Doch der Test erkennt eben nicht nur die Veranlagung für Batten, sondern gleich für eine ganze Batterie von erblichen Krankheiten. Es sind jene 448 Leiden auf Kingsmores Liste. Diese werden durch einen sogenannten rezessiven Erbgang weitergegeben: wenn beide Eltern zwar äußerlich gesund, aber genetisch Träger des Leidens sind. Kingsmores Forscherteam vom National Center for Genome Resources in Santa Fe , dem Children’s Mercy Hospital in Kansas City und den Labortechnikfirmen Illumina und Life Technologies arbeitet bereits an der Ausweitung der Fahndung auf 570 Defekte. Und kassenbudgettauglich ist die Untersuchung auch: Sie kostet rund 800 Euro pro Paar.

»Die klinische Bedeutung dieses Tests ist enorm«, sagt Muin Khoury, Direktor des Office of Public Health Genomics bei den Centers for Disease Control (CDC) in Atlanta. »Diese Leiden sind zwar individuell relativ selten. Doch weil es so viele von ihnen gibt, betreffen sie insgesamt ein großes Segment der Bevölkerung.«

Tatsächlich ist die Gefahr, ein Kind mit einer Erbkrankheit zu zeugen, vergleichbar mit dem Risiko älterer Frauen für ein Kind mit Downsyndrom. Schwangeren über 36 Jahren wird eine routinemäßige Vorsorgeuntersuchung auf diese Krankheit angeboten. Müsste man da nicht Kingsmores Test allen Paaren mit Kinderwunsch ebenso anbieten? In Verdachtsfällen habe man bisher mit Hunderten konventionellen Tests einzelnen Genen nachspüren müssen, sagt Hans-Hilger Ropers, Direktor am Berliner Max-Planck-Institut für molekulare Genetik . Doch mit Kingsmores Entwicklung taucht nun eine massentaugliche Technik auf – »eine Superrakete«, schwärmt Ropers –, deren diagnostische Reichweite alles bisher Gebräuchliche um Dimensionen übertrifft.

Darin liegt das Problem. Schon bald könnten Genetik und Reproduktionsmedizin in eine nie gekannte – und für viele wohl beängstigende – Nähe zu Partnerschaft und natürlicher Fortpflanzung rücken. Wie wird Mutterglück aussehen, wenn schwangere Frauen noch vor dem Ultraschallfoto des Winzlings in ihrem Bauch eine Liste seiner möglichen Erbdefekte vor Augen haben? Werden die Deutschen in zehn Jahren beim ersten Date ihr genetisches Defektprofil austauschen?

Es wären lange Listen. Worauf Bürger sich in einer Welt mit Präkonzeptionsdiagnostik gefasst machen müssten, das zeigen die ersten Tests von Kingsmores Team. Erika oder Max Mustermann sind demnach Träger von statistisch knapp drei der 448 Erbleiden. Insgesamt dürften es noch weit mehr sein. Beim 1000 Genomes Project , in dem die Erbdaten Tausender Menschen analysiert werden, stießen die Forscher in 250 bis 300 Genen auf Totalschäden – pro Person. Nicht alle sind bedrohlich. Und doch, so schätzen Fachleute, dürfte jeder Deutsche mit 40, 50 oder gar 60 krankheitsauslösenden Erbdefekten behaftet durchs Leben gehen. Nur die doppelte Sicherung der Natur – ein Gen von der Mutter, eins vom Vater – verhindert, dass diese Defekte auch sofort zur Krankheit führen.

Darin liegt ein weiterer Faktor für die Brisanz von Kingsmores Technik. Das System, ein Mix kryptisch klingender molekularer Techniken wie »RainDance« oder »SureSelect Hybrid Capture« plus einer Menge Bioinformatik, lernt bei jeder Anwendung dazu: In den Genen, die es durchstöbert, wird es auch die bislang unbekannten Defekte der Menschen aufspüren und ihre verborgenen Schwachstellen automatisch offenbaren.

Ist die Gesellschaft reif für so viel biologische Selbsterkenntnis? Sind die Bürger gewillt, soziale Folgekosten der Durchleuchtung zu akzeptieren?