Jetzt seid ihr reif – Seite 1

Den Orangenbaum und den Tannenbaum verbindet, dass beide mit O anfangen und im Winter grünen. Das war es aber auch schon. Während uns das deutsche Nadelgehölz zu Jahresbeginn düster stimmt, trägt der Orangenbaum auf Sizilien im Januar bereits leuchtende Früchte, und zwischen Catania, Syrakus und Enna ist die Ernte in vollem Gange. Was tun? Seit Goethe seinen Mantelsack in eine Postchaise in Richtung Brenner warf, empfiehlt sich zur Aufhellung des Gemüts eine italienische Reise.

Also nimmt man das Flugzeug und landet zwei Stunden später in Catania. Das Erste, was man beim Aussteigen sieht, ist der Ätna, mit 3400 Metern Europas höchster aktiver Vulkan. Das Erste, was man tut, ist schwitzen. Die Sonne meint es gut, 23 Grad. Der Weg in die Stadt ist gesäumt von gelbem Geröll: neue Ernte – "Dolcissime!"

Für die Sizilianer ist der Ätna übrigens weiblich. Etna wird bewundert für ihre pyramidale Schönheit, aber auch gefürchtet wie eine unberechenbare ältere Verwandte, die ständig Staub aufwirbelt und hin und wieder grollt. Seit sie sich am 12. Januar mitten in der Nacht erhoben und Feuerfontänen in den Himmel gespien hat, drehen sich die Leute im Osten Siziliens wieder öfter mal nach ihrem Hausberg um. Was macht sie da? Sie dampft wie eine Lok, sie schmaucht als graugelber Aschefeudel oder lässt einen langen Nebelschweif aus der Kraterspitze ziehen, den der Wind an ihre Flanke drückt und auf halber Höhe wieder in den blitzeblauen Winterhimmel reißt.

Die meisten Menschen, die am Berg wohnen, haben nach jedem schweren Ausbruch, der ihr Haus gespalten und verbrannt hat, die Mauern einfach wieder aufgebaut. Als gäbe es keinen besseren Ort als diesen, um Reben, Oliven, Pistazien, Palmen, Maronen, Maulbeeren, Kirschen, Feigen und eben Zitrusbäume zu pflanzen, Bienenkörbe aufzustellen und Marmelade zu kochen. Dame Etna kann schließlich auch anders. Was sie in sanfter Verfassung an feinen Ascheportionen verstreut, ist ein hervorragender Dünger, reich an Phosphor, Kalium und Calcium.

Klicken Sie bitte auf das Bild, um die Karte zu öffnen © ZEIT-Grafik

Costa Sebastianos Umgang mit der Naturgewalt erscheint nicht nur fatalistisch, sondern geradezu vorwitzig. Er ist einer von 800 Imkern der kleinen Stadt Zafferana Etnea am Osthang des Vulkans, ein junger Geschäftsmann mit kurzem Bart und drei Ringen im linken Ohr. Seine Probierstube, in der die Kunden Honig und Wein verkosten können, hat er direkt an die erkaltete Lavawalze gebaut, die den Ort 1992 zähflüssig glosend zu überschwemmen drohte. Und beim nächsten Ausbruch? Das Haus? Die Familie? 900 Bienenvölker? Sebastiano zuckt die Schultern. Seine Familie lebt seit Generationen mit diesem Rumoren. Für sie als Imker, sagt er, sei es ein Segen, auf begrenztem Raum so üppige und unterschiedliche Vegetation zu finden. Vor der Vulkanhalde steht Honig von Süßklee, Esskastanien, Ginster, Schafgarbe und Eukalyptus. Den größten Anteil aber, 60 Prozent, ernten die Bienen aus Zitronen- und Orangenblüten. "Gold des Ätna" nennt Sebastiano das Produkt ihres Fleißes und seiner Arbeit.

 

Taormina mit dem Ätna im Hintergrund

Auf den von schwarzen Schlackemauern gestützten Terrassen rund um Zafferana Etnea glänzen die Bäume wie lackiert, ihre Kronen sind besteckt mit leuchtenden Zitronen, Mandarinen, Orangen und den kiloschweren cellulitischen Cedri, die man weniger ihres Anblicks oder ihres Aromas als ihrer dicken weißen Innenhaut wegen schätzt, aus der Zitronat kandiert wird. Ein verlassenes Bauernhaus liegt mitten im Zitrushain, die Fenster verrammelt, der rote Putz aus vulkanischem Eisenoxyd blättert. Wo einmal der Garten war, verraten nur noch die Nester der Fackellilien. Früher wurde in einem Schuppen Wein gekeltert. Die riesige Presse aus Kastanienholz, das Becken, in dem die Trauben gestampft wurden, sind noch da, von Sonnenstrahlen getroffen, die wie Punktstrahler durch das löcherige Dach zielen.

