Deshalb all die Aufregung? Da sitzt sie, die Polizistin, die Frau aus Silikon und Stahl, die pinkelnde Petra: in voller Kampfmontur, aber mit hängender Hose. Kauert in der Ecke, pullert eine Pfütze. Marcel Walldorf, Petras Schöpfer, behauptet: Den Skandal um seine Skulptur habe er nicht kalkuliert. Aber Petra ist einer geworden. Petra ist jetzt eine PR-Maschine. "Besser konnte das neue Jahr für mich nicht starten!", sagt Walldorf, Kunststudent in Dresden. "Ich war der erste Kunstskandal des Jahres", sagt er, "das spricht doch für sich." Er ist noch aufgeregt wegen des Medienwirbels. Er ist jetzt bekannt.

Es gibt nun Diskussionen in Dresden und an der Hochschule für Bildende Künste, wo Walldorf studiert. Die Frage lautet, wie viel Provokation eigentlich erlaubt sein soll in diesem traditionsreichen Haus. Was die Studenten zu tun bereit sind, um Aufmerksamkeit zu erregen. Ob der Hype manchmal nicht größer ist als die Kunst, die ihn auslöst.

Im Senatssaal der Hochschule ist Petra Teil einer kleinen Ausstellung. Nur selten steuert sie jemand zielstrebig an. Studenten und Professoren haben die Schau längst gesehen. Einige Hundert Besucher waren da. Petra ist nicht Kunst von weltbewegendem Format, sie sieht nur aus wie alle Frauen, die ihre Notdurft verrichten, wenn gerade keine Toilette in der Nähe ist – ein bisschen peinlich eben.

Walldorf hat mit dieser Peinlichkeit einen Nachwuchspreis gewonnen – den der Hamburger Leinemann-Stiftung für Bildung und Kultur. Den dritten Platz. Seit Anfang Januar wird gestritten, ob die Prämierung so eine gute Idee war. Man streitet in den Zeitungen, im Fernsehen, im Netz. Der Sieger und der Zweitplatzierte finden nur als Fußnote statt. "Ich kann doch nichts dafür", sagt der 27-jährige Künstler, und er sagt das so betont lässig, dass es verdächtig wird: "Eigentlich müsste ich mich bei Sachsens Innenminister bedanken. Dafür, dass er Petra als Schande bezeichnet hat. Weil ich angeblich seine Polizisten beleidigen würde."

Nun sind Tag für Tag Journalisten in der Kunstakademie aufgetaucht und haben den Streit zwischen Studenten und Dozenten verschärft. Marie-Christin Rothenbücher zum Beispiel ist genervt: "Ich verstehe dieses ganze Theater nicht, das ist doch echt hohl", sagt die Studentin, "muss man denn Pipi-Kunst so hypen?" Rothenbücher sitzt in ihrem Atelier, grimmig, wütend. "Ich finde die Polizistin flach, nicht von der Arbeit her, die ist schon in Ordnung, aber von der Idee. Ich begreife nicht, dass so etwas noch provoziert. Noch dazu einen Innenminister. Wo sind wir denn hier? Zum hundertsten Mal pullert eine Polizistin, na und?" Ihre Mitstreiter im Atelier sehen das ähnlich. "Was mich wirklich anstrengt, das ist diese ganze Aufmerksamkeit um nichts", sagt Özlem Akgündüz, eine türkische Erasmus-Studentin. "Dieser Medienrummel ist mir zu viel. Dieses Kämpfen um den Markt, denn darum geht es doch, das macht mich müde." Für Sekunden hängt jeder im Atelier seinen eigenen Gedanken nach. In die Stille platzt die Gegenrede einer energischen Kommilitonin.

"Ich weiß gar nicht, was ihr habt", sagt Melanie Kramer. "Wichtig ist, dass man als Künstler was Echtes macht. Und Marcel hatte eine bestechend gute Idee. Nur mit schönen Bildern kommt man an keiner Kunsthochschule weiter. Es ist extrem schwierig, politische Kunst zu machen, und Marcel hat es geschafft. Und zwar mit Erfolg. Ich freue mich für ihn." Und wer jetzt schreie, sagt sie, der sei nur sauer, dass es nicht um ihn gehe. Die Stimmung in diesem Atelier, sie scheint seltsam entrückt. Es ist, als säßen alle auf einem Karussell. Und als bemerkten sie nicht, dass sie mitfahren. Die Welt draußen fliegt vorbei, die Hochschule kreist um sich selbst.

An der Figur Petra ist gar nichts politisch gemeint. Wie Marcel Walldorf, der im zehnten Semester Bildhauerei studiert, bezeichnen sich viele der 650 Studenten als unpolitisch. Sagen ganz offen, dass sie sich für aktuelle Nachrichten nicht interessieren. Marcel Walldorf wiederholt mehrfach, dass ihn weder Bild, noch Tagesschau tangieren – und erklärt: "Nur weil ich eine Frau mit Helm, Kugelweste und Knieschonern gebaut habe, bin ich doch kein politisch agierender Mensch. Mir geht es ausschließlich um Material und Wirkung. Nicht um mehr, nicht um weniger." Er sagt dann noch, er mache sowieso keine Kunst für das brave Kulturbürgertum. Das verstehe ihn sowieso nicht. Und was die Politik angeht: Da seien andere zuständig. "Innenminister Ulbig zum Beispiel."

