Wie war die Frauenfrage doch out! Ewiggestriges Gejammer! So höhnte es, junge Frauen publizierten ihr antifeministisches Selbstbewusstsein; es sei doch alles schon erreicht. Und was hätte man dagegen auch vorbringen wollen, was nicht schon tausendfach gesagt wurde? Grundgesetz, Artikel 3: Frauen und Männer sind gleichberechtigt – wo eigentlich, im Dschungelcamp ? Wie argumentieren, ohne zu wiederholen, was einem die eigene Mutter schon vorgebetet hat: Eine Frau muss sich selbst ernähren können. Was anmerken, was nicht schon Papa auf die Nerven ging, dass doch auch Männer sich mal ändern sollen . Und plötzlich sagt jemand in der Kneipe, dass Senta Berger gesagt habe, sie sei von den Erfolgen der Frauenbewegung schwer enttäuscht, die schöne, glamouröse Senta Berger.

Im Spiegel, der sich so gerne mit kurvigen Frauen schmückt, gibt es plötzlich in Serie Gespräche zu Frauenfragen, da wird etwa die feministische Publizistin Silvia Bovenschen mit den Worten zitiert, in Frauenfragen gebe es statt Fortschritt nur Schluckauf. Am Bahnhof flimmert die Schlagzeile: Heftiger Streit um die EU-Frauenquote ! Auf dem Schreibtisch der Bundesfamilienministerin ist letzte Woche ein Packen Papier gelandet: Gleichstellungsbericht der Bundesregierung, Nr. 1, "Neue Wege – gleiche Chancen", steht auf Blatt 1, auf den Blättern dahinter liest man, Lebensläufe von Frauen zeigten Narben statt Erfolge. Und nun das Buch Die Feigheit der Frauen von Bascha Mika, also darüber wird diese Woche schon gestritten, bevor es nächste Woche erscheint.

Das Buch gehört zur Gattung des Wutschreis. Fortissimo subito! Vorwürfe fliegen einem um die Ohren, in den wuttypischen Wiederholungsschleifen, äußerst unterhaltsam. Man kann nicht allem folgen, die Tendenz aber ist klar. Bascha Mika bringt in Rage, wie elendig sich die Frauenbewegung festgehakelt hat. Dass Generationen von Frauen sich von ihren Träumen verabschiedet, ihre schönen Ausbildungen, die besten Jobs auf den Müll geworfen haben, warum? Weil sie "Geisel eines Hormonkomplotts" sind! Männern nachhecheln! Sich ihnen unterwerfen, Stockholm-Syndrom! Weil sie sich zum "dienstbaren Frauchen" machen, Babys wollen. Am "Kümmersyndrom" leiden, für den Mythos Mutti alles liegen lassen, "wie ein Wischmopp" durch ihre Wohnungen fegen statt nach oben durch die Glasdecken in die Karrierejobs! Das Reihenendhaus zur Kuschelzone erwählen, statt sich den Frösten der Freiheit zu stellen, sich dem Sog einer neuen Sexualisierungswelle hingeben, statt Ehen auf Augenhöhe zu praktizieren. Verkrümelmentalität statt Selbstverantwortung!

Wie es so ist bei Wutausbrüchen: Im Kern ist manches zu bedenken, aber im Vortrag setzt man sich leicht ins Unrecht. Bascha Mika ist als charmante Lady bekannt. Geboren 1954, die Familie aus Polen, die kleine Bascha eines von fünf Kindern, Spätaussiedler. Bascha Mikas Geschichte ist eine deutsche Nachkriegserfolgsstory. Sie war neben Marion Gräfin Dönhoff von der ZEIT die einzige Frau, die sich in Deutschland je als Chefredakteurin einer politischen Zeitung hat behaupten können, zehn Jahre lang war sie die "Queen" der linken tageszeitung . Von Bascha Mika stammt eine Biografie über Alice Schwarzer , die Alice Schwarzer sehr geärgert hat.

Von Bascha Mika hätte man eine scharfe Kritik der Frauenbewegung erwartet und auch gerne gelesen, wie es im Milieu der tageszeitung möglich war, dass eine Frau sich im Männerrudel durchsetzt. Aber ihr Fokus ist – das Private. Sosehr sie sich abarbeitet an den Einflüssen von Medien, Rollenklischees, psychologischen Engpässen – ihr Buch, das mit einer beachtlichen Literaturliste aufwartet, gipfelt in der Vorhaltung, eine jede Frau könne sich doch ganz individuell gegen die Wucht des Faktischen für Unabhängigkeit entscheiden. Sie müsse! Mutig sein statt feige!

Man könnte dies abtun als Reflex einer sozialen Aufsteigerin. Narzisstische Überhöhung des eigenen Glücksfalls. Tatsächlich sagt dieses Buch viel über die Lage von Frauen in dieser Republik. Etwa darüber, wie viel Solidarität zu haben ist. Und, auch bitter: dass ein halbes Jahrhundert Wohlstand eben nicht gereicht hat, um Frauen im Arbeitsmarkt zu integrieren oder eine angemessene Repräsentation von Frauen in der Öffentlichkeit herzustellen.