Abenteuerspielplatz für Erwachsene

Freiburg. Wer von Osten ins Vauban läuft, wird von einem riesigen, knallbunten Pippi-Langstrumpf-Wandbild begrüßt: "Wir machen uns die Welt, widde wie sie uns gefällt!" Darüber leuchten aufgemalte Luftballons mit Feminismus-Zeichen, Hammer und Sichel, Anarchostern und Atomsonne. Aber das hier ist kein Kinderkram, keine Villa Kunterbunt. Im grünsten Viertel Deutschlands, dem Vauban in Freiburg , hören sie es zwar nicht so gern, wenn man von "Modellstadt" spricht. Schließlich leben hier 5000 Leute ein "ganz normales Leben".

Aber es ist ein besonders ehrgeiziges Leben. Es soll nicht nur weniger Wärmeverluste und Müll produzieren als anderswo. Es soll auch solidarischer, demokratischer, rationaler zugehen. Autofreie Straßen, Passivhäuser, Solardächer und Vakuumtoiletten haben dem Vauban internationalen Öko-Glamour verliehen. Neulich sei ein Japaner gekommen, erzählt eine Bewohnerin, und habe ihre Biomülltonne fotografiert. "Bitte die Bewohner nicht füttern!", steht an manchen Eingängen. Vauban war das Juwel auf der Expo in Shanghai.

Außerdem ist das Vauban ein 38-Hektar großes Labor der grünen Utopie, eine Probebühne der "Dafür"-Republik. Sieben Mal wird in diesem Jahr gewählt, und in einigen Ländern dürfen die Grünen mit hohen Zuwächsen rechnen. Vauban – sieht so die Zukunft aus?

Jedenfalls hat man hier Bürgerbeteiligung bis zur Erschöpfung. Von der Wandfarbe bis zum Umgang mit den eigenen Ausscheidungen haben die Bewohner alles in zähem Ringen gemeinsam entschieden. Die Akademiker, die hier wohnen, tauschen auf öffentlichen Regalen ihre Bücher aus. Nachbarn wissen sofort, wenn ein Paar es nicht mehr miteinander aushält oder wenn man längere Zeit keine Lust mehr hatte, den Verpackungsmüll auseinanderzunehmen. Vauban, das ist Glanz und Schatten einer Öko-Utopie, die bald in die Hände einer zweiten Generation übergeht. Niemand weiß, was sie daraus machen wird.

Der in Freiburg geborene Architekt Bobby Glatz war Student, als er 1990 das erste Mal einen Fuß ins Vauban setzte. Damals brauchte er dazu noch die Genehmigung des französischen Militärkommandanten: Das Vauban war eine Garnisonsstadt. Beim heimlichen Fotografieren lernte Glatz auch den Bunker kennen. Die Alliierten hatten ihre Soldaten hier einquartiert und die Kasernen nach Sébastien le Prestre de Vauban benannt, dem Festungsbauer Ludwigs XIV. Ursprünglich ist das Viertel aber von der deutschen Wehrmacht gebaut worden, als Anlage für den Angriffskrieg.

Hier das linke Prekariat, dort die grünen Rechtsanwälte

Für Bobby Glatz, der einen Pferdeschwanz trägt und keine Stadtteilversammlung auslässt, war all das geradezu elektrisierend. Seine Diplomarbeit hieß Rezivilisierung militärischer Anlagen und beschrieb die Verwandlung der zwölf Militärgebäude, jeweils 50 Meter lang und 17 Meter breit. Studenten, alleinerziehende Mütter, Maler, Punks, Handwerker und Architekten nahmen sie friedlich in Beschlag. "Was wir wollten, war so etwas wie Christiania ", erzählt Glatz mit Verweis auf das Hippiedorf bei Kopenhagen. "Mit einfachen Mitteln bezahlbaren und selbstbestimmten Wohnraum für kollektive Wohnformen herstellen, und zwar ausgerechnet da, wo vorher Militärs herrschten." Begehbaren Pazifismus sozusagen. 

Da kann er schon ins Schwärmen geraten, wenn er an die neunziger Jahre im Vauban denkt, an die leer geräumte Kaserne mit ihren Mannschaftsgebäuden, Werkstätten und Wellblechhallen. "Es war so eine Art Abenteuerspielplatz für Erwachsene", sagt Glatz. Als Protestaktion veranstalteten sie damals mal ein "Frühstück im Grünen", frei nach Manet. Sie gründeten die SUSI (Selbstorganisierte unabhängige Siedlungsinitiative), um sich vier Häuser in zähen Verhandlungen mit der Stadt zu erkämpfen.

Die SUSI-Leute bilden das linke Spektrum des Vauban. Sie trifft es besonders, wenn in Nachbarvierteln von den "Patriziern" die Rede ist. Den Rechtsanwälten, die für ihren luxuriösen Lebensstil und ihren radical chic auch noch Geld von der Stadt wollten, das dann den Problemvierteln fehle. "Neulich bin ich im Restaurant Süden gewesen", erzählt ein Sozialdemokrat, der im Rathaus arbeitet. "Da sitzen Familien mit vier Kindern, die sich da ein komplettes Menü genehmigen. Ich frage mich, wie die das machen!" Hier das linke Prekariat, da die gut situierten, ökologisch denkenden "Lohas" (Lifestyle of Health and Sustainability) – es sind dieselben Milieus, die es bei den Grünen auch gibt.

