Slobozia / Rumänien

Es ist ein trister Winter in der rumänischen Kleinstadt Slobozia, rund 120 Kilometer östlich von Bukarest. Die Straßen wirken grau und schmutzig, die Fassaden der Häuser erinnern an schäbige, abgetragene Winterkleidung. Wer es gut getroffen hat, geht hier mit knapp 300 Euro im Monat nach Hause. Es gibt keine großen Zukunftsperspektiven in der Kreisstadt, die von der Landwirtschaft im Umland lebt. Die größte Attraktion ist ein 54 Meter hoher Nachbau des Eiffelturms, der den lokalen Vergnügungspark schmückt.

In den rumänischen Medien ist derzeit viel die Rede von dem unscheinbaren Ort. Vier Männer stehen in Slobozia vor dem schmucklosen Regionalgericht. Die rumänische Ermittlungsbehörde gegen das Organisierte Verbrechen wirft ihnen Menschenhandel in 80 Fällen vor. Sie hätten Mädchen und junge Frauen mit Schönheitswettbewerben in ihre Modellagenturen gelockt, sie mit attraktiven Jobs und Fotoshootings im Westen geködert und anschließend ihre leichtgläubigen Opfer vor allem in italienischen und österreichischen Nobelbordellen in die Prostitution gedrängt. Einer der Hauptabnehmer der rumänischen Mädchenhändler, so behaupten die Ermittler, sei die Bordellkette Babylon gewesen, die in Wien, Salzburg und bei Klagenfurt Niederlassungen für eine exklusive Klientel betreibt. Auch zwei prominente Abgeordnete der oppositionellen Sozialdemokraten sind in den Skandal verwickelt. In 17 Fällen sollen die Opfer minderjährig gewesen sein, die Jüngste ist erst 15 Jahre alt. Curve politice, politische Huren, nennen die Fernsehsender ihre Sensationsberichte.

Ein Name, der sich in den Gerichtsakten findet, ist Nina. Nina heißt natürlich nicht so. Aber in dem Gewerbe, in dem sie für zweieinhalb Jahre in Österreich gestrandet war, sind Namen eine Frage der Fantasie.

Das versprochene Hotel entpuppt sich als Hintereingang zum Puff

Heute ist Nina 20 Jahre alt, eine zierliche, hübsche Frau mit langen schwarzen Haaren, die in Bukarest Journalismus studiert. Sie hat eine Therapie absolviert. Doch noch immer schläft sie kaum. Häufig suchen sie Panikanfälle heim. Sie hält es alleine nicht aus, leidet unter einem Hautausschlag. Sogar vor ihrem Vater habe sie sich geekelt, als sie aus der Fremde wieder heimgekehrt war.

Vor drei Jahren habe sie ihr Glück in der Agentur Star Models versucht, die in einem Bukarester Hotelkomplex, im Besitz eines sozialdemokratischen Abgeordneten, untergebracht war. Agenturchef Ion Valeriu Tamarjan alias Terra, heute der Hauptangeklagte in Slobozia, stellte ihr ein lukratives Engagement in Aussicht: Fotoaufnahmen in Wien. Was Nina nicht wusste, war, dass für den Mädchenvermittler das Ziel von Anfang an feststand: Seine jungen Schönheiten sollten an ihren Einsatzorten als Prostituierte anschaffen gehen. Bei einigen Frauen hieß es, sie müssten die Kosten, die für das Shooting angefallen waren, abarbeiten, anderen wurde ein Mentor in Aussicht gestellt, der ihnen eine rosige Zukunft garantieren würde. "Weißt du, was Sache ist?", bedrängte Tamarjan eine Zaudernde in einem Telefonat, das die Ermittler abgehört haben: "Die klügeren Mädchen tun das, was sie sollen, und nicht das, was sie wollen, verstehst du?"