Erbsenzählerei

Es ist nur eine Schätzung, aber sie dürfte der Realität nahekommen: In jeder dritten deutschen Familie läuft ab und zu das Budget aus dem Ruder. Am Ende des Geldes bleibt dann ein Stück Monat übrig, weil mehr ausgegeben wurde als geplant. Niemand gesteht das gern ein. Die indiskreteste Frage überhaupt lautet daher: Kommt so etwas vor bei Ihnen? "Ja – vor allem jetzt, wo wir gerade umgezogen sind!" Nicole Heckmanns lacht, ohne sonderlich beunruhigt zu klingen, und auch ihr Mann Charles Neus guckt eher amüsiert. Sie haben gelernt, in solchen Fällen zu überlegen: Brauchen wir diese Lampe wirklich jetzt? Kann die Duschwand nicht zwei Monate warten? Dass bloß nicht auch noch die Waschmaschine ihren Geist aufgibt.

Typisch. Große Wünsche, schöne Pläne, aber das Leben spielt nicht mit. Ist die Rede von der Lage junger Familien, wissen es alle besser: Soziologen, Therapeuten, Pädagogen. Und die Politiker nicht zu vergessen. Warum nicht mal einen Profi rufen, den Fachmann von einer Unternehmensberatung? Lässt man alle Emotionen beiseite, ist eine Familie schließlich ein Unternehmen mit dem Zweck, den Nachwuchs heranzuziehen und die eigene Arbeitskraft zu mehren. Die Werbung hat das messerscharf erkannt und imagemäßig aufpoliert: "Ich leite ein erfolgreiches kleines Familienunternehmen", sagt die Vorwerk-Vorzeigefrau. Ein Coach also könnte der VaterMutterKind-Konglomeration auf die Sprünge helfen, was Zukunftsplanung und Personalstrukturen angeht. Nach allen Regeln des Metiers müsste der Berater die kleine Firma unter die Lupe nehmen, um zu erkennen, was sich optimieren ließe.

Marcus Kühn ist der Richtige dafür. Den 49 Jahre alten Hamburger Unternehmensberater von Synergy Partner reizt die Vorstellung, Familie Heckmanns/Neus Nachhilfe in Firmenführung zu geben. Dass er zwei examinierte Betriebswirte vor sich hat, die zudem in Banken beschäftigt sind, erleichtert ihm zwar den Einstieg.

Aber ist nicht die Theorie der Geldmengenverteilung das eine, die praktische Umsetzung etwas ganz anderes, gerade im Privaten?

Familienleben ist eine Baustelle. Selten traf die Metapher so ins Schwarze wie bei Familie Heckmanns/Neus, die soeben einen Standortwechsel bewältigt hat. Zu Neujahr ist das Paar in den weißen Kubus mit schwarzen Fensterrahmen eingezogen, der die Nachbarhäuser im Frankfurter Stadtteil Eschersheim recht bieder aussehen lässt. An diesem Freitagabend rüttelt der Wind an Plastikplanen und am Gerüst, vor der provisorischen Haustür ist der Bauschutt festgefroren. Drinnen tobt das Leben in Gestalt von Giancarlo, Féline und Fabrice, neun, sieben und vier Jahre alt und gerade vereint vor Shawn, das Schaf. Minuten später werden sie huckepack die Treppe hinaufbefördert, "gutes Muskeltraining" nennt das die Mama. Zur Überraschung der Besucher kehrt oben fast umgehend Ruhe ein.

Bis Marcus Kühn sein Diagnose-Werkzeug hervorkramt und eine Menge Fragen stellt an den 46 Jahre alten Vater Charles und seine drei Jahre jüngere Frau Nicole. Haben Sie eine Vision für Ihr Unternehmen? Definieren Sie Ihr aktuelles Leistungsprofil? Haben Sie eine Vorstellung, wo Sie in fünf oder zehn Jahren stehen? Nein, nein und nochmals nein – das habe sich alles mehr oder weniger so ergeben, lautet die Antwort der beiden. "Wir wollen gar nicht so weit in die Zukunft gucken. Lieber kosten wir jetzt jeden Tag aus", erklärt Nicole Heckmanns, und ein Blick aus ihren Rehaugen unterstreicht die Auskunft.