Vor ein paar Monaten haben sich einige Aktivisten, sogenannte Wagenburgler, am Osteingang postiert, um gegen ein "Green Business Center" zu protestieren, das die Stadt dort bauen wollte. Die Wagenburgler leben in selbst gezimmerten Wohnwagen, kamen mit ihren Trommeln, ihren Rastalocken und Lagerfeuern. "Green Capitalism is a lie", stand auf einem Holzbrett. "Nie wieder Deutschland" auf der Homepage. Die Anwohner beschwerten sich über Lärm und Dreck der "Schattenparker". Aber im Vauban holt man in solchen Fällen nicht die Polizei, sondern das (von der Stadt bezahlte) Quartiersmanagement. Eine argentinische Einwanderin namens Patricia de Santiago spricht dann so lange mit beiden Seiten, bis man sich zumindest nicht mehr hasst.

 

Wer will, kann probeleben im Vauban. In der Paul-Klee-Straße gibt es schöne Ferienwohnungen im Passivhaus, mitten zwischen den Mietern und ihren Kindern, deren Erfolge und Misserfolge auf dem Klavier man dann hautnah miterlebt. Es sieht nicht dörflich aus in diesen Straßen, sondern wie in einer Bauhaus-Siedlung, mit Holzverkleidung, glänzenden Aluminiumrohren, knalligem Gelb, Rot und Blau, vielen Büschen, Bäumen und Sandhügeln. Im Sommer muss es herrlich sein. Bis tief in den Herbst hinein sitzen abends die Nachbarn zusammen im Laternenlicht auf der Veranda und plaudern – über Tempo 30 oder über Sterbehilfe oder den Streit zwischen Kristina Schröder und Alice Schwarzer. Viele sind hierhergezogen, weil sie nicht allein sein wollen. "So sinnvoll habe ich noch nie gewohnt", sagt ein Schriftsteller aus Stuttgart. "Wenn ich abends nach Hause komme, dann kennen mich alle in meiner Straße. Wenn jemand in Not gerät, werde ich helfen, und ich weiß, die anderen helfen mir. Wenn ich mich zurückziehen will, setze ich mich auf den Ostbalkon."

Was passiert, wenn sich niemand mehr engagieren will?

Andreas Delleske ist Elektroingenieur und hat Hunderte von Gruppen durchs Quartier geführt. In seiner Wohnung hat er die Wand hinter dem Klo verglast, um die Rohre sichtbar zu machen, den Besuchern zu zeigen, wie seine Vakuumtoilette funktioniert. "Mir geht es nicht um grüne Politik oder so was. Mich interessiert, wie man mit den Einsichten über Ressourcenknappheit konsequent umgeht." Er kennt die Folklore über das Vauban schon. "Schreiben Sie, was Sie wollen", sagt er. "Aber bitte kommen Sie nicht wieder mit der ›größten Dichte an Salzkristall-Lampen der Bundesrepublik‹, das steht schon in allen Artikeln über uns." Die Verlockung, sich über Leute mit guten Absichten lustig zu machen, ist offenbar groß.

Aber Delleske zitiert unerschrocken einen Satz von Gandhi: "Erst ignorieren sie dich, dann lachen sie dich aus, dann bekämpfen sie dich, und dann gewinnst du." Natürlich gebe es im Vauban Esoteriker und Irrationale. "Ich zum Beispiel habe nichts gegen Elektrosmog. Aber kann ich deshalb nicht mit Leuten nicht auskommen, die an Elektrosmog glauben?" Im Zweifel kommt es auf die Heizkostenrechnung an. Seine betrug im vergangenen Jahr ganze 98 Euro.

Auf den grünen Bürgermeister Dieter Salomon ist hier kaum jemand gut zu sprechen. "Der präsentiert sich gern mit dem Vauban in Shanghai, spöttelt aber immer über uns", meint Delleske. "Für die Details ökologischen Wohnens und Lebens interessiert er sich nicht, und für die Art von Bürgerbeteiligung, die wir hier haben, hat er eigentlich nur Spott übrig. Der hat ja schon seine Dissertation darüber geschrieben, dass Basisdemokratie nicht funktioniert." Längst hat sich im Freiburger Gemeinderat eine abtrünnige Grünen-Fraktion gegründet. Darauf angesprochen, meint Salomon, er sei schließlich für ganz Freiburg zuständig. Er habe natürlich Respekt vor den Leistungen der Bewohner des Vauban. Aber, nein, dort hinzuziehen, das wäre "im Leben nichts für ihn". Zu viel soziale Kontrolle, zu viel Öko-Konformismus. Er zitiert den Fall einer Buchhändlerin, die vom Verein für autofreies Wohnen angezeigt worden sei. Die Frau wollte ihr Auto auf dem Stellplatz einer Bekannten aus dem Vauban parken.

Im Quartiersmanagement haben sie eine ganz andere Sorge. Sie fürchten, dass das Vauban zu erfolgreich geworden ist. Dass alles so gut klappt, dass sich niemand mehr für die Gemeinde engagieren will. Im Oktober hat die Schlichterin Patricia de Santiago eine Gesprächsreihe organisiert: Wohin wollen wir mit dem Vauban? Die üblichen Verdächtigen kamen. "Die Bezeichnung ›Passivhaus‹ kriegt da plötzlich eine ganz neue Bedeutung", sagt sie. Ihr Lächeln ist melancholisch.

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