Wer ins Kloster Eberbach geht, sucht die Ruhe. Idyllisch inmitten von Wald und Weinhängen liegt die weitläufige Anlage nahe Eltville am Rhein. Ihre Geschichte reicht bis ins Jahr 1136 zurück, zu einem Abt und seinen zwölf Mönchen. Am 20. Januar dieses Jahres nehmen Vorstandschef Martin Blessing und die rund 500 Führungskräfte der Commerzbank die alten Räume in Beschlag. Sie suchen dort keine Erleuchtung, sondern den Erfolg im Hier und Heute.

Am Nachmittag stellt sich der Vorstand der Bank den Fragen einer Moderatorin. Wo man in einem Jahr stehe, will sie wissen. Michael Reuther, der Mann fürs Kapitalmarktgeschäft, schießt in seinem Sessel förmlich nach vorne: In einem Jahr habe man sich frisches Kapital beschafft und 50 Prozent der stillen Einlage des Bundes zurückgezahlt.

Ein Raunen geht durch den Raum. 50 Prozent! Es wäre ein erster, großer Schritt in die Freiheit.

18,2 Milliarden Euro Bargeld hat der Bund auf dem Höhepunkt der Finanzkrise in die Commerzbank gepumpt , mehr als in jede andere Bank einschließlich der maroden Hypo Real Estate. Die zweitgrößte deutsche Bank hat die Krise nur dank der staatlichen Stütze überlebt – und musste dafür einen hohen Preis bezahlen. Seit Berlin in Frankfurt etwas zu sagen hat, gibt es Obergrenzen für die Gehälter, gibt es Vertreter des Bundes im Aufsichtsrat, gibt es Auflagen der EU für das Geschäftsvolumen.

Auch die Regierung hat mit ihrem Investment keine Freude. 16,2 Milliarden Euro hält sie als Einlage, den Rest in Aktien. Auf die Einlage hat die Commerzbank bisher keine Zinsen gezahlt, die Aktien sind im Minus . Die Bankenrettung ist bisher ein Verlustgeschäft – während die Amerikaner ihre in der Krise erworbenen Beteiligungen bereits wieder mit Gewinn abgestoßen haben.

In diesem Jahr könnte sich nun entscheiden, wie viel die Steuerzahler von ihrem Geld wiedersehen – und ob die Commerzbank irgendwann wieder auf eigenen Füßen stehen kann.

Die Zwangsehe von Bund und Bank beginnt am 26. Dezember 2008. Ein Anruf auf dem Mobiltelefon unterbricht die Weihnachtsruhe von Bundesbankpräsident Axel Weber. Am Apparat: Martin Blessing. Er habe da einige Unterlagen zusammengestellt, so Blessing, ob man seine Bank übernehmen könne. Es sind dramatische Zeiten. Nur wenige Wochen zuvor ist das US-Investmenthaus Lehman Brothers zusammengebrochen, die Finanzwelt steht am Abgrund – und die Commerzbank, die die Dresdner Bank und mit ihr jede Menge riskanter Wertpapiere übernommen hat, ringt um ihre Existenz. Eine erste Kapitalspritze hat sie bereits erhalten, nach Blessings Anruf steigt der Bund mit 25 Prozent und einer Aktie ein. Seither gehört ein Teil der Commerzbank der Bundesrepublik Deutschland.

Bankenrettung ist bisher ein Verlustgeschäft

Zwei Jahre später ist die Beziehung schwer gestört. Längst empfinden die Banker den Staat als eine Kette, die sie behindert. Immer wieder kollidieren die Interessen der Manager, die frei und unternehmerisch entscheiden wollen, mit den Interessen der Politiker, die an die Steuermilliarden, die Wählerbefindlichkeiten und ihr Profil denken. Und immer wieder geht es dabei ums Geld.

Zum Beispiel im Fall Achim Kassow: Im Herbst 2010 steht der damals für das Privatkundengeschäft verantwortliche Vorstand unter Druck, die Zahlen seiner Sparte sind mau. Kassow, Blessing und Aufsichtsratschef Klaus-Peter Müller werden sich einig: Kassow geht, und er bekommt die Restlaufzeit seines Vertrags ausgezahlt. Es geht Insidern zufolge um einen siebenstelligen Betrag. Kassow habe sich bereits von seiner Sekretärin und seinem Fahrer verabschiedet. Da legt sich plötzlich der Aufsichtsrat, in dem zwei Vertreter des Bundes sitzen, quer: Millionenzahlungen gelten als politisch nicht vermittelbar, und so wird Kassow nach der Sitzung vor die Wahl gestellt. Er kann gehen – ohne Geld –, oder er bleibt Vorstand, nun mit Zuständigkeit für Osteuropa. Kassow bleibt. Und die Führung ist düpiert.

