Das Aspirin der Römer war eklig. Gegen Kopfschmerz empfahl der Universalgelehrte Plinius im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung »abgeschnittene Köpfe von Schnecken, die man nackt und noch nicht fertig ausgebildet findet«. Auch bei schmerzhaftem Harndrang riet er zu Weichtieren: »Nachdem man drei Schnecken aus den Schalen genommen und zerquetscht hat, trinkt man sie in einem Schöpfbecher Wein.«

Nicht überliefert ist, wie oft die Römer nach durchzechter Nacht zur Schnecke griffen – und ob das wirkte. Gewiss ist hingegen, dass es damals wie heute Anlass genug gab. Oder wie es der Barockdichter Andreas Gryphius im Gedicht Menschliches Elende ausdrückte: »Was sind wir menschen doch? Ein wohnhaus grimmer schmertzen.«

Und mancher Rätsel. Denn während bei sichtbaren Verletzungen der Auslöser eines Schmerzes – schon für die ersten Menschen – unstrittig gewesen sein dürfte, plagten innere Schmerzen die Menschheit doppelt: Erstens tat es weh, zweitens quälte die Frage nach der Ursache. Aus frühen Hochkulturen ist die bange Vermutung überliefert: Hier mussten Dämonen am Werk sein! Die Ägypter fürchteten etwa, dass ihnen in der Nacht Geister in die Nase kröchen und das Gesicht von innen umkrempelten. Zauberer wurden gebeten, den Dämonen zu drohen. Waren keine Zauberer da, mussten es Gebete tun. Auch bei den Griechen, Indern und Juden herrschte die Auffassung, Krankheit und Schmerz seien das Werk höherer Mächte. Welche die Menschen damit straften.

Die Naturphilosophen der Antike spekulierten in eine andere Richtung. Demokrit von Abdera verfolgte Mitte des 5. Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung die Idee, dass Schmerz die Folge einer Störung der harmonischen Verhältnisse der Körperatome sein müsse. In den hippokratischen Schriften tauchten dann die vier Körpersäfte Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle auf. Stünden diese im richtigen Mischungsverhältnis, gehe es dem Menschen gut. Staue sich ein Saft irgendwo im Körper oder sei eine Stelle saftarm, schmerze es.

Der Arzt Galen aus Pergamon (130 bis 200 nach Christus) war der bekannteste Vertreter der Säftelehre. Um sie wieder ins Gleichgewicht zu bringen, empfahl er ein Wellness-Paket: Entschlackung, Lockerung verkrampften Gewebes und Entspannung. Die Idee einer gestörten Körperharmonie als Ursache für Schmerzen sollte unter den Gelehrten bis in die frühe Neuzeit in vielen Variationen vorherrschen. Eine plausible, aber unwirksame Therapie: der Aderlass. Das Abzapfen von Blut sollte die Mischung der Körpersäfte regulieren.

Zu allen Zeiten experimentierten die Heiler aber auch mit chemischen Nothelfern. Galen reichte einen Schluck verdünnten Saftes aus Stinklattich, einem Verwandten des Kopfsalats. Im Mittelalter standen die Nachtschattengewächse hoch im Kurs. Und dann war da von jeher noch die Königin der Schmerzmittel, das Opium. Schon in der Steinzeit kam Schlafmohn in Europa als Kulturpflanze vor. Und vom Einsatz des daraus gewonnenen Opiums zeugen antike Quellen.

Die pharmazeutische Formelsammlung Antidotarium Nicolai, aus der Mitte des 12. Jahrhunderts, listete unter 140 Präparaten nicht weniger als 29 Opium-Elixiere auf, schreibt Franz-Josef Kuhlen in einer Abhandlung Zur Geschichte der Schmerz-, Schlaf- und Betäubungsmittel . Doch mit den Schmerzmitteln ging wie immer der übermäßige Gebrauch einher. »Mag der Schlafmittelgebrauch vielleicht niedriger als heute gewesen sein«, schreibt Kuhlen, »so dürfte der Usus aber auch der Abusus von Schmerzmitteln kaum geringeren Umfang gehabt haben.«

