Unter allen Bildern, die von Polly Jean Harvey im Umlauf sind, gibt es nur ein einziges, das sie halbwegs lachend zeigt – und darauf zieht sie mit den Zeigefingern ihre Mundwinkel zu einer eher beängstigenden Grimasse in die Höhe. Nein, die Sängerin ist kein besonders heiterer Mensch. Davon konnten sich britische Zuschauer zuletzt am 18. April 2010 im Frühstücksfernsehen der BBC überzeugen. Geladen war ein kämpferischer Gordon Brown, der sich mit Blick auf die anstehende Wahl leidenschaftlich für einen Verbleib seiner Truppen in Afghanistan und im Irak aussprach. Wie üblich wohnte der Gast am Ende noch dem musikalischen Ausklang der Sendung bei – und wurde so Zeuge einer unheimlichen Begegnung von Pop und Politik.

Ganz in Schwarz und mit einem ausladenden Kopfschmuck aus Rabenfedern wirkte PJ Harvey schon rein optisch wie ein unheilvoll exotischer Trauergast, der mit brüchiger Stimme einen nicht minder unheilvollen Song zum Vortrag brachte: »Let England shake / Weighted down with silent death / I fear our blood will rise again / England’s dancing days are done«. Der Auftritt wirkte wie ein Ständchen für den britischen Premierminister, der sich zuvor schon um Kopf und Kragen geredet hatte. Ein vergiftetes Ständchen, gehalten von seiner schwarzen Nemesis auf einer Zither.

Ungewöhnlich war nicht der Furor, mit dem die Sängerin ihre düstere Botschaft darbot. Ungewöhnlich war, dass PJ Harvey bislang immer als seriöse, nie aber als politisch sonderlich engagierte Künstlerin wahrgenommen wurde. Seit 1992 erkundet sie musikalisch gerne auch die unwirtlicheren Grenzbereiche des Bluesrock. In lyrischer Hinsicht war ihre Stärke dabei immer der introspektive Ernst ihrer Texte. Eine ebenso selbstbestimmte wie freizügige Frau, die sich dennoch gegen Vereinnahmungen durch den Feminismus stets verwahrte. Ihr achtes Studioalbum nun markiert eine in zweierlei Hinsicht radikale Wende: Erstens singt auf Let England Shake erstmals kein zorniges Mädchen von den Abgründen seiner Seele, sondern eine verstörte Patriotin über die Dämonen der Geschichte. Und zweitens ist alles Verschränkte in ihrer Musik einer fast aufreizenden Gefälligkeit gewichen.

Aufgewachsen und gereift ist Polly Jean »PJ« Harvey mit ehrlich verschwitztem Blues, mit Platten von Howlin’ Wolf, Robert Johnson, John Lee Hooker oder Captain Beefheart , der später sogar ihr väterlicher Mentor werden sollte – das alles ist hier nicht nur beiseite geschoben, sondern regelrecht getilgt. In der Bildhauerei gilt das schöne Wort, die endgültige Skulptur wohne längst im Stein und müsse vom Künstler nur noch freigeklopft werden. Wenn das stimmt, dann hat die gelernte Bildhauerin hier so lange gemeißelt, bis nur noch zierlichster Folk übrig bleibt.

Der mag fragil sein und schlicht, bezieht aber eine enorme Wucht aus der Wiederholung und der Kunst des unmerklichen Anschwellens. Jeder einzelne Song ist auf der Zither geschrieben, mit akustischen Instrumenten eingespielt und wurzelt tief in heimischer Erde, im Volksliedhaften – von wo es nicht mehr weit ist bis zum Populären. Let England Shake mag kein Pop sein, zugänglicher aber klang PJ Harvey noch nie. Es scheint fast, als habe sie ihre komplette Karriere auf dem Schroffen und Schrundigen aufgebaut, um hier endlich – endlich! – Melodie auf Melodie türmen zu können. Kaum ein Lied auf diesem Album, das man nicht auf Anhieb mitsingen könnte, ohne dass es deswegen sein Geheimnis preisgäbe. On Battlefield Hill etwa klingt wie eine zärtliche Erinnerung an die frühen Belle & Sebastian, bis eine einsame Klavierkadenz hereinschaut und Herzen bricht. Mal illustriert eine unerwartet aufblitzende Kavallerie-Signaltrompete das Geschehen, mal transzendiert ein Song durch ein simples Reggae-Sample ins Weltmusikalische.