Weil auf der nach oben offenen Entkleidungsskala bis zum Sommer noch Spielraum bleiben muss, trinkt man seinen Espresso im Dörfchen Aci Castello auf der Piazza trotz warmer Sonne vorsichtshalber noch in Daunenanorak und Pudelmütze. Oben thront eine normannische Burg auf der Klippe, unten wölbt sich das Meer wie eine blaue Linse. Kleine Hunde rasen hinter Tauben und Tennisbällen her. Alle Menschen außer den ganz kleinen tragen coole Sonnenbrillen. In Aci Castello könnte man glatt glauben, der Winter sei schon vorbei.

Geerntet werden die Früchte von Männern mit Scherenhänden

Der Blutorange – arancia rossa – jagt dieser Wechsel von warmen Tagen und kalten Nächten das süß-saftige Aroma unter die Haut. Damit die Minusgrade sie nicht beißen, stehen in den Zitrushainen hohe Masten mit dreschflegelartigen Propellern, die nachts die frostige Luft durchschlagen. Entlang der Straße nach Westen dehnen sich die Plantagen der immergrünen Bäume, aufgelockert vom Silbergrau der Oliven, dem rauen Spinatgrün der Artischocken und dem frischen Samt der Weizenfelder. In der großen Ebene wachsen auf 30.000 Hektar 90 Prozent aller Blutorangen weltweit.

Geerntet werden sie von Männern mit Scherenhänden, die ihr handtellergroßes Werkzeug mit einer Schlaufe am Mittelfinger befestigt haben und sich damit scheinbar mühelos durch die Wipfel schnipsen. Pro Mann und Tag sind es 100 Kilo Früchte. "Gespritzte Orangen halten sich zwei Wochen, unsere Bioorangen nur zehn Tage", sagt Alessandro Scuderi Matarazzo stolz. Der Präsident des Konsortiums zum Schutz der sizilianischen Blutorange ist Bauer und Chef zugleich: Sportcoupé, Sonnenbrille und Schnurrbartstrich, Windjacke und festes Schuhwerk. Prüfend geht er durch die Reihen der auf Bodenwellen gepflanzten Bäume. Orangen müssen im Sommer gegossen werden, aber es bekommt ihnen schlecht, mit den Wurzeln im Wasser zu stehen.

Entlang der Gräben türmen sich leere Kisten. Es ist sehr still, bis auf die Stimmen der Pflücker und die Geräusche, die ein paar Mobiltelefone von sich geben. Durch das tiefe Himmelsblau stiebt ein Schwarm Wasservögel zum nahen Lago die Lentini, schwenkt ab und kippt flitternd auf die helle Seite. Der strahlende Azur, nach dem man sich so lange verzehrt hat, erinnert daran, dass man seine Sonnenbrille zu Hause vergessen hat.

"Trinken Sie jeden Tag ein Glas Saft, und Sie werden hundert Jahre alt"

Auf Unkundige wirkt eine Orangenplantage wie ein streng geordnetes, aber unerforschliches grünes Dickicht, vollgehängt mit gelben Christbaumkugeln, die alle gleich aussehen. Dabei gibt es die arancia rossa in über einem Dutzend Varietäten, und jede Frucht entwickelt ein anderes Aroma, je nachdem, ob sie an der Süd- oder Nordseite des Baums hängt. Man muss sie also aufschneiden und kosten.