Aristoteles: Wer schmerzen klaglos erträgt, beweist Mut

Was sich wesentlich von der Gegenwart unterschied, war der weit verbreitete Appell an das Erdulden der Pein: Der heidnische Aristoteles (4. Jahrhundert vor Christus) argumentierte in der Nikomachischen Ethik, wer Schmerzen klaglos ertrage, beweise Mut. Kirchenvater Augustinus pries Anfang des 5. Jahrhunderts den Glauben als einziges Trostpflaster an. Der gefolterte Heiland, die Martyrien der ersten Christen, aber auch der Schmerz als Quittung für die Erbsünde (»Du sollst mit Schmerzen Kinder gebären!«) – im an Leidensmetaphorik überreichen Christentum gedieh die Idee von körperlichem Leiden als göttlicher Strafe. Hatte nicht jeder sein Kreuz zu tragen? Und sei es in Form von Kreuzschmerzen. 

Die nüchterne Erkundung des Phänomens hat dies nicht eben befördert. Bis weit ins Mittelalter hinein fand der Schmerz keinen rechten Ort zwischen Körper und Seele. Auch sprachlich nicht. Wie unser deutsches Wort Schmerz, so bezeichnet auch sein indogermanischer Ursprung [s]merd (von aufreiben, zermürben) sowohl körperliche als auch seelische Unbill.

Es war René Descartes (1596 bis 1650), der als Erster einen Zusammenhang vorschlug. Die Idee des französischen Philosophen: In der Peripherie reißt ein starker Reiz das Nervenende ab, dieses Signal wird über die Nerven in das Gehirn geleitet. Dort, in der Zirbeldrüse – gleichsam dem Relais zwischen Körper und Geist –, wird die Irritation verarbeitet und klopft dann schließlich an die Wohnstube der Seele. Was vorher als Omen böser Dämonen oder als göttliche Strafe galt, wurde plötzlich weltlich-analytisch betrachtet. Der Schmerz als Zeichen der Gefahr, als Wegweiser für den Arzt – und als eine Unbill, gegen die man auch mit Medikamenten angehen durfte, ohne himmlischen Zorn auf sich zu lenken.

Anfang des 19. Jahrhunderts verabschiedete sich der Anatom Johannes Peter Müller endgültig von der naturphilosophischen Erklärung: Die Nerven versorgten den Körper mit Reaktionen auf mechanische und thermische, chemische und elektrische Einwirkungen, erklärte Müller. Das Gehirn interpretiere diesen Strom an Umweltinformationen – und mache daraus den Schmerz. 

Es war das Jahrhundert der Entdeckung potenter Schmerzmittel: Im Jahr 1804 stieß der deutsche Apotheker Wilhelm Sertürner auf das Morphin. 1867 führte das Massachusetts General Hospital die erste Äther-Narkose der Welt durch. In Boston wurde dem Stoff ein Denkmal gesetzt. Die Inschrift: »Es darf keinen Schmerz mehr geben«. 1897 synthetisierte Bayer in Wuppertal-Elberfeld zum ersten Mal reine Acetysalicylsäure. Das Allheilmittel Aspirin war geboren. In der Mitte des 20. Jahrhunderts kam das Paracetamol als zweites großes Alltagsschmerzmittel auf den Markt. Viele potente Medikamente folgten. »In den sechziger, siebziger, achtziger Jahren glaubte man, Schmerz sei kein Problem mehr«, sagt Hartmut Göbel, Leiter der Kieler Schmerzklinik .

Doch Schmerzpatienten füllten weiterhin die Wartezimmer. Langsam dämmert den Medizinern, dass die Betrachtung des Schmerzes als Phänomen der Körperchemie zu eindimensional ist. Seit den neunziger Jahren ziehen Schmerztherapeuten den Zirkelschluss: Der Geist wirke auf den Körper zurück. Manches, was die Altvorderen vor Jahrtausenden rieten – Entspannung, Stressbekämpfung und ausgewogenes Leben –, findet sich allmählich im Repertoire heutiger Therapeuten wieder.

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