Auch beim Thema Spitzengehälter hakt es: Laut Unterstützungsvertrag mit dem Bund muss die Bank die Gehälter ihrer Vorstände auf 500.000 Euro pro Jahr begrenzen . Blessing und seine Kollegen haben das akzeptiert. Als dann im Oktober 2010 bekannt wird, dass es im Haus 35 andere Banker gibt, die mehr verdienen, ist die öffentliche Aufregung groß. Aus Sicht der Commerzbank muss sie diese Bezüge zahlen, um hart umkämpfte Spezialisten zu halten. Wer wolle, dass die Bank in die Gewinnzone komme, müsse solche Gehälter akzeptieren. Für die Bank geht es ums Geschäft, für die Politik ums Prinzip. In einem zweiseitigen Brief an Volker Kauder, den Chef der Unionsfraktion im Bundestag, wirbt Blessing vergeblich um Verständnis.

Als die Koalition kurz darauf das Restrukturierungsgesetz für Banken verabschiedet, findet sich darin ein Passus, der für die Commerzbank zur Folge hat, dass sie keinem Mitarbeiter mehr als 500.000 Euro im Jahr zahlen darf. Die Grenze darf erst überschritten werden, wenn die staatliche Kapitalspritze voll verzinst wird oder mindestens die Hälfte der Rekapitalisierung zurückgezahlt worden ist – ein Grund mehr, warum Reuthers Ankündigung bei der Führungskräftetagung so gut ankommt.

Neuer Ärger droht bereits. Als Belohnung für ihr Engagement will der Konzern vielen Tausend Mitarbeitern für das Jahr 2010 demnächst Sonderzahlungen spendieren: dem Abteilungsleiter etwa, der sich mit viel Einsatz um seine Kunden kümmert, oder dem IT-Spezialisten, der seit Monaten ackert, damit an Ostern der geplante Transfer von Milliarden Kundendaten der Dresdner Bank auf die Systeme der Commerzbank erfolgreich verläuft. In Summe geht es dabei um einen nennenswerten dreistelligen Millionenbetrag.

Im Fall der Hypo Real Estate reichten jüngst Sonderzahlungen in Höhe von 25 Millionen Euro für 1400 Mitarbeiter, um einen politischen Sturm zu entfachen. Dass die Commerzbank bei der Integration der Dresdner Bank schneller vorankommt als geplant, wird die Politik im Zweifel nicht interessieren – genauso wie die Tatsache, dass ihr Vergütungsmodell, das auch solche variablen Leistungen umfasst, mit dem Bund abgestimmt ist.

Ins operative Geschäft hat sich der Staat bislang nicht eingemischt. Ein einziges Mal erst wurde Blessing vor das geheim tagende parlamentarische Aufsichtsgremium in Berlin zitiert, welches die Verwendung der Bundesmilliarden überwacht. Bei der Rettung verzichtete die Regierung sogar auf Einflussmöglichkeiten. Hätte sie sich mit dem vollen Betrag in Form von Aktien engagiert, hätte sie die Kontrollmehrheit erlangt.

Die Commerzbank will frei entscheiden können

Diese Milde ist aber auch der Tatsache geschuldet, dass Blessings Vision für die Bank ganz nach Berlins Geschmack ist: Der Fokus liegt auf Deutschland, auf Privatkunden und Firmen, die Investmentbanker beschränken sich darauf, deutsche Unternehmen auf dem Weg ins Ausland oder an die Kapitalmärkte zu begleiten. Weite Teile der Finanzwelt sind für Commerzbanker tabu. Das lukrative Geschäft mit Anleiheemissionen in Schwellenländern etwa betreuen in der Zentrale nur drei Mitarbeiter. Mehr sei von der Führung der Bank strategisch nicht erwünscht, heißt es. Auch im Geschäft mit Fusionen und Übernahmen hat die Commerzbank nicht viel zu melden. Zudem soll das Bilanzvolumen auf 600 Milliarden Euro sinken, nach dem Verkauf der Immobilientochter Eurohypo. Blessings Bank wäre am Ende so groß wie vor dem Zusammenschluss mit der Dresdner.

Für das Land mag das eine gute Sache sein, weil damit ein Teil der massiven Überkapazitäten im Finanzsektor abgebaut wird. Die übrigen Aktionäre der Bank aber interessieren sich nicht für das Gemeinwohl, sondern für den Gewinn, und sie sehen, wie die Commerzbank schrumpft, während andere expandieren. Die Deutsche Bank und ihre Kapitalmarktspezialisten etwa setzen voll auf Asien, Lateinamerika, selbst Afrika.

Die Commerzbank will frei entscheiden können, wo sie wieder wächst. Die Bank will wieder ganz Bank sein, der Staat soll raus. Der Weg in die Freiheit, so sieht man es in der Zentrale in Frankfurt, führt über die Ablösung der Einlage, die das Institut wegen der drohenden Zinszahlungen besonders belastet. Danach könnte der Bund sein Aktienpaket verkaufen.

