Der Flur ist mit grauem Teppich ausgelegt, die Beleuchtung strahlt indirekt. Das Ambiente erinnert eher an ein Hotel. »Das ist Absicht«, sagt der Leiter der Klinik, Hartmut Göbel , »die Menschen sollen wissen, dass sie hier nicht wie in einem Krankenhaus passiv im Bett liegen können – sondern mitarbeiten müssen, sich bewegen.« Wenn der Arzt und Diplompsychologe spricht, ruhig, konzentriert und pointiert, dann stechen einzelne Sätze wie Nadeln hervor. Schmerzmittel sei eigentlich gar nicht mehr das richtige Wort, es seien Lebensmittel.

Tatsächlich geben die Deutschen für rezeptfrei verfügbare Analgetika jährlich rund 900 Millionen Euro aus. 10 der 20 am häufigsten frei verkäuflichen Arzneien sind Schmerzmittel: Acetylsalicylsäure, Diclofenac, Ibuprofen, Naproxen, Paracetamol und ihre Kombinationspräparate. Zwar stagniert der Absatz von Paracetamol, dafür steigt der von Ibuprofen und Diclofenac.

Eine Tablette, wenn die Regelblutung einsetzt, oder eine gegen die gelegentliche Migräne? Für viele in der Kieler Schmerzklinik stand eine regelmäßig geschluckte Paracetamol am Anfang ihrer Schmerzkarriere. Bei Frank Ohlhagen aus Lüneburg, einem 40-jährigen kräftigen Malermeister mit Henriquatre-Bart, steckte der Wirkstoff im Schmerzmittelklassiker Thomapyrin (Inhaltsstoffe: Acetylsalicylsäure, Paracetamol und Koffein). Schließlich landete er bei den rezeptpflichtigen Triptanen – »an mehr als 20 Tagen im Monat«. Dabei gilt als goldene Regel: nicht mehr als zehn Tage pro Monat mit Schmerzmittel. Doch die findet sich bei keinem der populären Präparate auf dem Beipackzettel wieder. Der Übergang zum Missbrauch, zur Sucht ist fließend.

Auf der sicheren Seite sind aber auch jene Patienten nicht, die ihren Schmerzmittelkonsum unter Kontrolle halten. Selbst jene, die nur gelegentlich Kopf-, Gelenk- oder Rückenschmerzen plagen, gehen beim Griff zur Tablette ein Risiko ein. Laien ist vielleicht noch bekannt, dass Acetylsalicylsäure Magenblutungen auslösen kann und bei hohen Dosen Paracetamol Leberschäden drohen. Doch immer wieder zeigen Studien, dass frei verkäufliche Analgetika gefährlich sein können – selbst bei Gebrauch gemäß Beipackzettel.

Erst Mitte Januar hat das Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern eine Metaanalyse von insgesamt 31 Studien zu Nebenwirkungen häufig gebrauchter Medikamente vorgelegt. Darunter waren die Wirkstoffe Diclofenac, Ibuprofen und Naproxen. Die Autoren um Peter Jüni haben die Risiken für Herzinfarkt und Schlaganfall untersucht. Bei 11.429 Patienten fanden sie 554 Herzinfarkte und 377 Schlaganfälle. Im British Medical Journal präsentierten die Wissenschaftler ihre Ergebnisse mit kühler Statistik und Sätzen voller Abwägungen. Auf Nachfrage wird Jüni sofort deutlicher: »Es ist höchst wahrscheinlich, dass die Medikamente das Risiko für einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall um den Faktor zwei bis vier erhöhen. Das ist beträchtlich!« – besonders für ältere Menschen mit vorgeschädigten Blutgefäßen kann das eine Gefahr bedeuten.

Ein weit verbreitetes Präparat fehlt in der Metaanalyse. Es ist die Nummer zwei aller in der Apotheke frei verkauften Medikamente (nach einem Nasenspray): Paracetamol. »Das Schlimme ist: Es ist nicht nur eine sehr gefährliche Substanz, sondern sie gilt als besonders harmlos«, sagt Kay Brune, Pharmakologe und Toxikologe an der Universität Erlangen-Nürnberg . Er verweist auf eine Studie im Fachjournal The Journal of the American Medical Association von US-Medizinern der Universität von North Carolina in Chapel Hill. Sie hatten junge Paracetamol-Konsumenten untersucht und in 27 Prozent der Fälle Zeichen von reversiblen Leberschäden gefunden – obwohl keiner die zugelassene Dosierung überschritten hatte. Brune beobachtet die Nachrichtenlage mit Sorge: »Es gab unendlich viele Einzelfall- und Gruppenmeldungen, dass es auch bei erlaubter Dosierung zu akutem Leberversagen kommt.« Das gilt erst recht, wenn jemand mehr als zehn Gramm Paracetamol auf einmal schluckt, die rezeptfrei erhältliche Menge. Bundesweit registrierte die Mainzer Giftnotrufzentrale zwischen 1995 und 2002 mehr als 4000 Paracetamol-Vergiftungen als Folge von Selbstmordversuchen. Am Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte entschied daher der zuständige Sachverständigenausschuss, dass Apotheken von April vergangenen Jahres an nur noch maximal zehn Gramm Paracetamol pro Packung an Kunden ohne Rezept abgeben dürfen. Einer der Sachverständigen war Brune. Er hatte fünf Gramm als Höchstgrenze gefordert – die drei Vertreter der Industrie im Gremium stimmten dagegen.

Es ist paradox: Weil Paracetamol – wie auch Aspirin – aus der Frühzeit synthetischer Arzneimittel stammt, durchlief es nur Tests, die im Vergleich zum heutigen Zulassungsprozedere wie ein Witz wirken. So fand Peter Jüni für Paracetamol nicht genug aussagekräftige Untersuchungen über Nebenwirkungen. Das sei schon deshalb so, weil der Patentschutz lange abgelaufen ist und aufwändige Nachforschungen sich für die Hersteller nicht rechnen. Dafür aber läuft bereits seit Jahrzehnten der Test qua Massengebrauch.