"Wir sind ein Unternehmen in der Wachstumsphase", sagt der Vater

Aha. Sagt der Unternehmensberater. Ganz nimmt er es den beiden nicht ab. Tatsächlich erweist sich bald, dass dieses Paar durchaus vorgesorgt hat und wenig dem Zufall überlässt. Beispiel: Alle drei Kinder besuchen die europäische Schule mit angeschlossenem Kindergarten. Nicole Heckmanns arbeitet auf einer 75-Prozent-Stelle in ihrer Bank. Mit den Unterrichtszeiten einer deutschen Grundschule ließe sich das ohne Hort oder Tagesmutter nie vereinbaren. "Als die beiden ersten Kinder noch Babys waren, war ich voll berufstätig – einfach aus dem Gefühl heraus, den Anschluss zu verpassen, wenn ich zu lange aussetze." Jetzt haben die Eltern entschieden, auf Kinderbetreuung am Nachmittag zu verzichten. Punkt 15.15 Uhr holt die Mutter die Kinder aus der Schule ab, was Betreuungskosten spart – und die Lebensqualität verbessert. Eine strategische Entscheidung des Managements.

"Überschaubare Personalkosten", notiert der Berater. Charles Neus liegt aber daran, die Entscheidung der Work-Life-Balance noch umfassender zu begründen. "Würde meine Frau nicht arbeiten, würde unsere kleine Familienfirma anders geführt – es wäre für uns alle nicht so gut." Der Niederländer hält es für selbstverständlich, dass seine Frau einen Beruf ausübt, der ihren Fähigkeiten und ihrer Ausbildung entspricht. Die deutsche Frage, wie sich das mit Kindern vereinbaren lässt, stellt sich nicht. Und er? Wann immer es sich einrichten lässt, verlässt er das Büro abends pünktlich. Wenn morgens um sechs Uhr der Wecker klingelt, ist die Arbeitsteilung strikt geregelt: Sie zieht die Kinder an, er bereitet das Frühstück und schmiert die Schulbrote. Um 7.30 Uhr verlassen alle fünf das Haus.

So allmählich wird der Familienvater mit der Denkweise des Unternehmensberaters warm. "Wir sind ein Unternehmen in der Wachstumsphase", erklärt Charles Neus. "Aber ein demokratisch geprägtes." Anders als es eben die schwedische SEB-Bankbossin Annika Falkengren formuliert hat: "Es kann keine zwei CEOs in einer Familie geben – sonst gibt es keine Familie mehr." Das Organigramm der Firma Heckmanns/Neus widerlegt diese Regel: Geführt wird sie von der Doppelspitze Nicole und Charles, die drei kleinen Abteilungen berichten direkt an die Managementebene.

"Gemeinsame Werte und eine gelebte Mitverantwortung prägen den Teamgeist", lobt Marcus Kühn. Um gleich die schwierige Frage nachzuschieben: "Wie treffen Sie Entscheidungen?" Meistens sehr schnell, antwortet Nicole Heckmanns. "Wir analysieren nicht lange." Ausnahmsweise aber doch: Sehr gründlich haben die beiden zuletzt den Immobilienmarkt studiert. Ihre Altbauwohnung wurde wegen Eigenbedarf gekündigt, eine zeitraubende Suche begann – erst sollte gemietet, dann gekauft werden, und als sich nach Monaten immer noch nichts gefunden hatte, fiel innerhalb weniger Stunden der Entschluss: Wir bauen. Da heißt es überlegen: "Der Bauch sagt nicht, was der Kopf für richtig hält." Wie muss die Finanzierung zusammengesetzt sein, damit man noch schlafen kann?

