Beunruhigende neue Hinweise über potenzielle Gefahren in der Fachliteratur änderten bislang nichts am Alltagskonsum. Immer wieder tauchte in den vergangenen Jahren der Verdacht auf, dass Paracetamol, während der Schwangerschaft eingenommen (oder direkt an kleine Kinder gegeben), zu Asthma führt. »Die verfügbaren Daten rechtfertigen eine Warnung der Bevölkerung vor unkritischer Einnahme«, fassten Forscher aus Osnabrück 2009 in der Fachzeitschrift Current Allergy Asthma Report zusammen. Und im vergangenen November stellte eine Studie aus Århus in Dänemark an über 47000 Neugeborenen einen Zusammenhang her zwischen der Paracetamol-Einnahme über vier Wochen in den ersten sechs Monaten der Schwangerschaft und 980 Fällen von Hodenhochstand. Dieser kann im späteren Leben zur Zeugungsunfähigkeit führen. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam eine Studie aus Dänemark, Finnland und Frankreich. Frauen, die Paracetamol und Ibuprofen einnahmen, erhöhten das Risiko sogar um das siebenfache. Schmerzarzt Göbel sagt, er könne inzwischen keiner Schwangeren mehr zu Paracetamol raten. In den Behandlungsleitlinien der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft wird dies noch empfohlen.

Die Zahl der kritischen Studien und Expertenwarnungen wächst. Nur langsam werden die Pharmakontrolleure hellhörig. So prüft das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) zusammen mit der Europäischen Arzneimittelagentur die neuen »Signale«. Die US-Arzneimittelbehörde FDA beabsichtigt, die erlaubte Höchstmenge von Paracetamol pro Tablette auf 325 Milligramm zu senken. Und das Bundesgesundheitsministerium in Berlin teilt mit, in »absehbarer Zeit« solle die Arzneimittelverschreibungsverordnung im Hinblick auf entzündungshemmende Schmerzmittel geändert werden. Das BfArM lege entsprechende Konzepte in den nächsten Wochen vor.

Eine Grundsatzfrage wird von den Aufsichtsbehörden bislang noch nicht gestellt: Wäre es nicht klüger, wenn Schmerzmittel mit ihren Nebenwirkungen und ihrem Suchtrisiko der Verschreibungspflicht unterlägen? Kritiker Brune wäre sofort dafür. »Ja, das denke ich«, antwortet auch Jüni (obwohl er das gelegentliche Schlucken eines Analgetikums für unproblematisch hält). Aber es scheint wenig praktikabel, dass demnächst Menschenmassen zum Arzt pilgern, nur weil sie Kopfschmerzen haben.

So bleibt nur, deutlicher als bisher auf die Gefahren eines leichtsinnigen Schmerzmittelkonsums hinzuweisen. Über Jahrzehnte haben sich Acetylsalicylsäure, Paracetamol und Co. als harmlose Alltagshelfer etabliert. Das hat zu der Erwartungshaltung »Schmerzfrei, sofort!« geführt. Ein Irrweg, findet Hartmut Göbel. »Von unseren Patienten verlangen wir sechs bis acht Wochen Schmerzmittelpause, und das schaffen die auch.« Schmerzen müsse man auch einmal aushalten können. Nur wollten viele Menschen das eben nicht mehr, ob im Sport, in der Freizeit oder im Job. Im Rahmen der Umfrage Gläserne Schule fand Göbel heraus, dass bis zu 40 Prozent aller Schüler in Schleswig-Holstein über Kopfschmerzen klagten – und Schmerzmittel einnahmen. Kay Brune hat die Läufer des Bonn-Marathons befragt und herausgefunden, dass zwei Drittel bereits vor dem Start Schmerzmittel eingeworfen hatten.

Sind wir ein Volk von Jammerern geworden? Das wohl nicht, aber im Schmerzempfinden einer Nation spiegeln sich die kulturellen Eigenarten. So ließ der Düsseldorfer Ethnomediziner Norbert Kohnen philippinische Fischer eine Liste von 54 Krankheiten nach dem Grad der Schmerzen sortieren, die diese damit verbanden. An die erste Stelle setzten sie Lepra, erst an die 39. Verbrennungen. Die Aussicht, als Aussätziger von der Familie verstoßen zu werden, erschien ihnen schmerzhafter als das Beißen einer Brandwunde. Kohnens ethnologischer Kollege Thomas Ots sah sich in chinesischen Ambulatorien um. Dort klagten die Patienten im Durchschnitt über 5,4 verschiedene Beschwerden, 44 Prozent waren schmerzhaft. Deutsche Patienten trugen hingegen im Schnitt 1,3 Beschwerden vor – in 84 Prozent der Fälle war das Hauptsymptom Schmerzen.