Nein, dieser Text handelt nicht vom schönen Glamour, nicht von den Stars, die über zehn Berlinale-Tage hinweg ihre Marzipanfüßchen auf den roten Teppich setzen werden. Nicht von der Jurypräsidentin Isabella Rossellini , nicht vom Eröffnungsfilm der Coen-Brüder . Auch nicht von Seiner Königlichen Hoheit Colin Firth, der das Festival anlässlich der Vorführung von The King’s Speech besuchen wird und für diesen Film am 27. Februar hoffentlich den Darsteller-Oscar gewinnen wird.

Hier geht es um die schlichte Frage, was bleibt. Genauer: um die deutschen Filme, die sich bei dieser 61. Berlinale auf faszinierende und geradezu obsessive Weise mit Verstorbenen, Sterbenden und mit dem Verschwinden befassen. Vom Regiedebütanten bis zum altgedienten Autorenfilmer begeben sich die Regisseure quer durch die Sektionen des Festivals auf Spurensuche. Sie rekonstruieren Schicksale, tragen Bilder, Zeichen und Erinnerungen zusammen, suchen das Bleibende in der Vergänglichkeit. "Kino heißt, dem Tod bei der Arbeit zuzusehen", lautet ein berühmter Satz von Jean Cocteau. Auf der Berlinale wird er fast schon triumphal in sein Gegenteil verkehrt: Kino heißt, Verstorbene lebendig zu machen.

Etwa den deutschen Schriftsteller und politischen Aktivisten Bernward Vesper, der sich 1971 mit nur 32 Jahren mit einer Überdosis Schlaftabletten das Leben nahm. Der preisgekrönte Dokumentarfilmer Andres Veiel hat nun seinen ersten Spielfilm über Vesper gedreht, der mit dem RAF-Mitglied Gudrun Ensslin zusammenlebte und mit ihr einen Sohn bekam, bevor sie in den Untergrund ging. Schon in seinem Dokumentarfilm Die Überlebenden grub Veiel die Lebensläufe dreier Klassenkameraden um, die Selbstmord begingen. In Black Box BRD stellte er so kühn wie erkenntnisreich die Biografien des RAF-Terroristen Wolfgang Grams und des Bankiers Alfred Herrhausen gegenüber. Wer wenn nicht wir setzt diesen Ansatz der postumen Genealogie fort.

Andres Veiel erzählt zunächst einmal von Familienbeziehungen. Von Eltern, die während der Nazizeit widerständig dachten, aber nicht widerständig handelten, und deren Erbe nun von den Kindern auf verquere Weise fortgesetzt wird. August Diehl und Lena Lauzemis spielen Vesper und Ensslin denn auch als erwachsene Kinder, die zerrissen sind zwischen dem unterschwelligen Auftrag der vorherigen Generation und der Revolte dagegen. Obwohl sich Vesper und Ensslin umbrachten, versucht Veiel ihre Geschichte dem fatalistischen Sog des Ausgangs zu entziehen. Die Kunst dieses besessensten Spurensuchers unter den deutschen Regisseuren bestand schon immer darin, den biografischen Raum erst bis in die tiefste Tiefe auszuloten und ihn dann zu einem Panorama zu weiten, in dem Lebensgefühle, Familiengeschichten und die große Geschichte gleichermaßen Platz haben.

Bernward Vespers Leben lässt sich durch Bücher, Zeitzeugen, durch seinen autobiografischen Generationenroman Die Reise rekonstruieren. Wie aber soll ein Regisseur vorgehen, wenn der Gegenstand seiner filmischen Spurensuche der Inbegriff des Flüchtigen ist? So wie im neuen Film von Wim Wenders.

Pina heißt sein in 3-D gedrehtes Werk über die vor zwei Jahren verstorbene Choreografin Pina Bausch . Anhand von Ausschnitten aus Aufführungen und Erzählungen ihrer Mitarbeiter und Tänzer betreibt Wenders eine Annäherung an eine Künstlerin, die schon zeitlebens eine mythische Gestalt, eine Hohepriesterin und der Welt Enthobene zu sein schien. Kann man sich Pina Bausch an einer Tankstelle, beim Ausfüllen einer Steuererklärung oder vor einer Käsetheke vorstellen?

Wenders versucht gar nicht erst, den Menschen im Anekdotischen zu finden oder eine Künstlerbiografie nachzuzeichnen, sondern etwas viel Schwierigeres: eine Genealogie der tänzerischen Bewegung. Sein Film, der im Wettbewerb außer Konkurrenz läuft, blickt auf Bauschs Werk durch die Augen ihrer Weggefährten. Und er lässt sie den mal mäandernden und mal direkten, mal heiteren und mal schmerzlichen Weg von einem Gefühl zu seinem choreografischen Ausdruck schildern. Dabei nimmt sich Wenders die Freiheit, einzelne Tanzsequenzen nach draußen, in die Natur, in den öffentlichen Raum oder auch mal in die Schwebebahn von Wuppertal zu holen: Ein Tänzer tanzt sein Solo am Rande einer der riesigen Abbaugruben des Ruhrgebiets. Ein Paar küsst sich beim innigen Pas de deux auf einer Straßenkreuzung. Eine Tänzerin tippelt auf Spitzen vor einer Industrieruine. "Tanzt, tanzt, sonst sind wir verloren", lautet ein Satz von Bausch. Für diese Choreografin war Tanz ein Aufbäumen gegen das Nichts. Deshalb kann sie auf fast gespenstische Weise in den Bewegungen ihrer Tänzer weiterleben.