"Bedeutet das, die Standortfrage ist endgültig geklärt?", will der Berater wissen. Nicht auf alle Zeit. "Die entscheidende Frage ist doch: Wie machen wir unsere Kinder fit für die Zukunft? Müssen sie Chinesisch lernen?" Eines Tages werden die Eltern aufhören zu arbeiten, wenn die Kinder auf eigenen Beinen stehen. Wo? Vielleicht in Amerika. Oder in Asien. "Und wo werden wir dann unsere Basis haben? Das muss nicht Frankfurt sein", stellt Neus fest. Dass ein eigenes Haus als Lebensprojekt gilt, diese Denkweise ist ihm fremd.

 Ein Abend mit Babysitter geht ins Geld

Bildung und Ausbildung sind die zentralen Projekte dieses Kleinunternehmens. Jetzt sind es die Kosten für Schule, Sport und Musikunterricht, die monatlich anfallen. Später könnte das alles deutlich teurer werden, und dafür wird vorgesorgt. Wenn der Älteste um 2021 herum sein Abi macht, läuft gleichzeitig der erste Hypothekenkredit aus. Also gibt es einen Extratopf für später, in dem die Kosten für Studium und Auslandsaufenthalte angespart werden. Neulich hat der Vater Giancarlo erklärt, das Taschengeld werde knapp gehalten, damit für seine spätere Ausbildung etwas beiseitegelegt werden kann.

Auch Marcus Kühn richtet den Scheinwerfer auf die entferntere Zukunft. Stichwort Altersvorsorge – ein echtes Steckenpferd des Familienvaters Neus. Leider seien die Deutschen ziemlich risikofeindlich. Ein Riesenfehler, sich auf die gesetzliche Rentenversicherung zu verlassen. Die betriebliche Altersversorgung schöpft er gezielt aus. "Unternehmensbudget wird kontrolliert. Ausgaben werden priorisiert", notiert Marcus Kühn. "Priorisiert" – klingt richtig professionell. Im Gegensatz zu altbackenen Begriffen wie Ehegattensplitting, Kinderfreibetrag, beitragsfreie Krankenversicherung für den Nachwuchs. Charles Neus winkt ab. Nicht alle, aber doch etliche Transferleistungen des Staates kennt er. Im Zweifel verlässt er sich nicht darauf.

Um entscheiden zu können, muss man sich informieren. Nicole Heckmanns hat gerade in der Bauphase intensiv das Internet genutzt – für Preisvergleiche oder nur, um zu schauen, was sich bietet. Zeit spare man mit Online-Kauf nicht, Geld schon eher, stellt sie fest. Ach ja, das Sparen. Vor einiger Zeit hat das Paar sich vorgenommen, einen Abend im Monat etwas zu zweit zu unternehmen. "Vergiss es." Geht ins Geld so ein Abend mit Babysitter. Gestrichen – genauso wie der Traumurlaub in Südafrika. Vielleicht später.

So weit, so gut. An einigen Punkten, resümiert Kühn, ließe sich nachsteuern. "Neben der Fokussierung auf eine gute Ausbildung der Kinder und ein Altersvorsorgekonzept sollten Sie bei der Planung auch die Sicherung und Aufrechterhaltung (etwa durch Weiterbildung) der Erwerbstätigkeit der Eltern berücksichtigen." Immer das schlimmste Szenario im Kopf haben, heißt das – den Jobverlust. "Eine bewusstere Auseinandersetzung mit der Sicherung und Ausschöpfung der Einnahmepotenziale ist empfehlenswert."

Jetzt, da der Rotwein entkorkt ist, macht sich bei den Beratenen Erleichterung breit: Aufschlussreich, zur Abwechslung unter einem anderen Vorzeichen zu prüfen, was man tut und für selbstverständlich hält. Und übrigens: "Uns gefällt es hier, schlecht ist es in Deutschland nicht. Familien werden solide unterstützt: Das Kindergeld ist viel höher als in den Niederlanden." Und erst das Gesundheitssystem – großartig!

Der Standort D hat seinen Charme. Vielleicht bleibt Heckmanns/Neus noch eine Weile.