Das Problem: Um sich loszukaufen, braucht die Commerzbank Geld. Und zwar mehr, als sie selbst hat. Durch eigene Mittel lasse sich nur ein "Bruchteil der Stillen Einlage ablösen", so das Ergebnis eines vertraulichen Gutachtens für die Bundesregierung, das ein vom Finanzministerium berufener Expertenrat unter Leitung des renommierten Bonner Wirtschaftsrechtlers Daniel Zimmer erstellt hat und dessen abschließender Entwurf der ZEIT vorliegt. Den Fachleuten zufolge kann die Commerzbank – ohne mit den verschärften neuen Eigenkapitalvorschriften in Konflikt zu geraten – drei Milliarden Euro aufbringen, indem sie ihr pralles Kapitalpolster etwas reduziert. Dazu komme bis 2013 ein "niedriger einstelliger Milliardenbetrag" aus anfallenden Gewinnen.

Den Rest der Summe muss sich die Bank am Markt besorgen – durch die Ausgabe von Aktien. Je niedriger jedoch der Aktienkurs, desto mehr Aktien muss sie platzieren, um den benötigten Betrag einzusammeln. Das Geschäftsmodell ermögliche dem Haus zwar "grundsätzlich eine profitable Geschäftstätigkeit", so das Urteil des Rats, sie müsse aber den Anlegern eine "schlüssige Gesamtstrategie" vermitteln. Soll heißen: Sie muss zeigen, dass sie auch in der Breite wieder Gewinne erzielen kann, nicht nur wie zuletzt vor allem im Mittelstandsgeschäft, wo die Konkurrenz immer größer wird.

Vor allem auf die Privatkundensparte kommt es nun an. Dort hat die Bank 2010 am Ende vielleicht 100 Millionen Euro verdient. Viel zu wenig bei 14 Millionen Privatkunden, viel zu wenig vor allem, um Investoren zu überzeugen. Eine Milliarde Euro sollen es daher 2012 sein.

Wie sehr die Zeit drängt, zeigt sich daran, dass Blessing seinen alten Weggefährten Kassow abgelöst hat, bevor die Integration der Dresdner abgeschlossen ist. Martin Zielke, der Neue, gilt als stiller Typ, als analytischer Kopf, immer interessiert, Abläufe zu optimieren, zugleich fähig, auf Arbeitnehmer zuzugehen. Kurz nach Amtsantritt hat er sich Michael Mandel an die Seite geholt. Gemeinsam mit Blessing haben die beiden das Privatkundengeschäft vor Jahren schon einmal nach vorne gebracht, nun sollen sie diese Erfolgsgeschichte wiederholen. Das Filialgeschäft hat Zielke bereits enger an sich gezogen: So berichten die Regionalchefs nun direkt an den Spartenvorstand statt wie unter Kassow nur an ein Stabsmitglied. Der nächste Schritt dürften Kostensenkungen sein.

Die Zeit drängt

Michael Bonacker, der Strategiechef, widmet derweil vor allem dem Projekt Kapitalerhöhung seine Kraft. Mindestens vier, besser aber fünf oder sechs Milliarden Euro müsse die Bank im ersten Schritt am Kapitalmarkt besorgen, sagen Kenner. Möglichst schon im zweiten Quartal solle es geschehen. Es wäre ein Kraftakt, angesichts eines Marktwerts der Bank von nur sieben Milliarden Euro.

Eine Kapitalerhöhung sollte "so bald wie möglich" erfolgen, so auch die Experten um Zimmer. Für den Fall, dass dabei aber nicht genug in die Kasse kommt, bringen sie eine zweite Variante ins Spiel: Der Bund wandelt die stille Einlage ganz in Aktien um, die er dann weiterverkauft. Sein Anteil an der Bank steige dadurch auf bis zu 79 Prozent.

Brisant ist dieser Weg, weil die Gutachter dem Bund empfehlen, "sehr ernsthaft zu prüfen", in diesem Fall das gesamte Aktienpaket zu veräußern – und zwar an einen "strategischen Investor, der bereit wäre, für die mit einem sehr großen Anteil einhergehenden Kontrollmöglichkeiten einen Aufpreis zu bezahlen". Wer immer zuschlägt, hätte bei der Bank das Sagen. "Abgesehen davon, dass die Kontrollprämie im fiskalischen Interesse liegt, hätte diese Variante auch den Vorteil, dass die Beteiligung auf einmal verkauft würde", heißt es im Gutachten. Als erste Kandidaten werden in Finanzkreisen spanische und chinesische Banken gehandelt. Vor drei Jahren wollte sich die China Development Bank bereits die Dresdner Bank sichern, die dann an Blessing ging. Doch eine Commerzbank in den Händen Pekings? Für die Berliner Politik ist das Szenario alles andere als angenehm.

Martin Blessing wird es aus eigener Kraft schaffen wollen. Er ist Spross einer ruhmreichen Bankerfamilie, ein Mann mit großem Ehrgeiz und der im Zweifel nötigen Härte. Die schwarzen Zahlen hat er für seine Bank bereits erreicht, auf der Bilanzpressekonferenz in zwei Wochen wird er für 2010 einen Gewinn verkünden. "Der will das jetzt unbedingt zum Erfolg führen", sagt jemand, der ihn kennt. "Sind Sie Ende des Jahres noch Vorstandschef?", fragte die Moderatorin Blessing – dessen Vertrag Ende Oktober ausläuft – während des Treffens im Kloster Eberbach. Seine knappe Antwort: "Ja."