»Wir haben hier Patienten, die bis zu 30 Thomapyrin am Tag eingenommen haben«, sagt Hartmut Göbel. Eine Weile halte der Körper das aus. Dann stellen sich Nebenwirkungen ein: Depressionen, Magen-Darm-Störungen, Leberprobleme. »Bis dann Leute mit 35, 40 Jahren nicht mehr können.«

Anne M., die angehende Anästhesistin, war auf dem Weg dorthin. Neugierig, aufgeschlossen ist sie, aber auch ehrgeizig und oft perfektionistisch – ein häufiges Muster unter Schmerzmittelopfern. »Alles, was ich mache, muss Hand und Fuß haben«, sagt auch der junge Malermeister aus Lüneburg, »das wird bis zum Ende durchgezogen, egal, was kommt.« Mühsam musste er begreifen, wie kontraproduktiv das bei seiner genetischen Veranlagung zur Migräne war. Der Versuch, den Schmerz zu unterdrücken, war zum Scheitern verurteilt. »Es ist ganz klar, dass ich süchtig bin«, sagt die 60-jährige IT-Fachfrau Monika Schmidt, »wenn ich keine Tabletten bei mir habe, fühle ich mich total unsicher und kriege Angst.«

Am Anfang der Therapie steht in der Kieler Klinik darum die Entwöhnung, das heißt für viele: drei Tage lang irrsinnige Kopfschmerzen und durchwachte Nächte. Danach lernen die Patienten binnen zwei Wochen, wie sich Schmerzen ohne Tabletten besser bekämpfen lassen.

»Der Schmerz ist ein Erlebnis mit verschiedenen Dimensionen«, sagt Göbel, »kein elektrischer Strom im Nerv, nichts, wo man nur die Sicherung wieder reindrehen muss, und alles ist in Ordnung.« Genauso wie es ein Seh- oder ein Hörsystem gebe, hätten wir ein Sinnessystem für den Schmerz selbst. Dieses System wird längst nicht so eingleisig reguliert, wie es der französische Philosoph René Descartes einst annahm. Vielmehr wirkt das Bewusstsein zurück auf die Physis. Das Gehirn empfängt nicht nur Sinnesreize, es reguliert sie auch . »Die psychische Komponente hat einen ganz großen Stellenwert in der Schmerzwahrnehmung und -verarbeitung«, erklärt Göbel. Ängste, Depressionen, Motivation, das Verhalten, die Persönlichkeit, all diese Facetten spielten eine Rolle. Bei der Therapie gehe es darum, die richtige Balance wiederherzustellen.

Nach diesem Konzept, entwickelt in Kiel, arbeiten mittlerweile 400 Arztpraxen im ganzen Bundesgebiet. Auch sie bieten die Therapie für Schmerzgeplagte an – und erhalten Prämien von den Krankenkassen, wenn ihre Patienten deutlich seltener arbeitsunfähig geschrieben werden (was wiederum die Solidargemeinschaft entlastet). Das Programm ist äußerst erfolgreich: 87 Prozent der Praxen konnten den Bonus einstreichen. »Wir müssen den Leuten vermitteln, wie sie den Schmerz vermeiden«, sagt Hartmut Göbel, »und nicht, wie sie ihm mit einer Schmerztablette hinterherlaufen.«

Das gelingt nur mit einem veränderten Lebensstil: Nicht mehr ständig Tabletten, um noch schneller, höher, weiter zu kommen. So hat Malermeister Frank Ohlhagen seinen Betrieb umgestellt, Aufgaben delegiert, sich eine Rückzugsmöglichkeit geschaffen. Auch Anne M. geht es besser. Früher habe sie nach einer Migräneattacke sofort alles Versäumte nachgearbeitet: waschen, aufräumen, Papierkram. »Hier lernt man, dass man auch das nachholen muss, was an Positivem liegen geblieben ist« – künftig wolle sie sich häufiger verabreden und mal wieder ins Kino gehen.

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