Auch im Umgang mit ihren Kritikern neigten Afrozentristen mitunter zu Unterstellungen und Polemik. Dies musste etwa der in Princeton lehrende Philosoph Kwame Anthony Appiah erfahren. Appiah hat sich um eine geistesgeschichtlich fundierte Dekonstruktion des Rassenbegriffs verdient gemacht. In seinem preisgekrönten Essayband In My Father’s House von 1992 legt er dar, dass es zwar keine Rassen, aber Rassismus gibt.

Die Krux liegt Appiah zufolge darin, dass entschlossene Antirassisten Gleichheit für etwas postulieren, das nicht existiert, und auf diese Weise den Rassismus nicht wirklich unterlaufen. In diesem Zusammenhang kritisierte er wiederholt und mit Nachdruck die verbreiteten Anstrengungen, eine universale "schwarze" oder "afrikanische" Identität zu begründen. "Wir werden unsere Probleme nur lösen", schreibt Appiah, "wenn wir sie als menschliche Probleme sehen, die aus einer spezifischen Situation erwachsen; wir werden sie nicht lösen, wenn wir sie als afrikanische Probleme auffassen, die aus unserem vermeintlichen Anderssein herrühren." Diese Sicht hat ihm von Afrozentristen den Vorwurf eingebracht, ein "gestandener Antiafrikaner" zu sein.

In Afrika selbst haben bisher nur wenige Wissenschaftler das afrozentrische Konzept aufgegriffen, Gleiches gilt für Europa. Wie der Ethnologe und Afrikanist Thomas Reinhardt, Autor der einzigen fundierten deutschsprachigen Monografie zum Afrozentrismus, treffend feststellt, ist das Afrika von Asante und seinen Mitstreitern ein "Afrika, made in the USA". Der Afrozentrismus ist nur vor dem Hintergrund der Emanzipation der Schwarzen in Nordamerika und des Jahrzehnte währenden Kampfes gegen Rassismus und Diskriminierung zu verstehen. Afrika dient häufig als bloße Projektionsfläche.

Allein die afrozentrische These, das alte Ägypten sei eine schwarzafrikanische Kultur gewesen, hat eine größere Öffentlichkeit erreicht. Sie geht auf den senegalesischen Historiker und Physiker Cheikh Anta Diop (1923 bis 1986) zurück. Diop, der wichtigste Ideengeber des Afrozentrismus überhaupt, hatte den ägyptischen Begriff kemet , was etwa "schwarzes Land" bedeutet, auf die Bewohner des Landes bezogen und nicht wie üblich auf das Land selbst – auf die Farbe des Nilschlamms nämlich.

Wie viele nationalistische Historiker seiner Zeit wollte er die durch den Kolonialismus verschüttete "wahre Geschichte Afrikas" freilegen. Just in seiner Heimat aber, dem Senegal, der 1960 wie viele andere afrikanische Länder die Unabhängigkeit erlangte, erlitt Diop eine bittere Niederlage. Der Dichter Léopold Sédar Senghor (1906 bis 2001) wurde erster Präsident des neuen Staates. Einst hatte er gegen die Unterdrückung angeschrieben; in den Jahren von 1960 bis 1980 aber unterdrückte er selbst seine Gegner mit eiserner Hand. Diop wurde einige Male unter Arrest gestellt, denn der von ihm vertretene Panafrikanismus kontrastierte deutlich mit der Politik Senghors, dessen wirtschaftspolitisches Konzept stark auf eine Bindung an das ehemalige "Mutterland" Frankreich ausgerichtet war.

Doch auch wenn das afrozentrische Projekt in Afrika vorerst keine Wirkung entfaltet hat und Asante, Diop und Co. keinen alternativen Weg der historischen Wissensproduktion gewiesen haben, lohnt es sich, den einen oder anderen Aspekt aufzugreifen. So hat vor allem der Appell, Afrikaner als handelnde und handlungsmächtige Subjekte zu begreifen, nicht an Bedeutung und Aktualität verloren. Gerade in der gegenwärtigen Situation des Umbruchs ist es wichtig, dass die Afrikawissenschaftler mit ihrer differenzierten Sicht des Kontinents nicht unter sich bleiben. Sie müssen einem breiteren Publikum die Geschichte vermitteln, aus der Afrikas gegenwärtige Probleme resultieren – und aus der die Zukunft des Kontinents erwachsen wird.

Der Autor, Andreas Eckert, ist Professor am Institut für Asien- und Afrikawissenschaften der Humboldt-Universität Berlin