Kairo. Ein bizarrer Befehlston liegt über dem revolutionären Ägypten. Noch bejubeln die jungen Leute vom Tahrir-Platz ihren Sieg über den gestürzten Herrscher. Doch fast täglich tritt ein General mit zwei Schwertern auf der Filzmütze vor die Kameras. "Im Namen Gottes, des Barmherzigsten und Gnädigsten", brummt er und verliest dann den neuesten Befehl des Hohen Militärrats. Mit knappen Worten löst er das Parlament auf, stößt die Verfassung beiseite, kürt die Opposition zum Gesprächspartner, erklärt den Rat zum Inhaber aller Macht im Land. In hohem Tempo verändert sich das größte arabische Land. Ägypten ist frei, aber die Revolution ist von Panzern umstellt . Viele Demonstranten fragen, ob das die Umwälzung ist, für die sie 18 Tage lang gekämpft haben, für die über 300 Menschen gestorben sind. Was ist das für eine Armee? Was will sie: Interessen wahren, Ägypten nach innen und außen auf Kurs halten, Freiheit oder Diktatur?

Einige Gebäude in Kairo sind so sicher, dass kein Panzer davorstehen muss. Die Militärakademie im Stadtteil Heliopolis etwa, ein mehrere Hektar großes Gebiet mit Universität, Moschee, Sporthalle und Fußballarena. Dort hat der Chef der Armee und derzeit mächtigste Mann Ägyptens eine eigene Tribüne: Feldmarschall Mohammed Tantawi. Er war die rechte Hand Mubaraks, ein loyaler Verteidigungsminister, bis er am elften Tag der Proteste auf den Tahrir-Platz zu den Demonstranten ging. Da zeichnete sich ab, dass die Armee nicht eingreifen würde wie 1986, als sie im Auftrag des Präsidenten einen Aufstand der Sicherheitskräfte erstickte. Diesmal weigerte sich der Generalstab, die Revolte niederzuschießen. Das war das Ende Mubaraks.

In das lichtgelbe Hauptgebäude der Akademie geht es durch einen Ehrenhof, vorbei an Säulen mit korinthischen Kapitellen, Marmortreppen. Ein Dozent der Akademie erzählt von seinen Schülern, hohen Offizieren und Generälen. "Sie kommen aus der ägyptischen Mittelklasse." Das unterscheide sie von der alten Mubarak-Elite, deren schamlose Bereicherung sie verachteten. Überhaupt verdächtigen sie die Gesellschaft außerhalb des Kasernentors, korrupt zu sein. "Sie sind sehr konservativ", sagt der Dozent. Ruckartige Veränderungen fürchten die Offiziere ebenso wie die mögliche Stärke der Muslimbrüder. Der militärische Geheimdienst achte darauf, dass sie ihren Einfluss in den Streitkräften nicht ausdehnten. Dabei seien die Offiziere meist selbst religiös, aber nicht im Sinne des politischen Islams. Der Dozent unterbricht seine Lektionen während der Gebetszeiten. "Die Soldaten sind aus dem Volk, sie sind wie das Volk."

Das war in den Tagen des Aufstands gut zu beobachten. Die Truppen auf dem Platz der Befreiung in Kairo hatten keine Berührungsängste. In der Nacht, in der Mubarak stürzte, küssten sich Soldaten und Revolutionäre vor Glück. Hätte es zuvor einen Schießbefehl gegeben, wären die Streitkräfte wahrscheinlich zerbrochen, sagen viele Ägypter. Die Armee stand Spalier für den Umsturz und rettete sich dabei selbst – als wichtigste intakte Institution des Staates. Auch für die Demonstranten bleibt sie der Stolz der Nation.

Unweit der Militärakademie hat der Stolz ein Museum: das Panorama des Kriegs gegen Israel von 1973. Im Garten mähen Soldaten in bordeauxroten Pullis den Rasen, Sprenger befeuchten die Blumenbeete. Drei Panzer erzählen vom strategischen Zickzackkurs der Armee im 20. Jahrhundert. Ein englischer Mark-IV-Churchill aus den dreißiger Jahren, als König Faruks Ägypten unter britischer Kuratel stand. Ein sowjetischer T-54 aus den frühen sechziger Jahren, als Präsident Gamal Nasser Ägypten an die Seite Moskaus führte. Ein amerikanischer M-60, geliefert in den siebziger Jahren, als Staatschef Anwar al-Sadat Richtung Washington schwenkte.