 

Marcel Walldorf ist Student bei Eberhard Bosslet. Der Kunstprofessor stellt sich schützend vor Walldorf, hält dessen Skulptur für gute zeitgenössische Kunst. Die Freude darüber, dass der junge Mann erst in der Boulevardpresse, dann deutschlandweit solche Furore machte, treibt ihm ein breites Grinsen ins Gesicht. Gleichwohl spricht er davon, dass man den Umgang mit der Provokation nicht lehren könne. Provokation, sagt er, werde durch Betrachter erzeugt, nicht durch Produzenten. Über das Skandälchen könne er jedenfalls nur lachen. Eberhard Bosslet fixiert seine Gesprächspartner, sein Blick wird streng, ja: unwirsch. Als sei es der Professor leid, über solche Binsenweisheiten zu sprechen. Dann erzählt Bosslet, wie er mit Studenten über alles, wirklich alles rede. Darüber zum Beispiel, dass sich Sex auf dem Kunstmarkt gut verkaufe.

"Nur diskutieren wir nicht über mögliche skandalträchtige Themen, sondern darüber, wie sie umgesetzt werden können, ob Form und Inhalte stimmen", sagt Bosslet. Der Professor redet sich in Rage, schimpft über seriöse Berichterstatter, die es nicht schafften, zeitgenössische Kunst gut zu übersetzen und zu erklären: "Keiner der Kulturredakteure kommt zu unseren Ausstellungen. Nur die Bild- Zeitung stellt die richtige Frage. Nämlich: Ist das Kunst? Mich ärgert die konventionelle Presse. Die lässt die Boulevardblätter die Drecksarbeit machen und legt erst dann los. Das ist das Dilemma."

Und dann erzählt Bosslet, dass er eigens bei der Bild-Zeitung angerufen, sie gelockt habe. Berichtet mit den leuchtenden Augen eines Menschen, der einen tollen Coup gelandet hat: "Ich habe nur gesagt: Pulleralarm! Und die haben sofort Lunte gerochen. Das ist doch klasse oder?"

Thomas Judisch, Meisterschüler bei Bosslet, kann dem Dilemma, das sein Lehrer beklagt, auch etwas Gutes abgewinnen. "Ich schaue fasziniert zu. Die ganze Aufregung färbt doch auf uns alle ab. Die Hochschule wird so wenigstens wahrgenommen." Judisch hat den zweiten Preis beim Wettbewerb jener Stiftung gewonnen, die Walldorf mit dem dritten prämierte. Und er neidet den Erfolg nicht: "Drei Schüler unserer Klasse haben einen Preis erhalten. Der Medienrummel hilft mir doch auch. Jeder Ausstellungsbesucher sieht jetzt ebenso meine Arbeiten. Das ist mehr, als ich erwarten konnte."

Weniger euphorisiert wirkt indes Christian Sery. Der Rektor der Kunsthochschule würde die skandalumwobene Skulptur nie verteidigen wie sein Kollege Bosslet. Er hält sie – trotz der Auszeichnung – schlichtweg für nicht gut genug. Sery ist überhaupt ungehalten. Er plädiert für Wachheit, für klaren Verstand, für kluges Agieren: "Eine Hochschule ist kein mediengeiles Betriebssystem. Ich verteile den Studenten doch keine Schocktabletten. Wenn das so wäre, stünde der Kunstmarkt unter Schock. Was soll das?" Der Österreicher rutscht auf seinem Stuhl hin und her, es hält ihn nur mit Mühe auf dem Platz. Es ist offensichtlich, dass er Überzeugungsarbeit leisten will. "Mein Lehre sehe ich präzise umrissen. Ich lehre nicht, wie man als Künstler die Gesellschaft schockt, sondern: Wie reflektiere ich sie, wie zeige ich das, was sie mit uns macht, mit jedem Einzelnen."

Das ist bei seinen Studenten wohl nicht angekommen. Petra wurde zwar zum Skandal, aber für den Künstler ist sie nicht mehr als ein "Spaß für Kinder". Wenn der Rektor sagt, es gehe immer um Ursache und Wirkung, ohne genaues Beobachten der Kontexte aber funktioniere das nicht, und alles andere sei weltfremd – dann winken viele der Studenten nur ab. Diese Botschaft erreicht sie nicht, sie leben in einer anderer Welt. Darüber wiederum kann Christian Sery nur mit dem Kopf schütteln. Weltfremd sei jeder, sagt er weiter, der die wirklich erschütternden Skandale nicht registriere, den Missbrauch in der katholischen Kirche zum Beispiel oder den Dioxinskandal.

Der Pulleralarm hat sich für Marcel Walldorf ausgezahlt. Die Polizistin konnte er für 9000 Euro verkaufen. Auch über seine erste Einzelausstellung in der Galerie Potemka in Leipzig berichtete die Presse. Kein Wunder. Der ambitionierte Künstler stellt dort seine neue Arbeit vor: Er hat einen Hundekadaver in einen riesigen Betonklotz gegossen, nur die Schnauze sieht man noch. Wenn Besucher vorbeigehen, bewegt sie sich und macht jaulende, jämmerliche Töne. Die Boulevardpresse sei natürlich wieder dagewesen. Etwas unheimlich allerdings wird es Walldorf nun doch: "Meinen Sie", fragt er, "ich sollte mich nun erst mal von all dem zurückziehen? Könnte mir der ganze Rummel inzwischen schaden?"