Sie sind das Schreckgespenst des Nahen Ostens: die Muslim-Brüder. Ägyptens Ex-Herrscher Hosni Mubarak hat Amerika immer gewarnt: Wenn er nicht bleibe, kämen die Islamisten. Vizepräsident Omar Suleiman traf sich mit der verbotenen islamistischen Bewegung und schenkte ihr den Auftritt im Staatsfernsehen. »Seht her, sie kommen der Macht näher!«, war die Botschaft. Regimepropagandisten malen eifrig am Bild von der islamistischen Gefahr. Keine andere Begründung für den Erhalt der angeschlagenen Diktatur wirkt so überzeugend. So soll das Gespenst das Regime retten.

Die Propaganda wirkt. Im Westen ist die Begeisterung über die Aufstände in Ägypten, Jordanien, Jemen und den Nachbarländern verhalten. Selbst gegen die säkulare Revolution in Tunesien gibt es Vorbehalte. Da können die Demonstranten noch so oft nach Freiheit und Demokratie rufen. Da kann die Zahl der Bärtigen und Moralprediger eine Minderheit der protestierenden Bürger sein. Erinnerungen werden wach. An die iranische Revolution, die harmlos begann und dann im islamistischen Putsch versank. An den Wahlsieg der Islamisten in Algerien 1991. An die kühl kalkulierte Machtübernahme von Hamas in Gaza. Hier in Ägypten, im Kessel von Kairo, wirken diese Szenarien fern. Niemand weiß mit Sicherheit, ob das so bleibt. Wie stark sind die Muslim-Brüder wirklich? Was wollen sie? Und warum halten sie sich bisher so zurück in der Revolte?

Beim gläubigen Arzt muss man kein Bestechungsgeld zahlen

Ein Hauptquartier des islamistischen Protests liegt unweit der US-Botschaft im Kairoer Zentrum: das Haus des Ärzteverbandes in der Kasr-al-Aini-Straße. Dort steht der Schreibtisch von Issam al-Erian. Ein Arzt mit randloser Brille, kurz gestutztem Bart und offenen braunen Augen. Er war lange Zeit Schatzmeister der Muslim-Brüder, vor kurzem ist er in den Vorstand aufgestiegen. Nebenbei empfängt er seine Patienten – alles am selben Schreibtisch. In der ersten Woche der Revolte hatte das Regime ihn verhaftet und eingesperrt. Die Bevölkerung stürmte das Gefängnis und befreite die Verbrecher und die politischen Gefangenen, darunter auch ihn. Seither ist Issam al-Erian frei und ruhelos. Er hetzt durch die Sitzungen der Revolte, fordert das Ende des Ausnahmezustands, ruft nach Änderung der repressiven Verfassung , besteht auf dem Rücktritt des Herrschers Mubarak. Doch ist es nicht seine Befreiung aus dem Gefängnis, nicht seine Position, die ihm sein Selbstbewusstsein gibt. Es ist der Unterbau der islamistischen Bewegung .

Ein Spaziergang durch das Mittelklasse-Viertel Dokki abseits des Zentrums von Kairo verdeutlicht den Einfluss der Bruderschaft leichter als jede Analyse der Revolte. Eine bunte Straße mit Krämerläden, einem Uhrengeschäft, Zeitungsständen. Hier eine Moschee, daneben ein Tempel der Wohltätigkeit: die Poliklinik von Dokki. Sie gehört zur Stiftung Dawat al-Haq – arabisch für »Ruf der Gerechtigkeit«. Was Gerechtigkeit meint, darauf deutet eine Tafel am Eingang. Dort sind die Preise für die Leistungen der Ärzte und die Heilmethoden ausgehängt. Sie gelten auch noch, wenn man nach der Behandlung zur Kasse geht. Eine Rarität in Ägypten. Hier lassen sich staatlich bezahlte Mediziner gern einen Umschlag zustecken und fragen zusätzlich nach einer Gefälligkeit für die eigene Familie. Privatärzte schicken der Heilung eine Rechnung hinterher, die krank macht. In dieser Poliklinik sind die Preise durchsichtig und bezahlbar. Ob die wackligen Wartestühle aus Plastik sind und unter der Decke eine alte Neonröhre knistert, ist nebensächlich. Wichtiger ist das neue Röntgengerät. Arme bekommen Preisnachlass, reiche Islamisten schießen zu. Denn sie wissen, dass hier für Gesundheit und Seelenheil zugleich gesorgt wird.

Auf dem Flachdach der Klinik steht eine Moschee aus stattlichen drei Schiffen, rundum eingefasst mit poliertem Granit. Dazu gehören ein kleines Waisenhaus und eine Schule für religiöse Erziehung. Dawat al-Haq hat offiziell nichts mit den Muslim-Brüdern zu tun, gehört aber zum Netz islamischer Einrichtungen, das sich über die dicht bevölkerten Städte Ägyptens spannt. Unter den Muslim-Brüdern sind viele Ärzte. Die Stiftungen im Umfeld der Bewegung leben von Dotationen reicher gläubiger Geschäftsleute und den Spenden Hunderttausender, die wenigstens ein paar ägyptische Lira entbehren können. Dawat al-Haq ist eine Wohlfahrts-AG, wie sie Islamisten in vielen arabischen Ländern betreiben. So sind die algerischen Islamisten, die jordanischen Muslim-Brüder, so ist auch Hamas gewachsen.

Aus Ägypten kommt die Mutterbewegung aller Islamisten. In Sues gründete der Volksschullehrer Hassan al-Banna 1928 die Gamaat al-ichwan al-muslimin, die Muslim-Bruderschaft. Damals eine soziale Bewegung junger ehrgeiziger Bürger, die des krisengeschüttelten Kapitalismus überdrüssig waren und von Erneuerung träumten – mit islamischen Werten. Die Bewegung inspirierte Prediger im Orient und in der ganzen Welt. In den fünfziger und sechziger Jahren entstanden die Filialen der Muslim-Brüder in vielen Ländern des Mittleren Ostens. In Jordanien, Marokko und der Türkei waren sie sogar an Regierungen beteiligt. Das hat sie stark verändert, am besten sichtbar an der Regierung des türkischen Premiers Tayyip Erdoğan. Nur in Ägypten blieben sie verboten, in Gefängnissen eingesperrt, vom politischen Wettbewerb ferngehalten. Sie durften keine Partei werden. So wurden sie dem Regime nicht gefährlich und konnten als Schreckgespenst genutzt werden.

Schon oft alarmierte Präsident Mubarak in dieser Angelegenheit den Westen. Auch zu Zeiten von Präsident George W. Bush, der 2005 die »moderaten« arabischen Verbündeten der USA auf demokratische Reformen verpflichtete. Widerstrebend gab Mubarak dem Drängen nach, öffnete die politischen Gefängnisse und ließ sich auf das Experiment halbfreier Parlamentswahlen ein. Die verbotenen Muslim-Brüder durften als »Unabhängige« kandidieren. Überraschend bunt war dieser Wahlkampf im warmen Herbst 2005. Liberale, Nationalisten, Sozialisten, Mubaraks Staatspartei und die Kandidaten der Muslim-Brüder gingen an den Start.