Alessandro Scuderi greift in die Vollen, halbiert eine Orange mit seinem kurzen, eckigen Messer, säbelt einen Schnitz samt Schale heraus und wirft den Rest ins Gras unter die Bäume. Das hier ist Tarocco, süß und rotblond gesprenkelt, jene Sanguinello: blutrot, süffiger Abgang, und diese hier Moro: noch roter, mit rassiger Säure. Die arancia rossa ist eine ehrliche Haut, nur mit Bienenwachs ummantelt, geschützt mit dem Siegel regionaler Herkunft. Sie ist der Ätna unter den Apfelsinen – wenn auch eher implodierend bis hinauf zu den Tränendrüsen. "Trinken Sie jeden Tag ein Glas Blutorangensaft und Sie werden hundert Jahre alt", sagt Signor Scuderi lächelnd und meint es ernst. Die meisten Sorten werden bis in den März gepflückt. Im April fangen sie wieder an zu blühen, und vom Ätna kommen Costa Sebastiano und andere Imker mit ihren Bienenvölkern, um ein paar Wochen lang reinen Blutorangenblütennektar einzufahren.

 

Eine Gasse in der Altstadt von Catania

Am südlichen Rand des Anbaugebietes zwischen Grammichele und Caltagirone liegt das ehemalige Weingut Valle dei Margi. Das Land ist heller und karger, aber der Ätna beherrscht weiterhin den östlichen Horizont. Wer hier Orangen anbaut und Touristen beherbergt, muss sich etwas einfallen lassen, denn 18 Hektar Zitrushain sind keine Landschaft zum Spazierengehen, sondern Monokultur, wenn auch eine recht hübsche. Die Familie La Rocca bietet ihren Gästen deshalb an, dem Weg der Orange zu folgen. Sie können bei der Ernte helfen, auf Leitern in die Wipfel steigen und die kleinen Sonnen in Körbe pflücken. Bevor die Sache in Arbeit ausartet, ist sie auch schon wieder vorbei. "Dann zünden wir ein Feuerchen an und packen die Vesper aus", sagt Pietro La Rocca, "Würste, Oliven, Pastete, Käse, Brot und Wein". Nach der Siesta können die Gäste in der kleinen hauseigenen Fabrik die Orangen sortieren und verpacken oder in der professionellen Marmeladenküche mitwirken. Die La Roccas planen, auch Likör und Zitronat herzustellen – ein Programm, das interessanter klingt, als am Pool zu lümmeln.

Wer von der arancia rossa auch danach nicht lassen will, kann einen Baum "adoptieren". In Italien funktioniert das schon; nun soll das Orangennetz bis nach Deutschland gespannt werden. Per Webcam können die Paten dann ihren Baum betrachten und zusehen, wie die Früchte reifen, von denen sie ein jährliches Deputat über 100 Kilo erhalten. Ist das nicht ein bisschen viel auf einmal, Signor La Rocca? Die Apfelsinen rollen ja nicht alle auf einmal an, sondern in 30-Kilo-Portionen. Ein Baum erfrischt so einen ganzen Freundeskreis.

Es ist Sonntag. Die sizilianischen Familien haben sich fein gemacht und kommen zum Mittagessen ins Valle dei Margi. Die Tische unter der geweißten Balkendecke füllen sich schnell. Leicht abgeschabte Binsenstühle, Korblampen, rote Tischdecken, ungestärkte Leinenservietten, Knoblauchduft. Drei kleine Mädchen erfinden mitten im Gewühl ein Spiel, und die Kellner schwingen auf ihrem Parcours durch enge Türen, über Stufen und Rampen um sie herum, nicht ohne jedes Mal eine freie Hand auf einen Kinderkopf zu legen.

Ein alter Herr in Mütze und Strickweste, der vor dem Essen in der Vorhalle saß und den man für den Hausmeister gehalten hatte, ist in Wirklichkeit ein pensionierter Postbote und Tenor. Jeden Sonntag tritt er im Restaurant auf, schreitet mit den Händen in den Hosentaschen und begleitet von einem Akkordeonspieler durch die Räume, Tellerklappern und Gläserklirren ignorierend, und schmettert Volkstümliches, zu dem die Gäste in den Refrain einstimmen. Es gibt Arancini, gefüllte Fleischbällchen, Caponata, eingelegtes Gemüse, Sülze und Oliven. Über die fette Wurst auf Spinat kann man ein wenig Saft aus der halben Blutorange am Tellerrand träufeln und ihr damit die Schwere nehmen. Beim Kaffee und den Mandelhörnchen ist der alte Herr am letzten Tisch und beim italienischen Pop der dreißiger Jahre angekommen – Parlami damore Mariù .

Zurück im deutschen Winter, dreht man die Taschen um und findet Sizilien: Orangenschale, ein Zuckertütchen, drei Piniennüsse und ein paar Aschekrümel vom Ätna.