama persönlich enttäuscht sind?

Ich denke viel darüber nach, was Amerika derzeit tun müsste, um den richtigen Kurs zu halten. Es liegt nah, ihn zu kritisieren. Und andererseits, es ist ein tougher Job, der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika zu sein, ich möchte nicht in Präsident Obamas Stiefeln stecken. Ich stehe hinter ihm, ich unterstütze ihn. Er hat sich kürzlich dahingehend geäußert, dass er bis 2015 den Kinderhunger in Amerika abgeschafft haben möchte. Dieses Ziel ist auch mein Ziel.

79. Wir kommen zum berühmten Self-Rating-Test. Beurteilen Sie bitte Ihr eigenes Talent in den folgenden Kategorien, von null Punkten (kein Talent) bis zehn Punkte (grandioses Talent). Hippie.

Hippie ... ich gebe mir fünf.

80. Keramiker.

An einem guten Tag: neun Punkte.

81. Schwarz-Weiß-Fotograf.

An einem guten Tag: neun Punkte.

 

82. Gewinner.

Ob ich gut gewinnen kann? Ob mir das Spaß macht? Hier gebe ich mir erneut neun Punkte.

83. Verlierer.

Neun Punkte.

84. Ehemann.

Neun Punkte.

85. John Wayne.

Hier bin ich eine Null, aber das macht nichts. Ich bewundere den Schauspieler. Der Mensch John Wayne interessiert mich weniger.

Nun lacht er – an einer Stelle, an der es selbstverständlich nichts zu lachen gibt. Es ist ein wunderbar freies Lachen, für das er den ganzen Körper einsetzt: Hahaha. Er lacht für all die Gelegenheiten mit, an denen er vorher nicht gelacht hat. Jeff Bridges nickt, als wolle er sagen: Ging doch, hat doch Spaß gemacht, jetzt haben wir es gleich geschafft. Dieser Mann ist drüber. Nicht mehr als zwei Bewegungen während knapp zwanzig Minuten Interview, ein Lachen und ein Griff nach einem Wasserglas: Das kann sich sehen lassen, das ist großes Kino. Die Pressefrau tritt ein, hält drei Finger hoch: noch drei Minuten. Sein grandioser Bauch. Letzte Fragen an den großen Jeff Bridges.

86. Wie geht’s Ihrem Rücken?

Meinem Rücken geht es gut in diesem Moment, er fühlt sich großartig an.

87. Probleme mit den Knien?

Null Probleme, alles super.

88. Die Augen machen auch keine Probleme?

Die üblichen Altersprobleme: Schwierigkeiten beim Lesen. Ich könnte Ihnen ein paar echt wirkungsvolle Übungen zeigen, wie Sie Ihre Altersweitsichtigkeit reduzieren. Alles im Leben ist Training.

89. Das Geheimnis Ihres schönen, kräftigen Haars?

Die Gene. In diesem Fall die Gene meiner Mutter.

90. Einsam?

Selten.

91. Ist Ihnen oft langweilig?

Selten, wirklich selten. Jedem ist doch mal langweilig.

92. Wann sind Sie einsam?

Wenn ich über lange Zeiträume von meiner Frau getrennt bin.

93. Was sagt der Psychiater?

Ich habe keinen Psychiater.

94. Wie geht es Peter Bogdanovich?

Mit dem Regisseur Peter Bogdanovich drehte Jeff Bridges »Die letzte Vorstellung«. Der Film gewann 1971 den Oscar und brachte Bridges Karriere in Bewegung. Wenn es einen Klassiker im amerikanischen Kino gibt, dann ist es dieser Film.

Oh, es geht ihm großartig. Wir haben uns gerade vor ein paar Tagen in Texas getroffen. Wir planen, die Fortsetzung von Die letzte Vorstellung miteinander zu verfilmen. 1990 haben wir mit Texasville die erste Fortsetzung gedreht, und nun, wieder zwanzig Jahre später, soll die Geschichte weitergehen, wieder nach einem Roman von Larry McMurtry. Wäre das nicht großartig?

95. Vermissen Sie Dennis Hopper ?

Ich kannte Dennis nicht sehr gut, aber natürlich bedauere ich, dass er nicht mehr da ist. Er war ein enorm vielseitiger Künstler und eine wundervolle Seele.

96. Was ist der Sinn des Lebens?

Der Sinn ist es, ein lebendiges Wesen zu sein. Möglichst viele Erfahrungen machen. Alles anfassen.

97. Sind Sie optimistisch, neunzig Jahre alt zu werden?

Ich bin optimistisch.

98. Wenn Sie als letzte künstlerische Äußerung ein Lied singen könnten, welches wäre das?

Da fällt mir ein Song ein, den ich gerade selber geschrieben habe: A Toast . Er wird auf dem Album sein, das ich gemeinsam mit T Bone Burnett herausbringe.

99. Marshal Reuben J. Cogburn sagt: »I always tried to be ready.« Worauf sind Sie vorbereitet?

Auf nichts. Und auf alles.